Die jungen Rebellen von Sándor Márai, 2001, Piper1.) - 2.)

Die jungen Rebellen.
Roman von Sándor Márai (2001, Piper - Übertragung Ernö Zeltner).
Besprechung von Uwe Stolzmann in Neue Züricher Zeitung vom 18.10.2001:

Wunderbar und wunderlich
«Die jungen Rebellen», ein weiterer Roman von Sándor Márai

«Die Stadt war zu allen Zeiten klein, sauber und bunt, wie die Spielzeugstadt in einer Schachtel.» Die Stadt: Kaschau (im kaiserlich-königlichen Oberungarn), heute Košice (Slowakei), anno 1900 Geburtsort von Sándor Márai; er hat das Provinznest geliebt und gehasst, mit neunzehn ist er geflohen.

«Jetzt liegt viel Abfall in den Strassen, und die Fassaden der Häuser bröckeln.» Jetzt: ein Frühjahr gegen Ende des Ersten Weltkriegs; das ferne Morden kann die behäbige Ruhe im Ort nicht wirklich stören. «Jetzt schläft die Stadt, die Väter in ihren muffigen Schlafzimmern liegen in Nachthemden an der Seite der Mütter, und sie haben Gewalt über alles.» Die Väter: Sie sind die Herrscher der Stadt, ihre Besitzer, Gott gleich unfehlbar; noch von der Front her überwachen sie jeden Atemzug der Söhne.:...Fortsetzung

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Die jungen Rebellen von Sándor Márai, 2001, Piper2.)

Die jungen Rebellen.
Betrachtungen von Sándor Márai (2001, Piper - Übertragung Ernö Zeltner).
Besprechung von Hermann Wallmann in der Frankfurter Rundschau, 25.6.2002:

Fast nur die Wahrheit
Ein früher Roman und Betrachtungen des ungarischen Schriftstellers Sándor Márai

In weiter Ferne: "Ihre Hände rochen, wie die der meisten Offiziersfrauen, nach Benzin, weil sie die Handschuhe des Mannes Tag für Tag zu reinigen hatte." So nah: "In dieser Zeit hassten sie sich ruhig und wortlos, beinahe rücksichtsvoll und nachsichtig." Zwei Sätze aus dem Roman Die jungen Rebellen des ungarischen Schriftstellers Sándor Márai, erschienen 1930, Handlungsgegenwart: Erster Weltkrieg. Ein Roman, den Márai später mit zwei weiteren Werken - Die Eifersüchtigen und Die Beleidigten - zu dem Familien- und Generationsroman Das Werk der Garrens zusammenfügt.

Indes, der erste zitierte Satz soll hier nicht nur für ein mittlerweile etwas angestaubtes Zeitkolorit stehen, der zweite nicht für zeitlos Gültiges. So sehr auch die wundersame Wiederentdeckung des großen Sándor Márai Bücher wieder zugänglich macht, die ihre Aura von denen erhalten, die werkgeschichtlich auf sie folgten und publikationsgeschichtlich (in Deutschland) ihnen vorausgingen - hier sollen die beiden Sätze belegen, dass Sándor Márai sozusagen immer schon angestrebt hat, was er in einem poetologischen Statement Anfang der vierziger Jahre einmal so formuliert hat: "Nein, Prosa darf nicht prosaisch sein. Prosa ist höchste Spannung, hat einen tieferen Schwung und eine strengere Form als das Gedicht. Prosa ist volles Bewusstsein und vollkommene Gnade in einem. Sonst sind es nur Sätze, Kapitel, Formulierungen" (Himmel und Erde, 1942, deutsch 2001).

Der Roman Die jungen Rebellen steht in der Tradition der europäischen Schul- und (Spät-)Pubertätsepen, all jener Zöglingsgeschichten, wie sie insbesondere aus dem Bereich der K.u.K.-Monarchie auf uns gekommen sind: die Welt der Erwachsenen und das Paralleluniversum der Jungen, das Establishment einer "Anstalt" und ein unterirdischer Club toter Dichter oder leibhaftiger Diseusen, Dekadenzerfahrungen und Ausbruchsphantasien, Expression und Introspektion, Erotik und Gewalt. Bei Márai konkretisieren sich diese Sozialisationsbedingungen in einer kriegsbedingt vaterlosen Gesellschaft. In seinem Nachwort zu dem Roman zitiert Ernö Zeltner Anwandlungen, die den Autor überkommen, als er mit einem Abstand von zwei Jahrzehnten in seine oberungarische Heimatstadt Kaschau zurückgekehrt ist, an den Schauplatz der "Rebellion", ein Lokal, das im Roman "Arabesque" (!) heißt: "Im Schatten der Katastrophe spielten wir, in Kostüme verkleidet, deren Sinn ich erst sehr viel später begriffen habe. In diesem Haus errichteten wir uns innerhalb der Gesellschaft eine eigene Welt, die über die andere, die gestrauchelte Gesellschaft der Erwachsenen, zu Gericht gesessen ist. Zur Clique zusammengerottet, suchten wir einen Unterschlupf vor den Menschen. Unentwegt umwitterte eine Ahnung von Gefahr diese merkwürdigen Spiele, wie das Wissen vom Tod die Arbeit und Liebe von Menschen, die sterben müssen."

Sándor Márais Perspektivfigur - "Ábel, der Sohn des Arztes" - betrachtet die eine und die andere Welt - und insbesondere dann den geliebten Tibor - mit der sehnsüchtigen und verzweifelt entsagungsbereiten Distanz, wie sie auch einige Figuren bei Thomas Mann haben (dessen Buddenbrooks Sándor Márai einst ins Ungarische hat übersetzen wollen), und der Wechsel vom Erzählerbericht zur diaristisch "erlebten" Rede macht zusätzlich plausibel, dass Márai hier seine eigene Sache (nicht nur) verhandelt, sondern sogar in seine Zukunft hinein entwirft: "Bücher sind vielleicht doch die bessere Alternative. Er hätte lieber bei seinen Büchern bleiben sollen; was man von einem anderen bekommt, tut weh und ist irgendwie unsauber. Dass es so weh tun kann, hätte ich nie geglaubt. Ich weiß, ich bin ihm lästig. Tibor ist viel dümmer als ich. Dumm, was heißt das? Er kennt diese Aufgeregtheit nicht, die ich empfinde, wenn ich jemanden kennenlerne, wenn ich die Erinnerung an eine Stimme suche unter Stimmen, die ich jemals vernommen habe." Die Zukunft nicht allein die des Lesers, sondern auch des Schriftstellers: "Vielleicht werde ich leben und eines Tages etwas schreiben. Auch das ist schmerzlich, aber es tut nicht so weh, wie unter Menschen zu leben."

Selbst und gerade Stellen wie diese sind noch genreüblich. Zu einem Abenteuer des Lesens wird der Roman durch "Nebensachen", durch Metaphern, die zur Dramaturgie der Sätze, durch Sätze, die zur novellesken Dramaturgie quer stehen - etwa dort, wo der Roman schon aus der visionären Melancholie des Exils geschrieben scheint, das Márai erst noch bevorsteht und ihn von allem abschneiden wird, was ihm wichtig gewesen ist. In seiner Biographie zeichnet Ernö Zeltner Márais "physischen" Weg in dieses (letzten Endes amerikanische) Exil - bis zum Selbstmord im Jahr 1989 - sorgfältig nach, und einmal zitiert er eine Tagebuchnotiz des Autors: "Ein seit Wochen plötzlich wiederkehrendes Symptom: Während des Lesens oder bei einem Spaziergang habe ich das Gefühl, ich müsste aufschreien - und ich schreie auch, allerdings stumm und lautlos - wie bei einem unerwarteten, schrecklichen Augenblick."

Wenn man die Stationen der Emigrationen mit Vorgriffen wie dem gleich folgenden und weiteren Tagebuchnotizen "füllt", wird sichtbar, woraus sich jener Schrecken speist und wie unverwechselbar der Flucht-Weg bei allem epochal Exemplarischen ist. Im Titel seiner "Amerikanischen Reisebilder" scheint Márai auszudrücken, dass er sich die Richtung - zurück nach Europa - lieber von dem diktieren ließe, was ihm entgegenschlägt: Der Wind kommt vom Westen (deutsch 1964 und 2000). Hier also einer dieser ahnungsvollen Vorgriffe, geschrieben von einem Mann Anfang dreißig: "Ábel wird eines Tages in irgendeiner Großstadt leben und das Wort ,Weltkrieg' aussprechen, sich dabei jedoch an nichts anderes erinnern als an Tibor oder Amadé, an eine gewisse Beklommenheit und Neugier." Und die Vaterstadt - und das gilt ja jetzt auch für die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg - werde weder ein Kirchturm noch ein Platz mit Springbrunnen, noch ein Ort der blühenden Industrie sein: "Vielmehr ein Torgang, in dem man zum ersten Mal einen bestimmten Gedanken verfolgte, sie ist eine Bank, auf der man gesessen und etwas nicht verstanden hat, der Augenblick im Fluss, unter Wasser, als man in die Erinnerung an eine frühe Existenz zurückzutauchen meinte, ein schöngeschliffener Kieselstein, den man in der Schublade entdeckt, ohne noch zu wissen, warum man ihn aufgehoben hat" - womit eine Aufzählung "unprosaischer" Momente beginnt, die sich gleichsam selber erzeugt. Eine Kaskade von Dingen und Augenblicken, wie sie in der Biographie von Ernö Zeltner ausgespart werden (müssen). Zeltner kann nicht umhin, immer wieder aus den Tagebüchern oder aus den autobiographischen Romanen zu zitieren, und in deren Licht beginnen sogar die verifizierten und verifizierbaren Fakten zu schillern.

In der oben angeführten poetologischen Selbstaussage stellt Sándor Márai abschließend die Frage: "Was aber ist das Geheimnis der großen, lebendigen Prosa? Bisweilen glaube ich fast, nur die Wahrheit." Bisweilen. Fast. Vielleicht hat Sándor Márai eine sichere Antwort gegeben im letzten Aphorismus seiner "Ars Poetica", der mittleren Abteilung von Himmel und Erde. Nicht um die großen Werke gehe es: "Kann sein, du verzettelst dich damit erst richtig, dass du große Werke schreibst. Möglich, dass das einzige wirkliche Werk deines Lebens nichts anderes als die spärlichen Zeilen sind, von denen du glaubst, es wären nur Späne . . ." Mit anderen Worten: Sándor Márais Prosa ist aus Sätzen gemacht.

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