Die K-Gedichte von Robert Grnhardt, 2004, S. Fischer

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Die K-Gedichte.
Gedichte von Robert Gernhardt (2004, S. Fischer).
Besprechung von Simone Dattenberger im Münchner Merkur, 24.8.2004:

Krebs, Krieg und Käsereibe
"Die K-Gedichte": Robert Gernhardts neuer Lyrik-Band ist erschienen

Man schlägt einen Lyrik-Band auf, und als erstes fällt der Blick auf die Überschrift: "DIAGNOSE KREBS oder ALLES WIRD GUT". Robert Gernhardt, unser Mann fürs Heitere, knallt in seinen "K-Gedichten", die er unterteilt in "Krankheit als Schangse", "Krieg als Shwindle" und "Kunst als Küchenmeister" (das ist der kleine, magenfreundliche Nachschlag des Büchleins), den Panikmacher Nummer eins ins Leser-Gemüt. Verse und Tumore, Strophen und Metastasen, Reim und Chemotherapie, so genießt man Gedichte eher ungern. Klar, das globale Allgemeine, das übermenschliche Leid, die göttliche Tragödie, die historische Not, der Tod an sich, all das darf auf Versfüßen daherkommen. Aber das Verrecken am Tropf neben Urinflasche und dem röchelnden Bettnachbarn? Das lässt sich nicht nicht wegschieben, ästhetisch verklären, das ist hautnah-fieser Alltag.

Genau den will Gernhardt gestalten und dem möchte er eben nicht lyrisch ausweichen. Deswegen setzt er sein authentisches Ich, seine Krankheit voll dem Leser aus. Weder narzisstisch noch weinerlich, sondern immer mit der lebenstüchtigen humoristischen Weisheit, die eines Wilhelm Busch würdig wäre: "Ich schwimme im Glück./ Ich bade im Licht./ Das sagt sich so leicht,/ doch das lebt sich nicht/ wortwörtlich.// Er liegt in der Scheiße./Er steckt im Kot./ Das sagt sich nur schwer,/ denn er lebt es zur Not/ortörtlich." So formen sich all diese Gedichte auch zur "Schangse" für die, die krank sind und einen trostreichen Freund brauchen, und für die, die in Furcht leben vor der unheimlichen Bedrohung Krebs. Gernhardt, der lyrischer Realitätenhändler, hilft, wenn er von Chemo-Sitzungen, Haarausfall, Palliativmedizin und dem Tod "singt". Am erschütternsten das "Lied von der Hinfälligkeit", das von der kalten Gleichgültigkeit der Gesunden, der Lebenden erzählt.

Gegen diese intensiven Erfahrungen fallen die Anti-Kriegs-Gedichte, entstanden kurz vor dem zweiten Irak-Feldzug, ab. Politisches Engagement und kluge Analyse werden zu beachtlicher Gebrauchslyrik, zu mehr nicht. Da ist einem "das positive K" schon lieber: "Liebste, reich die Käsereibe,/auf dass ich den Käse reibe./ Liebling, schau: Ich reibe Käse./ Was das wird, Schatz? Reibekäse!"

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Die K-Gedichte von Robert Grnhardt, 2004, S. Fischer2.)

Die K-Gedichte.
Gedichte von Robert Gernhardt (2004, S. Fischer).
Besprechung von Martin Krumbholz in Neue Zürcher Zeitung vom 31.12.2004:

Die Form als Therapie
Robert Gernhardts «K-Gedichte»

Das geht zum Beispiel so: «O Mensch, halt ein vorm Krankenhaus. / Gehn dem einmal die Kranken aus, / dann greift man auch auf dich zurück, / und du verbleibst dort Stück für Stück.» Die spielerische und eben gern auch sarkastische Handhabung seiner Sujets zeichnet Robert Gernhardt aus. Selten sind seine Gedichte hermetisch oder auch nur vieldeutig; sie suchen die prompt einleuchtende und dadurch auch erhellende Form - im Dienst der Aufklärung und der guten Laune. Nun aber nicht nur «der berühmte Schuss vor den Bug», sondern schon «der klassische Schlag ins Kontor»: Der Autor ist an Krebs erkrankt, und so leichthin, so scheinbar unangestrengt, wie Robert Gernhardt ein Gedicht macht, lässt der Herausforderung durch die Krankheit sich nicht begegnen. Im ersten Zyklus des Bandes «K-Gedichte» werden der Krebs und seine langwierige Behandlung zum Thema.

Vor allem ist es die Form, etwa die begrenzende Wirkung eines Reims, die der brutalen Wucherungstendenz des Gegenstandes sozusagen ein Schnippchen schlägt. Die notwendigen chirurgischen Eingriffe können noch so rabiat sein, in der unschuldigen Heiterkeit des Reims triumphiert der menschliche Geist und damit auch der Überlebenswille: «Einer sagt: Wir müssen schneiden. / Einer weiss: Ich muss jetzt leiden.» Das klingt krude und simpel zugleich und wird den Fakten gerecht. Aber unter allen Texten liegt die optimistische Gewissheit, es am Ende «packen» zu können. «Krankheit als Chance» heisst nicht umsonst das Motto, unter dem der Zyklus steht, und wenn der aufklärerische Impuls hin und wieder eine Spur zu didaktisch gerät, ist das der Notwendigkeit der Selbstmotivation zu verdanken, die ihrerseits Teil der Therapie ist. In einem der wenigen reimlosen Texte ist der Tonfall gleich bedrohlicher, beunruhigender: «Kein rasender Schmerz, / kein brennender. / Eher / ein schlendernder Schmerz, / ein glimmender.» Aber auch hier bleibt der Schmerz nicht unbeantwortet. Und am Ende, da sich der erfolgreiche Abschluss der Chemotherapie im toskanischen Valdarno abzeichnet, heisst es triumphal und hedonistisch: «Nein, ich schau mir die Radieschen nicht von unten an! / (Wo ich doch schon bald von oben auf die Antipasti blicke.)»

Gernhardt kann sich auf sein Handwerk verlassen. Das zeigt sich auch an den sieben Sonetten zum Irak-Krieg - das zweite «K» steht für «Krieg» -, deren Ironie sich allerdings in der Rekapitulation der bekannten Vorbehalte gegen die Bush-Administration und die Ungereimtheiten ihrer Rechtfertigungen erschöpft. Hier arbeitet der Dichter ein politisches Pflichtpensum redlich ab, während er in den immerhin fünfzig Gedichten des Krebs-Zyklus - sie sind dem an Krebs verstorbenen Jazzmusiker Volker Kriegel gewidmet - mit schier unerschöpflichem Einfallsreichtum das Persönlichste offenbart: eine Grenzerfahrung zum Tode hin.

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