Die Kinder Húrins von J.R.R.Tolkien, 2007, Klett-Cotta1.) - 2.)

Die Kinder Húrins.
Roman von J.R.R. Tolkien (2007,
Klett-Cotta - Übertragung Hans J. Schütz und Helmut W. Pesch).
Besprechung von Maren Giese aus der NRZ vom 18.04.2007:

Der neue Tolkien ist gar nicht so neu
"Die Kinder Húrins" tauchen schon in anderen Werken des "Herr der Ringe"-Autors auf.

J. R.R. Tolkien (1892 - 1973) hat es fast 35 Jahre nach seinem Tod noch einmal geschafft, die Anhänger anspruchsvoller Fantasy-Literatur zu finden, zu knechten und, wie´s scheint, ewig zu binden. Denn jetzt liegt ein neues und vermutlich letztes Werk des Fantasy-Meisters ("Der Herr der Ringe", "Der kleine Hobbit") in den Buchläden: "Die Kinder Húrins" sind da - zeitgleich in Deutschland, Großbritannien und den USA.

"Neu" ist allerdings relativ. Eingefleischten Tolkien-Fans in Deutschland und anderswo dürfte die Geschichte nämlich bekannt vorkommen. Der Grund: Teile davon waren unter anderem schon in Tolkiens "Das Silmarillion" und den "Nachrichten aus Mittelerde" zu lesen. Genau wie "Die Kinder Húrins" hat sie Tolkien-Sohn Christopher herausgegeben, der nicht nur wie sein Vater als Professor für englische Sprache an der Eliteuni Oxford lehrte, sondern auch als dessen Nachlassverwalter fungiert. Doch die Fragmente erschienen bisher in diesen "eher wissenschaftlichen Ausgaben mit Anmerkungen und verschiedenen Lesarten", erklärt Katharina Wilts, Pressesprecherin des Klett-Cotta-Verlags, der die Geschichte nun "erstmals als eigenständiges und geschlossenes Buch" vorlegt. Bei dieser Ausgabe, die mit verschiedenen Zeichnungen illustriert ist, habe sich Christopher Tolkien "für eine Lesart entschieden", so Wilts. Und: Meldungen, wonach der 82-jährige Tolkien-Sohn die Geschichte zu Ende geschrieben haben soll, seien schlichtweg falsch: "Christopher Tolkien legt großen Wert darauf, ein Werk seines Vaters veröffentlicht zu haben." Und damit dem Wunsch von John Ronald Reuel Tolkien zu entsprechen. Der hatte sich immer eine eigenständige Veröffentlichung des Projekts erhofft, das ihm wie kein zweites am Herzen gelegen haben soll. Doch ob neu oder nicht, einmal mehr greift Tolkien in das Schatzkästchen seiner Fantasie und Sprache und fördert die tragische Geschichte der Geschwister Túrin und Nienor zu Tage, die im Ersten Zeitalter von Mittelerde - also lange vor dem berühmten Ringepos - gegen die bösen Macht des Herrschers Morgoths kämpfen. Selbstverständlich stellen sich ihnen viele grausame Orks, ein fürchterlicher Drache und anderes Getier in den Weg. Natürlich - typisch Tolkien - geht´s auch in "Die Kinder Húrins" um Freundschaft, Treue und jede Menge fabelhafte Wesen.

Und während unter den meisten Leselampen noch mit Túrin gekämpft und gelitten werden dürfte, ist auf einschlägigen Internetseiten längst eine Diskussion darum entbrannt, ob sich der Kauf der Neuerscheinung lohnt, oder ob es sich um reine Beutlinschneiderei handelt. Die nach Verlagsangaben über 30 000 Exemplare, die bereits am ersten Verkaufstag über die Ladentheke gingen, sprechen jedenfalls Bände: Die Druckmaschinen laufen sich schon warm für die zweite Auflage. (NRZ)

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

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Die Kinder Húrins von J.R.R.Tolkien, 2007, Klett-Cotta2.)

Die Kinder Húrins.
Roman von J.R.R. Tolkien (2007,
Klett-Cotta - Übertragung Hans J. Schütz und Helmut W. Pesch).
Besprechung von Thomas Binotto aus der Neue Zürcher Zeitung vom 28.4.2007:

Auf die Reihe gebracht
J. R. R. Tolkiens «Die Kinder Húrins» aus dem Nachlass ediert

Wenn 34 Jahre nach dem Tod eines Autors unter seinem Namen zeitgleich im englisch- und im deutschsprachigen Raum ein Buch erscheint, das bis zum Verkaufstag vor den Rezensenten sorgsam geheim gehalten und mit dem Etikett «erstmalig» versehen wird, dann muss es sich um eine literarische Sensation oder aber um verlegerisches Kalkül handeln. Die Überraschung währt aber nur kurz: «Die Kinder Húrins» von J. R. R. Tolkien ist keine Sensation, und wer den bereits vor knapp zwanzig Jahren bei «dtv» erschienenen Band «Die Geschichte der Kinder Húrins» gelesen hat, wird wenig Unbekanntes erfahren.

Die Grammatik des Mythos

Tolkien-Fans kennen das tragische Heldenepos von Túrin längst, dem Sohn Húrins und Morwens, der etwa 6500 Jahre vor dem Ringkrieg, noch im ersten Zeitalter Mittelerdes, einem Familienfluch ausgeliefert ist. Wie ein klassischer Held der Antike hadert er zeitlebens mit seinem Schicksal, ohne dass es die geringste Aussicht auf Entkommen gäbe. Der Fluch des übermächtigen Feindes Morgoth verwandelt alles, womit Túrin in Berührung kommt, in eine Tragödie. Immer wieder versucht deshalb dieser getriebene Mensch, sich neu zu erfinden und dem Schicksal zu entrinnen.

Aufgewachsen im Elbenreich Doriath, schliesst er sich als Neithan «der Gekränkte» einer Horde Geächteter an, nennt sich auch einmal Agarwaen «der Blutbefleckte», wird als Mormegil «Schwarzschwert» zum Feldherrn des Elbenreichs Nargothrond und lebt als Turambar «Meister des Dunklen Schattens» im Wald von Brethil. Nur einmal darf er wirklich lieben, unter falschem Namen natürlich und unglücklich: Finduilas, die Tochter eines Elbenkönigs. Sein letzter Name wird ihm postum verliehen: Glaurunga steht auf dem Grabstein, nach Glaurung, dem Mächtigsten unter Morgoths Drachen. Vor diesem stehend, erfüllt sich endlich die letzte der Existenzen Túrins.

«Die Kinder Húrins» quillt über vor Namen, Referenzen, Ortsangaben und Genealogien, so dass kaum je ein richtiger Erzählfluss entsteht. Hier zeigt sich die grosse Schwäche des Erzählers Tolkien, der in seiner Manie, einen Mythos bis ins letzte Detail zu schaffen, uns seine Stammbäume, Zeittafeln und Landkarten in atemlosem Stakkato hinwirft. Die Konstruktion ist ihm letztlich alles, und so gewinnt man zeitweise den Eindruck, in einer Grammatik zu lesen.

Nur hin und wieder blitzt dann doch Tolkiens Erzähltalent auf, wenn es ihm gelingt, seinem erfundenen Mythos den Duktus eines klassischen, überzeitlichen Epos zu verleihen. Allerdings sind die Motive auch dann nur selten wirklich originell. Tolkien hat sich die Bilder der klassischen Sagenwelt einverleibt und teilweise faszinierend neu komponiert, aber er verwandelt sie nicht. «Der kleine Hobbit» bleibt nach wie vor das erzählerisch gelungenste Werk Tolkiens.

Für wahre Tolkien-Fans gehört «Die Kinder Húrins» dennoch zur Pflichtlektüre. Die eigentliche Faszination Mittelerde ist nämlich nicht literarischer Natur. Es ist diese atemberaubende Sucht, eine selbstgenügsame Parallelwelt zu erschaffen, die Tolkien so faszinierend macht. Darin geht er konsequenterweise so weit, sich selbst als Autor aus seinen Mythen wegzuschreiben und wegzudenken. Er sieht sich selber als Chronist und nicht als Erfinder Mittelerdes – und will auch so gesehen werden.

Von Mittelerde nichts Neues

Christopher Tolkien hat das Buch seines Vaters zwar mit einem Vor- und einem Nachwort versehen, in denen er die Entwicklung des Stoffs und seine philologischen Eingriffe als Herausgeber erklärt, an der «gottgegebenen» Erhabenheit Mittelerdes will allerdings auch er nicht rütteln.... Fortsetzung

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