Die Kohle-Saga von Rafael Seligmann, 2006, Hoffmann&Campe

Die Kohle-Saga.
Roman von Rafael Seligmann (2006, Hoffmann & Campe).
Besprechung von Jens Dirksen aus der NRZ vom 12.12.2006:

Revierroman-Ruine
Rafael Seligmanns "Kohle-Saga" kommt über gedruckten Schulfunk nicht hinaus.

Literaturgläubig und unermüdlich hallt immer mal wieder der Ruf nach dem großen Ruhrgebietsroman durchs Revier - als seis dann gut und über allen Zipfeln Ruh. Der sehr ortskundige Jürgen Lodemann hat zuletzt vermutet, das Ruhrgebiet sei zu vielschichtig und vielgesichtig für einen einzigen Roman. Wie eine trotzige Antwort darauf mutet Rafael Seligmanns "Kohle-Saga" an, die heute erscheint. In diesem "Tatsachenroman" sieht man einen Familienstammbaum von altem Hauer-Adel wachsen. So geht es zurück zu den oberschlesischen Bauers-Wurzeln von Leszek Bialowons, aus dem ein entpolackisierter Leo Bialo wird, und es endet mit bayrisch-italienischen Triebspitzen im Revier der späten 60er Jahre, das von der Kohlekrise geschüttelt und gerührt wird.

Die RAG verschenkt 80 000 Exemplare

Leo ist Sozialdemokrat, züchtet Tauben und gibt einem alten Grubengaul das Gnadenbrot, bevor er auf eine Kuh umsattelt, was ihm erst den Spott der Kolonie einbringt und dann Milch in den Hungerjahren des Ersten Weltkriegs. Leo Bialo wird früh Witwer, und aus seinen Söhnen werden gute Bergleute oder böse Nazis; Tochter Renata hätte Ärztin werden können, aber sie bescheidet sich dann doch als Krankenschwester und Hebamme, um am Ende wieder mit einem Bergmann zusammenzuleben. Doch so viel Schicksal sich da auch abspielt, diese Ruhrgebietsfiguren sind aus lauter bekannten Versatzstücken zusammengepappt. Der kühl distanzierte Ton, in dem sie vorgestellt werden, schützt sie auch noch davor, dass man sich für sie interessieren könnten.

Doch das ist nur die eine Hälfte des Buches. Die andere besteht aus einer schulbuchartigen Chronik deutscher Geschichte mit besonderer Berücksichtigung des Ruhrgebiets und der Kohleförderung samt sozialpartnerschaftlich-industriepolitischer Strukturmaßnahmen bis hin zur Gründung der RAG, die das Buch denn auch in Auftrag gegeben hat. Sie will die ersten 80 000 Exemplare der Kohle-Saga vor allem an ihre Mitarbeiter verschenken.

Als eine etwas andere Firmenchronik ist die "Kohle-Saga" noch ein origineller Versuch. Aber die schlichte Machart dieses "Tatsachenromans" und sein oberlehrerhafter Gestus, der stilistisch zum Ärmelschoner- und Generalanzeigerdeutsch gerinnt, könnte die Menschen im Revier zu Recht empfindlich reagieren lassen. Überhaupt, die unausgegorene Sprache: Völlig unkritisch übernimmt Seligmann den Nazi-Begriff von den "Systemparteien" (für die Demokraten der Weimarer Republik) und wie zum Ausgleich dafür marschiert die SA dann in "kackbraunen" Uniformen auf. Der staksige Chronik-Ton ist nicht einmal frei von Tempusfehlern. So kommt weder im Revier noch anderswo ein großer Roman heraus. (NRZ)

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

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