Die kommunizierenden Gefäße.
Buch von Friederike Mayröcker (2003, Suhrkamp).
Besprechung von Cornelia Jentzsch in der Frankfurter Rundschau, 4.9.2003:

Aderlass
Neues von Mayröcker

Das Anliegen des Dichters muss es sein, in das Innere der Dinge zu sehen", zitiert Friederike Mayröcker ihren langjährigen Gefährten Ernst Jandl, der unlängst verstarb. Ihr neuer Band heißt Die kommunizierenden Gefäße, ist knapp neunzig Seiten kurz - und dennoch ein langer, langsamer Abschied von ihrem Schreib- und Lebensdoppel; gleichzeitig ist es ein Buch über das Schreiben an sich.

Friederike Mayröcker versucht, Jandl, den noch immer Lebendigen, nochmals unter die Lebenden zu holen, seine Kontur noch einmal zu umreißen, einzubrennen in das Gedächtnis, in die alltäglichen Verrichtungen. Die kommunizierenden Gefäße, die der Tod abschnitt, werden weiter versorgt, nicht als imaginäre Linien, sondern als reale Verbindungen zwischen den entgegengesetzten Räumen der Lebenden und der Toten. "Ich glaube, sage ich zu EJ, dass nur 1 Morgenröte uns noch von einander trennt, indes ich hauchartig durch diese Buchstabenwelt hindurchgehe."
Der fehlende Jandl wird eingekreist, die Lücke mit schreibender Anwesenheit gefüllt - ein An- und Abwesenheitstaumel. "Passagen des Abschieds, und was zählt, ist was wir tun, wenn wir sprechen, schreibt Derrida, was wir uns tun, wie wir uns wieder berühren, indem wir unsere Stimmen mischen." Es ist ein erschütternder Band, weil er beweist, wie lebendig und wie widerstandsfähig gegen den Tod das Leben ist, bis in seine geistigen Verbindungen und Verwachsungen hinein. Du wirst meinem Tod standhalten, hatte Jandl, vorausweisend, zu Friedrike Mayröcker gesagt.

Immer wieder taucht in diesem Buch Ernst Jandl, EJ, als kommentierende, aus dem Off sprechende Stimme auf, ein Gesprächsgegenüber und nichtversiegendes Echo vom anderen Ufer des Lethe. Die Gefäße, die kommunizierenden, die in Mayröcker und Jandl zusammengewachsen waren und beide siamesisch verbanden, durch die das Schreib- und Denkblut in einem gemeinsamen Kreislauf pulsierte, arbeiten weiter. Ein Phantomschmerz spricht, die zuckenden Nervenenden eines amputierten Körper- und Denkteils, der anderen Hälfte des Schreibkörpers. So anwesend, dass er körperliche Schmerzen und Defekterscheinungen provoziert: "ich liege 1 ganze Nacht an deinem Herzen, sage ich zu EJ..., dann der Erstickungsanfall am Morgen, sage ich, hatte mich heißer geschrieen bei diesem Erstickungsanfall, bekam keine Luft mehr, Sie müssen sich beim Trinken Zeit lassen, sagt der Arzt..."
Jandls noch immer anwesende Stimme spielt im Prozess des Abschiednehmens eine besondere Rolle. Manchmal sind es Erinnerungen an Gesagtes, die Friederike Mayröcker notiert, manchmal aber scheint es, als würde Ernst Jandl unmittelbar sprechen, weil ihre innere Stimme zur seinigen wird. Mit der Stimme bleibt eine Körperlichkeit anwesend und der Mensch in der Nähe. "Ich werde dich noch am gleichen Tag, am Tag meines Todes, anrufen, sage ich zu ihm, so wie ich dich von allen Orten der Welt, an die ich gereist bin, angerufen habe, ... und du hast gewartet auf meinen Anruf." Blutaustauschende Dialoge, blutübertragende Sprache, die kommunizierenden Gefäße der lebendigen Worte. Eine magische Körperforschung sei das Schreiben, habe Ernst Jandl gesagt.

Ebenso wie Jandls Stimme durchziehen Träume von Friederike Mayröcker das Buch: "ich sage im Traum zu EJ, ich fürchte, ich werde Dich nie mehr wiedersehen". Traum und Schlaf sind dem Tod sehr nahe, in der abwesenden Anwesenheit des Traumes kann sich der Mensch der anwesenden Abwesenheit des Todes nähern. Ein unbewusster, instinktiv vom Schmerz gesteuerter Vorgang der Vergewisserung. Auch gleicht der Traum jenem somnambulen, paralysierten Zustand, der ausgelöst wird vom Schock der Leere, wenn ein naher Mensch stirbt.

Gleichzeitig bleibt das Schreiben ihr Hand- und Haltegriff zum Leben, so wie es bei Friederike Mayröcker schon immer war. "Ich beginne den Tag indem ich versuche, jegliche kleinste Veränderung, jeden Handgriff zu verbalisieren, das ist 1 Schreiben hinter dem Schreiben, sage ich, es löst sich alles in Sprache auf." Schreiben wird zum Wort- und Schreibrausch, der die kommunizierenden Gefäße zur Welt regeneriert und neue bildet, "verschlinge die Sprache während des Tippens als wären es Süßigkeiten". Jandl habe ihr einmal gesagt, ihr Schreiben sei das fortwährende Sprechen ihres Leibes. "Habe Sehnsucht nach meinen noch nicht geschriebenen Büchern nach diesen noch nicht geschriebenen Zeilen, Seiten, Saiten und Strähnen, wild und wolfig." Die Sprache springt auf, eine Knospe, ein Hund, ein Urtier bei Friederike Mayröcker. Ein Lauern, langsames Säftesammeln und nicht zu besiegende Lebenskräftigkeit. Triebe, fast Triebhaftigkeiten, die sich zuverlässig die Adern zum Papier bahnen.

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