Die kleinere Hälfte der Welt.
Erzählung von Alissa Walser (2000, Rowohlt).
Besprechung von Ulrich Steinmetzger aus der NRZ vom 07.07.2000:

Alles nur vorübergehend

Selten ist der Ingeborg-Bachmann-Preis so souverän gewonnen worden wie 1992. Selten aber auch ließ ein Gewinner danach so lange auf sein Buch zum Sieg warten. Alissa Walser veröffentlichte erst zwei Jahre später ihre schmale Prosasammlung "Dies ist nicht meine ganze Geschichte". Wenn ein Titel so autobiographisch scheint, wenn dann mit inzestuösen Anspielungen von einer Vater-Tochter-Beziehung berichtet wird und der Vater Martin heißt, ist öffentliche Aufmerksamkeit gewiss. Seither hat die 1961 Geborene fleißig auf die Unterschiede zu ihren Figuren hingewiesen und sich ansonsten rar gemacht, was ihren literarischen Output angeht. Hin und wieder hat sie Literatur aus dem Englischen übersetzt, um jetzt endlich - sechs Jahre danach - mit einer zweiten, wieder nur um die hundert Seiten starken Sammlung von Prosa-Coups aufzutauchen. Erneut schnüffelt die literarische Geheimpolizei nach Fährten zum prominenten Elternhaus. Doch glücklicherweise sind die Verdachtsmomente diesmal magerer, so dass man sich endlich auf die exzellente Qualität der Texte konzentrieren darf. Alissa Walser erzählt von Sexualität und Gewalt, von Obsessionen, Rausch und Katerstimmung, von kurzer Liebe und langem Lamento. Sie erzählt von Mädchen und jungen Frauen, die oft lügen müssen. Sie erzählt davon, dass keiner mehr erzählt. Kommunikation ist ersetzt durch das Aufeinandertreffen von Körpern. Das ist als Thema nicht neu, neu aber ist die grelle Reduktion, mit der das hier auf den Punkt gebracht ist. Die Ich-Erzählerinnen stammen aus den Wirtschaftswunder-Eigenheimen der Stadtränder und fliehen aus den eingezäunten Spiellandschaften voller toleranter Eltern und Satellitenantennen. Es drängt sie in die Zentren, ins Studium, ans Meer, auf die Autobahn oder zu älteren Männern. Sie fliehen in die Tristesse des Sex ohne Erotik - schöne, traurige Sklavinnen allesamt, die ein modernes Frühlings Erwachen als Ausgenutzte durchleben und doch meinen, sie hielten die Fäden in der Hand. "Du kriegst die besten Speisen serviert, jeden Tag, nur immer eine Spur zu wenig, um satt zu werden. Du verhungerst langsam. "Im Vagen zwischen Gezogen-Werden und Niedersinken-Wollen verlieren Alissa Walsers Antiheldinnen ihre Unschuld, an Ledersitzlöwen, amerikanische Kammersänger, fette, heiße Hände, an leere Kunstprofessoren oder an den mülltrennenden, avocadoessenden, hantelhaltenden Freund der Freundin. Alles ist nur vorübergehend und stets gilt: "Mir ist selten klar, was ich von einem Menschen denke, wenn ich ihm gegenübersitze." Und so scheint Verständigung auf dem Umweg Literatur wieder möglich. Respekt.

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