Die Kinderfrau von Petros Markaris, 2009, Diogenes1.) - 2.)

Die Kinderfrau. Ein Fall für Kostas Charitos.
Roman von Petros Markaris (2009, Diogenes - Übertragung Michaela Prinzinger).
Besprechung von René Zipperlein aus den Nürnberger Nachrichten vom 13.05.2009:

Krimi auf den Spuren vergifteter Pitta-Brote
Der griechische Autor Petros Markaris liest in Nürnberg aus «Die Kinderfrau«

Der griechische Schriftsteller Petros Markaris lässt in seinem neuen Buch erstmals in Istanbul ermitteln. Am 15. Mai stellt er «Die Kinderfrau« in der Buchhandlung Johannis vor.

Wenn Petros Markaris lacht, gibt das Telefon auf. Die Stimme des 72-jährigen Romanautors und Übersetzers kracht schallend, erfahren und mit einer Portion Spott. Mit fast bedrohlichem Unterton lachte er vor genau einem Jahr, als er seinen jetzt veröffentlichten neuen Roman ankündigte: «Die Türken sind schon ganz gespannt darauf!«

Erst einmal hatte der in Athen lebende Markaris einen Text in die Türkei verlegt, 1971, als Griechenland unter der Militärdiktatur stand, deren Wunden er noch heute schreibend offenhält. Damals war sein politisch scharfer «Ali Retzo« ein riesiger Bühnenerfolg - die griechischen Zensoren hatten beruhigt, dass die Sache in der Türkei spielte. Dabei ging es natürlich gar nicht um die Türken.

"Istanbul ist meine Heimatstadt"

Markaris größter Erfolg aber ist seit 1995 und nun fünf Romanen der Athener Kommissar Kostas Charitos, den er in der «Kinderfrau« erstmals nach Istanbul schickt. Von seiner Liebe zu der türkischen Metropole erzählte er erstmals in seiner anekdotischen Autobiografie «Wiederholungstäter« (2008). Markaris ist in Istanbul als Sohn eines Armeniers und einer Griechin geboren und aufgewachsen. «Ich begreife Istanbul als meine Heimatstadt«, sagt er, der sich mit dem Begriff Heimat schwer tut.

Seine wirkliche Heimat fand er in der Sprache, besonders der deutschen, das hat er immer betont. In Istanbul besuchte er ein österreichisches Realgymnasium, ging später zum VWL-Studium nach Wien, wo er zu schreiben begann. Nach der Arbeit in der Fabrik seines Vaters arbeitete er als Bühnenautor, vor allem aber als Übersetzer und brachte «Faust« und Brecht ins Griechische, schrieb für den Regisseur Theo Angelopoulos, bis der störrische, kleinbürgerliche Chauvi Charitos an seinem Schreibtisch stand. «Ein Bulle«, wie Markaris herausfand.

Mit ihm hat Markaris das moderne Griechenland seziert: Die Seuche der Korruption, den Sumpf der Bürokratie, die Heuchelei, die Politik, die Lobbyisten, den Wahnsinn der Medien, Drogen, Gewalt. Seine Krimis verstehen sich als soziopolitische Alltagsanalysen. Istanbul, 1955 Ort eines Pogroms gegen die griechische Minderheit, birgt da gefährlichen Sprengstoff.

Rachefeldzug durch die Vergangenheit

Doch der ewig nörgelnde Familienvater Charitos macht seiner Frau zuliebe eigentlich nur ein wenig Urlaub am Bosporus. Bis ihn ein Giftmord aus den Krallen der Reisegesellschaft rettet. Eine alte Griechin zieht mit Pittas durch die Stadt. Diese aber sind so vergiftet wie ihre Erinnerungen. Und der Heimatbesuch der Todkranken wird zum Rachefeldzug durch eine Vergangenheit voller Schmerzen. Auf ihrer Spur erfährt Charitos Erschreckendes über das Leid der griechischen Kinderfrau. Und über das der griechischen Minderheit, die Plünderungen und Übergriffe, die Enteignungen, die Vertreibungen.

Ob aus Nostalgie oder Vorsicht - «Die Kinderfrau« ist nicht Markaris‘ schärfstes oder spannendstes Buch geworden, vielleicht aber sein anrührendstes. Selbst der störrische Macho Charitos wirkt verträglich wie nie - Markaris behandelt Istanbul mit vorsichtiger Nostalgie und ohne die scharfen Kommentare, mit denen er Charitos´ Hassliebe gegen Athen teilt. Dennoch: Seit den Prozessen gegen Orhan Pamuk weiß man, wie wenig es braucht, um die Wunden türkischer Vergangenheit schmerzen zu lassen.

Die komplette Rezension von René Zipperlein mit Abb. finden Sie Nürnberger Nachrichten

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter Nürnberger Nachrichten]

Leseprobe I Buchbestellung 0509 LYRIKwelt - das LiteraturPortal im Internet! © Nürnberger Nachrichten

***

Die Kinderfrau von Petros Markaris, 2009, Diogenes2.)

Die Kinderfrau. Ein Fall für Kostas Charitos.
Roman von Petros Markaris (2009, Diogenes - Übertragung Michaela Prinzinger).
Besprechung von Nikolaos Georgakis in Westfälische Rundschau, 5.08.2009:

Kommissar Charitos als Bulle und Tourist in Istanbul
Der Schriftsteller Petros Markaris hat mit "Die Kinderfrau" seinen fünften Kriminalroman vorgelegt. Diesmal ist der knurrige Kommissar Charitos aber nicht in Athen, sondern in Istanbul unterwegs - der Geburtsstadt des Autors.

„Die Kinderfrau“ sei das persönlichste Buch von Petros Markaris, heißt es in der Verlagsankündigung. Ist es aber nicht, selbst wenn sich der 76-jährige Autor ausdrücklicher als sonst aus dem Requisitenschrank seines Lebens bedient. Es ist vielleicht auch nicht sein bestes Buch. Bei einem Autor seines Formats reicht es freilich immer noch zu einem mitreißend erzählten Kriminalroman, der sich bedenkenlos empfehlen lässt - besonders denen, die dem schrulligen Charme des Kommissars Kostas Charitos noch nicht verfallen sind.

Im fünften Band der Charitos-Reihe beordert Markaris seinen kleinbürgerlich konditionierten aber mit gesundem Menschenverstand ausgestatteten Leiter der Athener Mordkommission zum Auswärtsspiel nach Istanbul. Also von der attischen Betonwüste in die nicht minder mit Bausünden zugewucherte Millionenmetropole am Bosporus, die von den Griechen noch immer Konstantinopel oder schlicht „i Polis“, „die Stadt“ genannt wird. Hier wurde Markaris 1937 als Sohn eines Armeniers und einer Griechin geboren. Hier wuchs er auf, besuchte eine österreichische Schule, bis er 1965 nach Pogromen türkischer Nationalisten fliehen musste. Mehr als vierzig Jahre später ist er zurückgekehrt, um seinen Kommissar ermitteln zu lassen.

Mörderische Käsepita

Eigentlich reist Charitos mit seiner Frau Adriani nur hierhin, um sich von einem Schock zu erholen. Die Tochter der beiden hat geheiratet. Standesamtlich. Nur standesamtlich. Für den  Spießer im Ermittler ein mittelschwerer, für seine je nach Lebenslage gottesfürchtige Ehefrau eine gesellschaftlicher Skandal. Das Private wird sich im Verlauf der Geschichte zwischen Tradition und Moderne fügen, im Hintergrund. Denn ab Seite 46 tritt eine 90-jährige Mörderin auf den Plan: Maria Chambou.

Die alte Dame tötet nicht aus Leidenschaft, sie tötet, um Erfahrenes zu rächen. Die Chambou vergiftet ihre Opfer mit einem Insektizid, das sie ihrer viel gerühmten Käsepita beifügt. Mord für Mord, Schicht um Schicht entblättert Markaris die tragische Lebensgeschichte einer Frau, die ihn im wahren Leben als Kinderfrau großzog. Und da es Griechen sind, die hier auf türkischem Boden ermordet werden, muss Charitos mit der türkischen Polizei kooperieren.

Nationalismen meisterlich karikiert

Natürlich ist das Misstrauen zu Beginn auf beiden Seiten leidenschaftlich. Dabei ist es dem jungen türkischen Kommissar Murat Saglam zu verdanken, dass die beiden doch noch zusammenfinden und den Fall lösen. In ihrem Sinne lösen. Was das genau bedeutet, soll an dieser Stelle nicht verraten werden. Wichtiger in diesem Zusammenhang ist der Satz von Saglam, der nach seiner Ausbildung bei der Polizei in Deutschland in die Türkei wechselt, als er resignierend feststellt: „Minderheiten stehen immer unter Generalverdacht und tragen immer eine Kollektivschuld.“

Die Schuldfrage zwischen Türken und Griechen behandelt Markaris insoweit, als er jedwede Art von Nationalismus meisterlich zu karikieren weiß. Ebenso geübt ist der Autor im präzisen, mit Metaphern geradezu geizenden Erzählstil. Die Handlung hat hier in jeder Zeile Vorfahrt gegenüber verzierender Fabulierungskünste.

Markaris, Übersetzer von Goethes und Brechts Werken, hat sich lange gegen eine literarische Verarbeitung seiner Geburtsstadt gewehrt. „Ich wollte mich nicht von der Vergangenheit gefangen nehmen lassen“, sagte er einmal im Gespräch. Deshalb hat der Autor seinen knurrenden Kommissar vorgeschickt, dem von seiner dramaturgischen Anlage her nie eine verträumte gar nostalgische Silbe über die Lippen kommen würde. Ermittler Charitos’ emotionalste Ausbrüche sind knochentrockene Kommentare wie dieser: „Es ist gar nicht so einfach, zwei Seelen in seiner Brust zu vereinen: den Touristen und den Bullen.“

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie in www.westfaelische-rundschau.de]

Leseprobe I Buchbestellung 1109 LYRIKwelt © Westf.Rundschau