Die Jüdin aus Toledo.
Buch von
Franz Grillparzer (2010,
Theater
Wien).
Besprechung von Guido Tartarotti im Kurier, Wien, 12.9.2010:
Das ist natürlich ein
eigenartiges Stück. Grillparzer schrieb es in seiner Schmollphase nach dem
Misserfolg von "Weh dem der lügt". Es ist - in seiner Widersprüchlichkeit -
typisch Grillparzer: Er zeigt darin bewundernd-sehnsüchtig die wilde Kraft von
Liebe und Sex - und stellt ihr verklemmt eine beamtenhafte, politische Räson
gegenüber.
Der König von Kastilien (Grillparzer liebte spanische Stoffe) verfällt der
naiven, lebenshungrigen Erotik eines jüdischen Mädchens - und vernachlässigt
seine Pflichten, was angesichts der herannahenden feindliche Mauren gefährlich
ist. Die Königin und die Elite des Landes beschließen daraufhin, den Störfall im
System zu beseitigen und verurteilen die Jüdin unter Ausnützung antisemitischer
Vorurteile zum Tod. Es folgt ein ziemlich ungustiöses Gemetzel. Der König
verzichtet auf Rache und zieht gemeinsam mit den Mördern seiner Geliebten in den
Krieg.
Der Text bittet förmlich darum, aktuell gedeutet zu
werden: Ein Christ liebt eine Jüdin, während vor der Tür die Moslems stehen.
Stephan Kimmig hat angekündigt, das Stück als Parabel über den Fremdenhass zu
lesen. In der Inszenierung ist davon wenig zu spüren. Zwar hält der König zu
Beginn vor einer Bergwiesen-Kulisse eine Ansprache zum Thema Heimat - aber damit
scheint Kimmigs Interesse schon wieder erschöpft. Die Sujets Heimat und
Fremdenangst werden nicht mehr angesprochen.
Die Aufführung zeigt auch wenig Interesse an der Jüdin Rahel. Es scheint, als
wäre Kimmig zu dieser rätselhaften, kaum zu fassenden Figur nichts eingefallen.
In Yohanna Schwertfegers Darstellung ist Rahel mehr staunendes Kind als
Verführerin.
In einer wunderbaren Szene zeigt Kimmig, wie der König angesichts dieses Kindes
selbst seine verlorene Kindheit sucht - um dann genau diese Kindlichkeit zu
zerstören: König und Rahel spielen Indianer, ehe er sie vergewaltigt.
Das Stück sollte in dieser Inszenierung eigentlich "Der König von Toledo" heißen
- denn er steht im Mittelpunkt. Peter Jordan - der Teufel im Salzburger
"Jedermann" - porträtiert ihn sehr präzise als heutigen Politiker. Er ist weder
böse, noch gut - er tut das, was politisch von Vorteil ist.
Kimmig hat den Text drastisch gekürzt, die wunderbare Caroline Peters schafft es
dennoch, mit wenigen Sätzen und Gesten die bis an den Rand des Erfrierens
verletzte Königin Eleonore als faszinierenden Charakter zu gestalten. Martin
Schwabs geldgieriger Jude Isaak wirkt wie eine bewusste Provokation. Bravos und
freundlicher, aber nicht enthusiastischer Applaus vom Premierenpublikum für eine
spannende, aber auch zerfahrene Inszenierung.
Stück: Ein jüdisches Mädchen wird zum politischen Störfall
und daher entsorgt.
Regie: Handwerklich stark und spannend, aber in ihrem Focus schwankend.
Unentschlossen zwischen Texttreue und Regietheater-Ideen. Auf starke Bilder
folgen platte Gags (z. B. unmotivierte Raufereien).
Spiel: Großteils sehr stark, vor allem Peter Jordan und Caroline Peters
beeindrucken.
KURIER-Wertung: ***1/2 von *****
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.kurier.at]
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