Die
kalte Legende.
Roman von Robert
Littell (2006, Scherz).
Besprechung von Pieke
Biermann aus Jüdische Allgemeine:
Ich ist ein anderer
Robert Littells kafkaesker
Spionagethriller "Die kalte Legende"
Lebendig begraben von Stonewall Jackson und in letzter Minute gerettet von Robert E. Lee – legendärer kann ein Schicksal kaum sein für Kenner des amerikanischen Bürgerkriegs. Es ereilt Lincoln Dittmann, Agent in Diensten der Yankees, im Dezember 1862 im konföderierten Fredericksburg. Er bekommt die traditionelle Zigarette zwischen die Lippen geklemmt. Solange die Asche nicht abfällt, darf er leben bleiben. „Der Schwerkraft und jeder Logik zum Trotz wurde sie länger als der ungerauchte Teil der Zigarette.“ Da plötzlich greifen die Unionstruppen an. General Lee persönlich befiehlt, Dittmann an einen Baum zu fesseln. Er soll Zeuge eines der grausamsten Gemetzel des Krieges werden und überleben. Was wird denn das? Ein historisches Kriegsepos? Nicht wirklich. Robert Littells neuer Roman, der im Original schlicht und präzis Legends heißt, handelt von gegenwärtigen Kriegen in Nahost, Afghanistan und der Ex-Sowjetunion: Ein modernes Heldenepos aus einer Zeit, in der Krieg aus asymmetrischen Gewaltakten besteht und Identitätsstörungen zur Grundausstattung des Einzelnen und der Gesellschaft gehören.
Die zitierte Episode steht auf Seite 346 des 440
Seiten starken Romans. Mit einer fast identischen Szene fängt er an. Die
allerdings spielt 1993 in einem Dorf zwischen Moskau und St. Petersburg, in dem
Stalins Geheimdienstchef Lawrentij Berija früher seine Datscha hatte und wo
heute ein Oligarch residiert. Hier bekommt einer, der offenbar Kafkor heißt und
Spion ist, von jemandem, der offenbar Samat Ugor-Schilow heißt, die letzte
Zigarette verpaßt. Ein paar Seiten und vier Romanjahre später wird ein kleiner
Privatschnüffler namens Martin Odum in Brooklyn von einer Stella Kastner
angeheuert, um den verschwundenen Mann ihrer Schwester Elena zu finden. Der Mann
heißt Samat Ugor-Schilow und hatte Elena geheiratet, um nach Israel einwandern
zu können. Kurz nach der Alija hat er seine Frau verlassen und ist spurlos
verschwunden. Elena braucht von ihm den Get, den Scheidungsbrief, um wieder neu
heiraten zu können. Die Suche nach dem Verschwundenen führt Odum in die
Westbank, in die jüdische Siedlung Kirjat Arba, wo er bei einem
palästinensischen Angriff fast erschossen wird.
Rückblende: 1989 bringt Dante Pippen, angeblicher Sprengstoffexperte der IRA,
in einem Dorf im Bekaa-Tal 19 angehenden Hisbollah-Terroristen das Bombenbauen
bei. Zwischendurch zeichnet er einer Hure in Beirut Lageplan und Details des
Dorfs auf, das kurz darauf von Israelis angegriffen und eingenommen wird. 1994
sitzt Martin Odum, Agent der CIA, bei Dr. Bernice Treffler. Die Psychiaterin
soll ihn im Auftrag der „Firma“ begutachten. Diagnose: multiple
Persönlichkeitsstörung. Denn Martin Odum ist Dante Pippen ist Lincoln
Dittmann. Ist er auch Kafkor? Oder ist er in Wirklichkeit jemand ganz anderes?
Und wo ist Samat, den außer Odum auch alle Welt zu suchen scheint und der
irgendwie mit all seinen Legenden verstrickt ist? Die doppelte Suche führt
praktisch überall hin, wo es heute kracht, in Terroristennester und amtliche
Dreckecken, vom Libanon über das Dreiländereck Brasilien-Argentinien-Paraguay,
wo der junge Bin Laden mit Hilfe der CIA hochgerüstet wird.
Legends, deutsch Die kalte Legende, ist nicht nur ein Spionagethriller, sondern
auch ein Meisterstück der Gegenwartsliteratur. Die Erzählung mäandert
raffiniert durch Zeiten und Räume und balanciert mit sarkastischer
Souveränität zwischen Greuel und Groteske. Fast jede Szenerie, jede
Figurenanordnung rufen Sub-Texte und Sub-Bilder aus der Wirklichkeit und den
Medien auf. Wenn Dr. Treffler sich Odums Erlebnisse im Bürgerkrieg erzählen
läßt, sitzt Tony Soprano vor Dr. Melfi. Der Name Kafkor erinnert ebenso- wenig
zufällig an Kafka, wie Pippen beim Saufen Joyce-Zitate einfallen und ein
unsympathischer US-Schieber in Paraguay ausgerechnet Streeter heißt. Dabei weht
durch Littells Legends kein Kitschhauch von „Auf der Suche nach dem verlorenen
Ich“. Für seine Figuren ist Identitätssuche längst ein Anachronismus aus
dem vorigen Jahrhundert. Robert Littell hat mit seinem mittlerweile fünfzehnten
Roman die Detektivfigur, das narrative Paradigma des 20. Jahrhunderts ins 21.
überführt. Wirklich legendär.
[...diese Rezension wurde der Jüdischen Allgemeinen entnommen, der Wochenzeitung für Politik, Kultur, Religion und jüdisches Leben. Das Buch kann im Leo Baeck Bookshop, der größten Online-Buchhandlung für jüdische Literatur, bestellt werden]
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