Die Jeunes-France von Théophile Gautier, 2011, Matthes&SeitzDie Jeunes-France.
Spöttische Geschichten von Théophile Gautier (2011, Matthes&Seitz - Übertragung Melanie Grundmann).
Besprechung von Andreas Puff-Trojan in Der Standard, Wien vom 2.9.2011:

Einen Hummer an der Leine
Witz, Erotik, Tiefsinn: Der vor 200 Jahren geborene Théophile Gautier harrt einer Wiederentdeckung. Drei neue Bücher

Der Jeune-France mag Musik und trinkt Punsch und berauscht sich: So ist der Typus! Trink, junger Mann, trink immer weiter, trink! Bis zum Ende, bis zu den Zitronen, bis zum Muskat. Man trägt den Jeune-France nach Hause. Und wenn er nachts erwacht, schreibt er im Mondlicht, malt im Schein der Sterne.

Die Jeunes-France betitelte Théophile Gautier 1831 seinen Artikel über diese Gruppe "junger Wilder", die in Paris ihr Unwesen trieben. Gautier war einer von Ihnen, sein enger Freund, Gérard de Nerval ein anderes berühmtes Mitglied.

Nach der Juli-Revolution von 1830 hatte in Frankreich das Bürgertum mit seinem "Bürgerkönig" Louis Philippe die Macht übernommen. Die jungen Wilden opponierten, nicht weil sie royalistisch gesinnt waren, sondern weil ihnen die säuerliche Moral und der verstaubte klassische Geschmack der saturierten Bürger aufstießen. Sie trugen Bärte, lange Haare, bunte Kleidung. Berühmt waren Gérard de Nervals Spaziergänge in den Tuilerien mit einem Hummer an der Leine. Gautier selbst erregte großes Aufsehen, als er bei der Uraufführung von Victor Hugos Stück Hernani in einem grellroten Wams erschien. Noch heute vermerkt jede Gautier-Biografie dieses Detail.

Zum 200. Geburtstag von Théophile Gautier haben zwei Verlage drei Bücher des Autors in Übersetzung herausgebracht. Der Band Die Jeunes-France. Spöttische Geschichten versammelt Texte des jungen, wilden und des fantastisch-ironischen Gautier. Der Verlag Matthes & Seitz hat aber noch ein zweites Buch im Köcher. Es ist Gautiers Roman Avatar. Der junge Octave de Saville leidet an einer unheilbaren Krankheit. Die Melancholie, besser gesagt eine unerfüllbare melancholische Liebe haucht langsam, aber stetig seine Lebenskerze aus.

In Florenz hatte Octave eine wunderschöne Frau gesehen. Gautier greift bei der Beschreibung dieses weiblichen Wesens zu allen literarischen Schmuckwörtern, Vergleichen, Sinnbildern, die ihm zur Verfügung stehen, um es in den Rang einer klassischen Skulptur zu erhöhen. Aphrodite könnte nicht schöner sein. Was aber Octave erblickt hat, ist aus Fleisch und Blut. Es ist die polnische Gräfin Labinska, die allerdings einzig ihren Mann liebt. Deswegen hat Octave alle Lebensfreude verlassen. Doch es naht Hilfe. Graf und Gräfin kommen nach Paris, zudem schickt sich der Arzt Balthazar Cherbonneau an, den jungen Mann zu heilen. Cherbonneau gleicht einer ausgetrockneten Zitrone, noch besser, einem Skelett, dem man Menschenhaut übergestülpt hat. Dieser Arzt ist ein Indien-Kenner. Mit Yogis, Brahmanen und Panditen hat er jahrzehntelang gefastet, gebetet, meditiert - bis er dem Geheimnis der Seelenwanderung auf die Spur gekommen ist.

Nun will Cherbonneau dieses Wissen in die Praxis umsetzen. Der stattliche Graf wird in eine Falle gelockt, mittels eines magnetischen Mechanismus und Beschwörungsformeln wandelt Octaves Seele in den Körper des Grafen und die des Grafen in den Körper Octaves. Das ergibt ein wunderbares Verwirrspiel, das der Autor genüsslich beschreibt.

Doch Théophile Gautier will mehr. Denn obwohl Octave nun im Körper des Grafen steckt, gelingt es ihm nicht, die Gräfin Labinska zu verführen. Sie merkt nämlich, dass Gemüt und Seele nicht ihrem Mann entsprechen. Außerdem kann Octave kein Wort Polnisch, da nützt auch eine Seelenwanderung nichts!

Will heißen: So mancher Mann wünscht sich einen perfekteren Body und männliches Auftreten, um bei Frauen Wirkung zu erzielen. Allein, wenn da nur Körper ist und es an Geist fehlt, ist nicht viel erreicht. Zumindest nicht bei einer polnischen Gräfin, die nicht nur wunderschön ist, sondern auch ein romantisches Wesen. "Sie las Novalis, einen der empfindsamsten und übersinnlichsten Dichter, den das deutsche Geistesleben je hervorgebracht hat und wie sie mittlerweile vom Aussterben bedroht sind."

Man sieht, Théophile Gautier verlässt in seiner Prosa selten den Pfad der Ironie. Das macht einen Teil des Lesevergnügens aus. Gautier, der als wilder "Jeune-France" zahlreiche Liebesabenteuer bestritt, ist zudem ein Meister der erotischen Literatur. Seinen großangelegten Roman Mademoiselle de Maupin aus dem Jahre 1835 hat nun der Manesse Verlag neu herausgebracht. Der junge Edelmann d'Albert ist der Held des Romans. Ähnlich wie Octave aus Avatar leidet er an überspannten Schönheitsvorstellungen. Doch anders als Octave ist d'Albert ein aktiver Held. Wenn er schon sein Schönheitsideal hier auf Erden nicht finden kann, dann will er sich zumindest in der Liebespraxis diesem annähern.

So wird d'Albert zum Geliebten der durchaus schönen und reichen Dame Rosette. Die erotischen Wortspiele, die Gautier den beiden in den Mund legt, sind vom Feinsten. Und ihre Liebespraktiken erstaunen noch heute. Wer hat je Liebe gemacht in einem durch die Nacht dahinrasenden Vierspänner? Doch der arme d'Albert wird trotz der sinnlich-koketten Rosette seine Idealvorstellungen nicht los.

Da tritt ein weiterer junger Edelmann auf den Plan: Théodore. Seine Gesichtszüge sind edel-feminin, seine Haut schneeweiß, seine Hände grazil. Allerdings reitet Théodore wie ein Husar und führt das Florett so hurtig wie alle vier Musketiere zusammen. D'Albert wie Rosette verlieben sich gleichermaßen in den geheimnisvollen Théodore. Wer aber ist diese Erscheinung? Ein ganzer Mann, eine verkleidete Frau oder gar ein Hermaphrodit? Mit dieser Frage öffnet Gautier ein weiteres Themenfeld - das der Emanzipation.

Théodore ist in Wahrheit eine junge Frau mit Namen Rosalinde, die Kleider und Gebaren junger Haudegen angenommen hat, um hautnah zu erfahren, wie Männer in Wirklichkeit sind. Rosalindes Bilanz fällt fatal aus: "Sie riechen immer entweder nach Wein, Schnaps, Tabak oder ihrem natürlichen Geruch, dem schlimmsten von allen. Die etwas weniger abstoßenden unter diesen Gestalten erinnern an misslungene Frauen. Mehr ist da nicht zu holen." Trotz dieser Erkenntnis fühlt sich Rosalinde zu d'Albert hingezogen. Er ist gewissermaßen der angenehmste, weil sinnlich-weiblichste aller Männer. So schenkt sie ihm ihre erste Liebesnacht. D'Albert wiederum staunt, kann es kaum fassen: Rosalinde ist seine erträumte Schönheit, seine Venus, sein Ideal! Rosalinde selbst bleibt erotisch-emanzipiert.

Nachdem sie d'Albert frühmorgens verlassen hat, schlüpft sie noch schnell in das Zimmer von Rosette. Warum sollte sie einer geliebten Freundin das vorenthalten, was sie einem Mann gewährt hat? Danach sattelt Rosalinde - nun wieder in Männerkleidern und mit Namen Théodore - das Pferd und reitet davon. Will heißen: Wenn die Schönheit als fleischgewordene Aphrodite zu den Menschen hinabsteigt, dann ist es nur für eine Nacht, für einen Traum, von dem man ein Leben lang zehrt. Der Rest ist Geschlechterkampf und Emanzipation.

Mit Die Jeunes-France, Avatar und Mademoiselle de Maupin und aus Anlass seines 200. Geburtstages ist es Zeit, auch bei uns Théophile Gautier als einen der ganz großen europäischen Autoren zu entdecken. So viel Sprachkunst, so viel Witz und Ironie, so viel prickelnde Erotik und so viel erotischer Tiefsinn sind äußerst selten zu finden. All diese Ingredienzien machen aus Gautier einen Autor, dessen Werke man mit Esprit lesend lustvoll genießt.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.derstandard.at]

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