Die kleine Bijou von Patrick Modiano, Hanser1.) - 2.)

Die kleine Bijou.
Roman von Patrick Modiano (2002, Hanser - Übertragung Peter Handke).
Besprechung von Roman Luckscheiter in der Frankfurter Rundschau, 5.4.2003:

Die persische Steppe beginnt in Paris
Ohne ihre Mutter: Patrick Modiano schildert ein Mädchenleben ohne Fixpunkte, und Peter Handke übersetzt kongenial

Schmuckstück sollte einmal ihr Künstlername werden. So wollte es die Comtesse Sonia O'Dauyé, eine Filmschauspielerin, die eigentlich weder adlig noch erfolgreich war und daher große Hoffnungen in Thérèse, ihre Tochter, setzte. Doch eines Tages lässt sie ihre "kleine Bijou", gerade einmal sieben Jahre alt, unverrichteter Dinge bei Verwandten in Paris zurück. Man sagt, sie sei nach Marokko gereist. Und später heißt es, sie sei dort auch verstorben. Zwölf Jahre danach meint Thérèse, in der Pariser Metro ihre Mutter wiedergesehen zu haben, folgt ihr, ohne sie anzusprechen, und beginnt geradezu manisch, ihr Leben um die plötzlich wieder aufscheinenden Phantome ihrer Vergangenheit herum zu gestalten. In den damit einsetzenden Strudel zunehmender Verunsicherung wird der Leser selbst mit hineingezogen, denn die erwachsen gewordene "kleine Bijou" ist zugleich die Ich-Erzählerin. Patrick Modianos jüngster Roman, der nun auch auf deutsch vorliegt, setzt den Leser unmittelbar den sprunghaften Reminiszenzen, der Orientierungs- und Hilflosigkeit der Hauptfigur aus.

Um der vermeintlich wieder aufgetauchten Mutter, wenn schon nicht im direkten Gespräch, dann doch wenigstens im Bewusstsein näher zu kommen und damit auch die eigene Identität zu festigen, sammelt Thérèse fortlaufend Indizien ihrer Wiederkehr. Das Trauma, ein Leben ohne feste Adressen, ohne gesicherte Lebensumstände (Vater unbekannt) und ohne Schulabschluss zu führen, weckt in ihr eine Passion für Fixpunkte, für bleibende Koordinatensysteme. Metrostationen scheinen ihr den einzigen Halt in einem verschwimmenden Kontinuum von Erinnerung und Einbildung zu werden - neben der Begegnung mit einem charismatischen Rundfunkredakteur, der die Sendungen ausländischer Radiostationen mitstenographiert, ihr ein Buch mit dem Titel "An den Grenzen des Lebens" empfiehlt und eine Sprache beherrscht, die Thérèse ganz besonders fasziniert: das Persisch der Steppe. Darin drückt sich eine Sehnsucht nach dem Wohllaut des Nomadentums aus, das als Alternative zur hoffnungslosen Identitätssuche aufscheint. Doch der Roman entwickelt keine solch postmoderne Lösung für Patchwork-Identitäten, sondern baut sich als Plädoyer für die Familie auf. Um deren Verantwortung und existentielle Sinngebung zu verdeutlichen, konfrontiert er Thérèse mit der Wiederholung ihres Schicksals. Als sie sich als Au pair anstellen lässt, begegnet sie einem kleinen Mädchen, das in einer ähnlichen Unbehaustheit aufwächst, wie sie selbst es erlebt hat.

Die überforderten Eltern schicken das Kind abends alleine um die Häuser, damit es die Angst verliere, und verbringen ihren Feierabend mit Telefonaten und Affären. Das alles spielt sich in den sechziger Jahren ab, wie sich der Leser aus wenigen Daten erschließen kann; aber die Zeitgeschichte spielt in Modianos Konzept fast keine Rolle. Was die Kindheit von Thérèse in den späten vierziger Jahren betrifft, so tritt der historische Rahmen nur vage in Erscheinung und lässt gelegentlich dunkle Ahnungen zu, wenn man beispielsweise erfährt, Thérèses Mutter sei als "boche", als dreckige Deutsche, beschimpft worden und "rechtzeitig" nach Marokko gezogen. In dieser leisen Grundierung der Gegenwart durch die Schrecken der Vergangenheit hat Modiano, einer der Großen der französischen Gegenwartsliteratur, seit je seine Meisterschaft bewiesen. Es bleibt viel Raum für Spekulationen in einem absichtlich sehr eingeschränkten Wahrnehmungsfeld: Die Erzählung der "kleinen Bijou" führt in das enge Universum eines leidenden Ichs und vermeidet Pathos durch die kunstvolle Kühle der Pathologie.

Kurze Sätze bestimmen das Tempo und lenken den Blick ebenso geschickt auf das Fremde wie die bisweilen eigentümliche Wortwahl. Um sie ins Deutsche zu übertragen, dürfte sich kaum ein besserer Übersetzer angeboten haben als Peter Handke. In den siebziger Jahren hat Handke mit der Stunde der wahren Empfindung das Straßennetz von Paris zum Labyrinth einer Identitätskrise werden lassen und mit dem Kurzen Brief zum langen Abschied ein Epoche machendes Mutterbuch vorgelegt. Was ihn darüber hinaus mit Modiano verbindet, ist der Traum von der idealen Kindheit als visionäre Geisteshaltung.

Thérèse bekommt am Ende eine grandiose Chance für einen Neubeginn. Und der könnte in den exotischen Steppen fern der Metropole liegen, in jenen Niemandsbuchten, wo es kein städtisches Gedächtnis gibt. Aber das bleibt der Phantasie des Lesers überlassen.

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Die kleine Bijou von Patrick Modiano, Hanser2.)

Die kleine Bijou.
Roman von Patrick Modiano (2002, Hanser - Übertragung Peter Handke).
Besprechung
von Friedhlem Haenisch im Münchner Merkur, 23.08.2003:

"Un bijou" ist ein Schmuckstück. Französisch sprechende Eltern rufen ihre kleinen Kinder Bijou, was im Deutschen soviel wie "Schatz" bedeutet. Patrick Modiano schildert in seiner Novelle "Die Kleine Bijou" die subtilen Gedanken und Reflektionen einer jungen Frau, die von ihrer Mutter in ihrer frühen Jugend "kleiner Schatz" genannt wurde. Thérèse träumt von kindlicher Geborgenheit bei der Mutter. Auf der Suche nach Geborgenheit Diese jedoch lässt das Mädchen, das sie allein erzieht, bei Bekannten und entfernten Verwandten in einem Vorort von Paris zurück, um ihr Glück im Ausland zu suchen. Thérèse ist noch nicht einmal schulpflichtig. Während der Kindheit und Reifezeit fehlt ihr eine mütterliche Bezugsperson.

Sie erfährt keinerlei Erziehung, hat nur eine ganz geringe Schulausbildung und schlägt sich folglich, nun junge Erwachsene, als Kinderbetreuerin durchs Leben. Erinnerungen an ihre Mutter bestehen kaum, sie weiß nur, dass sie mit ihr zusammen in der frühen Kindheit in einer großen Wohnung in Paris am Bois de Boulogne wohnte, und dass ihre Mutter viele Männerbekanntschaften hatte. Ihr wird später berichtet, dass die Mutter sich möglicherweise nach Marokko abgesetzt habe, um einem zweifelhaften Glück nachzujagen. Während einer Fahrt in der Metro glaubt Thérèse, inzwischen eine junge Erwachsene, in einer Frau im gelben Mantel ihre Mutter wieder zu erkennen.

Wer nun erwartet, die Novelle fände ein rührseliges Ende, etwa dergestalt, Mutter und Tochter erkennen sich wieder, alle weinen und sind glücklich, sieht sich enttäuscht. Patrick Modiano will das Verlorensein, die Einsamkeit - in einer großen Stadt - die Gefühle und Gedanken, das Verhalten einer jungen Frau beschreiben, die versucht, ihrer Kindheit und Jugend auf die Spur zu kommen. Sie will herausfinden, wo sie herkommt, wer sie ist, sie will Klarheit und damit Sicherheit gewinnen, um leben zu können. Es gelingt ihr nicht.

Durch Zufall findet sie in einer Apothekerin eine Freundin, die auf feinfühlige Art Verständnis für Thérèse aufbringt und ihr immer wieder die Geborgenheit gibt, die ihr fehlt. So lässt der letzte Satz des schmalen Bändchens Hoffnung ahnen.

Die Novelle verzaubert, nicht weil sie in eine Wunderwelt führt, sondern weil die Gedanken und Gefühle einer jungen Frau allein schon eine Wunderwelt individuellen Daseins in sich bergen. Sollte jemand behaupten, ein Mann könne die Verhaltensweise einer jungen Frau grundsätzlich nicht verstehen, so möge er Modianos Novelle lesen.

Übersetzt hat diese wunderbare Ferienlektüre Peter Handke. Patrick Modiano lässt sich nicht leicht übersetzten. Seine poetische Sprache bewirkt etwas Magisches, die Kraft eines dahinströmenden Flusses. Die im Französischen elegant fließende Novelle muss im Deutschen manchmal sprachliche Felsen umschiffen. Es ist Peter Handtkes Verdienst, uns im Deutschen doch noch sehr viel von Modiano`s Poesie zu vermitteln.

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