Die komische Frau von Ricarda Junge, 2010, S. Fischer1.) - 2.)

Die komische Frau.
Roman von Ricarda Junge (2010, S. Fischer).
Besprechung von Gudrun Norbisrath in der WAZ, vom 11.8.2010:

In der Wohnung spukt das DDR-Gespenst
Der neue Roman von Ricarda Junge ist gefällig erzählt, und er hat eine verrückte Pointe - leider ist sie schlecht

Dass Geschichte ein Mysterium wäre, wird man nicht gerade sagen können. Es muss der aktuelle Trend zum Geheimnisvollen sein, der eine junge Autorin beflügelt, deutsche Vergangenheit als Fantasymärchen zu erzählen - aber wenn die DDR als Gespenst umgeht, hört der Spaß auf.

Ricarda Junge ist 1979 geboren, wie ihre Ich-Erzählerin und ihr auch sonst verwandt. Dass Lena, die in Berlin Gespenster sieht, ein bisschen Theologie studiert hat (bei Junge war es Jura), gibt der Sache bemühten Tiefsinn. Denn Leander, der Vater ihres kleinen Sohnes, liest Karl Marx, bewundert Willy Brandt und raucht kubanische Zigarren. Lena nennt er reaktionär. Im Jahr 21 nach der Wende klingt das putzig, für die Geschichte hat es keinerlei Bedeutung.

Lena hat sich von Leander getrennt, kurz nach dem Einzug in die gemeinsame Wohnung, sie liegt nahe der Karl-Marx-Allee; welch ein Zufall.

Ricarda Junge lässt Lena erzählen, durchaus sprachschön und manchmal berührend; vom Älterwerden und allein Zurechtkommen in einer unsicheren Welt. Das ist wenig inspiriert, doch das bedächtige Schildern blühender Äste und gurgelnder Kaffeemaschinen spiegelt den Alltag angenehm unaufgeregt.

Mystisches Geraune

Das ändert sich. Das Kind sieht eine komische Frau und die Mutter auch, Fenster öffnen sich, die Waschmaschine läuft aus, die Herdplatte glüht. Der Leser erinnert sich ungut, dass bei der Besichtigung der Wohnung Donner grollte, und er ahnt, dass das Gewese mit den verschlagenen Kommunisten zu tun hat, die das Haus bevölkern und die Hausbücher bewachen wie der Drache das Nibelungengold. Spätestens, wenn eine Untote auftaucht, sieht sich der genervte Leser genötigt, zurück zu blättern. Da war doch was...?

Ja. Der erste Satz; er liest sich wie eine eidesstattliche Erklärung. "Im Folgenden werde ich davon berichten, was sich zwischen dem dreizehnten April und dem zehnten Mai dieses Jahres im Haus Löwestraße eins in Berlin-Friedrichshain Sonderbares ereignet hat." Das klingt, als müsste vorab der Stempel der Wahrhaftigkeit auf dies mystische Geraune gedrückt werden - was kopfschüttelnd zu registrieren wäre, folgte nicht der merkwürdige Satz: "Mein Glaube soll mein Schutzschild sein: der Glaube an die reinigende Kraft des gesprochenen und geschriebenen Wortes."

Wie - will uns dieses Buch etwa befreien vom Dämon DDR? Allein der Gedanke, dass es so gemeint sein könnte, ist zutiefst deprimierend.

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Die komische Frau von Ricarda Junge, 2010, S. Fischer2.)

Die komische Frau.
Roman von Ricarda Junge (2010, S. Fischer).
Besprechung von Sebastian Gilli in Der Standard, Wien vom 31.12.2010:

Die Geister aus den Ritzen
Ricarda Junges Roman "Die komische Frau" bewegt sich zwischen Fantastik und Realität. Ein Post-DDR-Bericht aus Berlin

Die Geister der Vergangenheit kommen nicht zur Ruhe, sie hausen in den Ritzen alter Häuser, sie erscheinen in Menschengestalt und tauchen auf, wenn sie nicht erwartet werden. Oder sie sind formlose Schatten, die sich zwanzig Jahre nach dem Ende der DDR über Berlin ausbreiten.

Zeitgeschichte ist in dieser Stadt allgegenwärtig, und viel Stoff wurde in den letzten Jahren über die "Ostler", die Ostdeutschen, erzählt oder zu Filmen verarbeitet. Die deutsche Schriftstellerin Ricarda Junge, aus dem westlichen Wiesbaden gebürtig und in Berlin lebend, verarbeitet in ihrem dritten Roman Die komische Frau berlinspezifische Stadt- und Grenzerfahrungen. Wie in ihren vorhergehenden Werken spricht sie aus der Ich-Perspektive einer Frau.

Diesmal ist es der Bericht Lenas über unbehagliche Zufälle und unheimliche Begegnungen. Die Verflechtung eines sachlichen Berichts mit dem Fantastischen im Sinne des Unheimlichen weist auf Junges Arbeitsstil: Sie hebt das Erzählte auf unterschiedliche Ebenen und vermischt diese ganz unspektakulär und dennoch eindrucksvoll. "Mir ist bewusst, dass es für die Ereignisse der letzten Wochen möglicherweise eine psychologische, rationale Erklärung gibt, die sich mir im Moment jedoch nicht erschließt."

Lenas einleitende Worte führen in assoziativen Rückblenden immer tiefer in die Eingeweide von verkrusteten, ewiggestrigen Strukturen stalinistischer Prachtbauten und ihrer Bewohner hinein. Die Stadt, auch in Junges bemerkenswertem Roman Eine schöne Geschichte (2008) zentraler Akteur, verdichtet sich auf den intimen Lebensbereich der Wohnung. Lena und ihr Freund Leander, beide Anfang dreißig, gehören zum sogenannten Kreativprekariat. Sie haben Kurzzeitjobs, arbeiten auf Honorarbasis und müssen immer neue Wege erfinden, um zu Geld zu kommen. Für die Jungfamilie, er freier Journalist, sie unbekannte Schriftstellerin, ist die wirtschaftliche Situation prekär. Sie ziehen mit ihrem Sohn Adrian von Hamburg nach Berlin in eines jener Vorzeigehäuser in der Nähe der Karl-Marx-Allee, die zu DDR-Zeiten Regimetreuen vorbehalten waren. Angezogen vom "ostigen" Flair und Lebensgefühl richten es sich die "Westler" ein, weil es schick ist, im Ostteil zu wohnen, wo alles noch ein bisschen schmuddeliger und hipper ist.

Die Zugezogenen sind belustigt über die alten Mieter, die wie in alten Zeiten Hausbücher führen. Eine Hausvertrauensfrau "sorgt" sich um alle. DDR-Nostalgie kommt keine auf, in der Wirtschaftskrise zerbricht die Liebe und Leander zieht aus. Von nun an spricht der Bub von der komischen Frau, die nur er sehen kann. Die Mutter ist mit der Fantasiewelt des Buben überfordert, kleine Missgeschicke, die ihr passieren, verwirren sie. Der Alltag und damit die Selbstsicherheit in den einfachsten Handlungen entgleiten Lena zusehends. Scheinbar Unbedeutendes wird an anderer Stelle zentral und die gut gemeinte Nachbarschaftskontrolle zu einem bedrohlichen Netz aus Angst und Abhängigkeiten.

Wie bei einem Krimi fordert Ricarda Junge ihre Leser heraus mitzudenken. Aber Die komische Frau lässt sich nicht auf eine Kriminalstory reduzieren, sondern verbindet eine moderne Geistergeschichte und Ost-West-Begebenheiten mit einem Großstadtroman. Unbeeindruckt von der Genrevielfalt erscheint die karge und nüchterne Sprache, fast im Protokollstil abgehandelt, mit der die Gratwanderung zwischen Fantasie und Alltagsrealität auf sorgfältige Weise gelingt. "Was immer auch geschieht, geschieht auf ein Wort hin." Ein seltsam unbehagliches Lesevergnügen.

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