Die Kathedrale des Meeres.
Roman von Ildefonso Falcones (2007, Scherz).
Besprechung von Jens Dirksen aus der NRZ vom 23.01.2008:

Regionalkrimi mit Barcelona-Panorama
Prächtig: Ildefonso Falcones' Bestseller "Die Kathedrale des Meeres".

So unverfroren war selten ein historischer Roman an Ken Folletts Genre-Klassiker "Die Säulen der Erde" angelehnt, Buchumschlag und Titel sprechen Bände. In Spanien führte Ildefonso Falcones' Erfolgsschmöker "Die Kathedrale des Meeres" monatelang die Bestseller-Listen an und als es sich in Italien und Polen ebenfalls gut verkaufte, glaubten Branchen-Insider, der Erfolg hinge vom Grad der national üblichen Marienverehrung ab. Pustekuchen! Auch hierzulande ist das Romandebüt des Rechtsanwalts Falcones schon kurz nach Erscheinen an die Spitze der Spiegel-Hitliste geschossen und hat Harry Potter, Cornelia Funke und die doppelte Krimipreisträgerin Andrea Maria Schenkel beiseite geschoben. Schließlich spult "Die Kathedrale des Meeres" den Bau an der gotischen Kirche Santa Mara del Mar in Barcelona nur als roten Faden am Rande ab.

Straffreiheit für Vergewaltiger

Ein historischer Roman? Ja, aber auch ein Regional-Krimi, der von den Farben des mittelalterlichen Barcelona lebt. Da ist die ursprünglich hafenlose Lage der Stadt am versandenden Meer, da ist ihr Aufschwung durch Händler und Handwerker: Die Eigenheiten der katalanischen Metropole - von den Bastaix genannten Hafenarbeitern bis zur Straffreiheit für Vergewaltiger, die ihr Opfer heiraten - sind die Stärke des prächtigbunten Geschichts- und Alltagspanoramas, das Falcones in seinem gewichtigen Band entwirft.

Seine Figuren agieren darin allerdings eher schwarz-weiß. Arnau Estanyol, der Sohn einer von Adeligen vergewaltigten Bäurin, ist ein Guter, der immer besser wird. Und nur selten lässt er sich zu einer Dummheit hinreißen. Er schafft, von Rückschlägen kaum aufzuhalten, einen von Zufall und Moral begünstigten Aufstieg: vom Hilfsarbeiter im Hafen, der mit 14 schon zentnerschwere Steine für Santa Maria del Mar schleppt, zum steinreichen Geldwechsler. Er rächt sich schließlich an denen, die seinen Vater in den Tod hetzten, und wird selbst Opfer dieser Rache - als er kurz vor Schluss in den Kerkern der Inquisition landet, hat das Buch seinen dramatischen Höhepunkt erreicht. Es ist eben auch eine Novelle, die "Erniedrigte und Beleidigte" heißen könnte.

Santa Maria del Mar ist eine Kirche, die das Volk für das Volk baut, und auf dessen Seite, auf Seiten der Arbeiter, Bürger und Bauern ist das Buch. Nicht auf Seiten des Pöbels, der Barcelonas Judenghetto stürmen will, nicht auf Seiten der Kirche, die mit dem Adel um die Macht rangelt. Und schon gar nicht auf Seiten des blutsaugerischen, heruntergekommenen Adels. Kein unparteiisches Geschichtsbuch also, aber ein lebendiges, mitunter deftiges Märchen mit grob geschnitzten Helden aus den Zeiten, als das Arbeiten und Ehrlichsein noch geholfen hat. Manchmal. Manchen jedenfalls. (NRZ)

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