Die japanische Mauer.
Reisegeschichten von Egon Schwarz (2002, Carl Böschen-Verlag).
Besprechung von Paul Michael Lützeler in der Frankfurter Rundschau, 13.6.2002:

Der Firlefanz der Grenzen
Der Germanist Egon Schwarz hat viel zu erzählen

Wenn er nicht gerade unterwegs ist zu Vorträgen auf einem anderen Kontinent, lebt der bald achtzigjährige Egon Schwarz als emeritierter Germanistikprofessor im amerikanischen St. Louis. Reisen als Passion, Nomadentum als Existenz: Er ist der Peregrinus unter den Germanisten. Als sechzehnjähriger jüdischer Gymnasiast erlebte er 1938 in Wien den "Anschluss" Österreichs. Mit seinen Eltern gelang ihm die abenteuerliche Flucht nach Frankreich. Bolivien war das einzige Land, das den Verfolgten eine Aufenthaltsgenehmigung gewährte, und so schiffte sich die Familie von La Rochelle-Pallice aus nach Südamerika ein. Die Schiffsreise über den Atlantik wurde für ihn - so traurig ihr Anlass auch war - eine Entdeckungsreise besonderer Art. Auf dem alten Dampfer absolvierte er nicht nur einen Schnellkurs in Menschenkenntnis, sondern machte sich auch mit der spanischen Sprache vertraut. Was folgte, war ein Jahrzehnt der Wanderjahre durch verschiedene Länder Lateinamerikas. Die dort gesammelten Erfahrungen in Staaten der sogenannten Dritten Welt haben ihn geprägt.

Es gibt nur wenige Literaturwissenschaftler, die wie er den Globus so extensiv bereist haben, und die sich gleichsam überall zu Hause fühlen. Mit seiner Empathie und seinem Einfühlungsvermögens ist er an den Universitäten der ärmsten Länder wie an den Akademien reicher Metropolen willkommen, und gerne erinnert man sich an die Gespräche mit ihm, dem Kosmopoliten, dem im Wortsinne in so vielem Bewanderten, dessen Engagement und Weisheit alle, die ihn kennengelernt haben, zu schätzen wissen. Gewaltsame Kulturkonfrontationen, die uns heute erneut beunruhigen, hat Egon Schwarz als rassisch Verfolgter schon in seiner Jugend erlebt. Toleranz statt Fanatismus, Anerkennung statt Ausschluss, Dialog statt Feindschaft, Humor statt Verbitterung, Bereitschaft zur Selbstkritik statt Hybris sind die Tugenden, die er für sich als richtig erkannt hat, die sich bei seinen Reisen um den Erdball bewährten, und die das Erkenntnisinteresse bei seinen Studien zu Eichendorff, Hofmannsthal, Rilke, Thomas Mann und Schnitzler geleitet haben. Wer dieses Reisebuch gelesen hat, wird mehr über Egon Schwarz wissen wollen, und so sei auf seine Autobiografie Keine Zeit für Eichendorff verwiesen.

Von seiner Lebenszugewandtheit und Menschenfreundlichkeit strahlt auch sein neues Buch viel aus. In seinen "ungewöhnlichen Reisegeschichten" erzählt er von Fahrten durch Latein- und Nordamerika, durch Europa, Asien und Australien beziehungsweise Neuseeland. Die Titelgeschichte Die japanische Mauer hält eine bezeichnende Episode fest. Wie oft bei seinen Besuchen fremder Länder befand sich der Autor auch in Japan auf den Spuren eines Schriftstellers. Er wollte eine der Stätten besuchen, wo man die Erinnerung an Lafcadio Hearn wachhält. Der Europäer und Amerikaner Hearn hatte schon hundert Jahre zuvor gezeigt, dass Goethe mit seiner Auffassung von Weltliteratur recht hatte: dass es nämlich keine unüberwindlichen Mauern zwischen den Kulturen gibt, dass man, Zeit und Interesse vorausgesetzt, die unterschiedlichsten Zivilisationsformen studieren und erlebend begreifen kann.

Wenige haben für das westliche Verständnis der japanischen Kultur in der Zeit um 1900 so viel getan wie Lafcadio Hearn. Der ehemalige Berichterstatter für Harper's Magazine hatte für sich den "Japanese Way of Life" entdeckt. Die Überwindung einer Mauer nahm nun ausgerechnet bei diesem Ausflug so konkrete wie komische Züge an. Hier scheint, wie oft in diesem an Anekdoten so reichen Buch, Schwarz' Selbstironie durch.

Seine Frau Dorle und er stehen in Matsué vor einem märchenhaften Schloss, aber die Besuchszeit ist bereits abgelaufen. Kurzerhand entscheiden sich die beiden, die hohe Mauer, die das Kastell umgibt, zu erklettern. So gelangen sie in den Burghof und werden mit dem Blick auf ungeahnte architektonische Schönheiten und fabelhafte Gärten belohnt. Alleine flanieren sie durch die Anlagen; es wird dunkel, und die hohe Mauer erneut zu überwinden, erweist sich als riskant. Sie pochen an Türen und Fenster und sehen einen Beamten, der, in Alarmstimmung versetzt, heftig gestikulierend telefoniert. Statt ihnen das Tor zu öffnen, ruft er die Polizei. Die beiden - nicht mehr ganz jungen - illegalen Besucher fliehen über die Mauer und können mit Not den Schlossbezirk verlassen. Kaum sind sie am äußeren Tor angekommen, rast auch schon ein Polizeiauto mit Sirenengeheul heran. Die Beamten fragen, ob sie nicht verdächtige Gestalten beim Übersteigen der Mauer gesehen hätten.

Dem Buch vorangestellt ist eine Einleitung mit dem Titel "Grenzüberschreitungen, ein Bericht", in dem sich eine stille Wut des Autors über den "tyrannischen Firlefanz der Grenzen" Luft macht. Ein Katalog absurder Erlebnisse an Staatsgrenzen in aller Welt wird ausgebreitet, und man versteht das Resümee des Autors, dass "in unserem Jahrhundert ein Wesen ohne Reisepass eigentlich nicht mehr als Mensch gilt". Bei diesem Urteil wirken traumatische Erlebnisse seiner Jugend nach, als mit dem Übergriff Hitlers auf Österreich und die Tschechoslowakei nur die illegale Grenzüberschreitung ihm das Leben rettete. Ab und zu jedoch trifft er an irgendeiner Grenze unverhofft einen Beamten, der widersinnige Bestimmungen außer Kraft setzt. Solche Lichtblicke werden auch erwähnt. Als vorbildlich vermerkt Egon Schwarz die neuen Reiseerleichterungen in der Europäischen Union.

Es ist ein wunderbares Lesebuch. Egon Schwarz während der fünfziger Jahre auf seiner ersten Schiffsreise über den Atlantik Richtung Europa zu folgen, als man sich für die Fahrt von New York nach Bremen noch Zeit nahm; ihn auf den Wanderungen und abenteuerlichen Autofahrten durch Ecuador oder den amerikanischen Westen zu beobachten; die Strapazen einer Fahrt durch den menschenleersten Teil Islands nachzuerleben oder ihm durch das dichtbesiedelte Bombay zu folgen; ihn zu beobachten, wie er es schafft, trotz arabischer Stempel im Reisepass Israel zu besuchen und sich dort kurz vor dem Sechstagekrieg von 1967 Jerusalem mit der Muße eines Touristen anzuschauen; ihm zuzuhören bei seinen Erzählungen über das Spanien der fünfziger Jahre, das ihm, der inzwischen Amerikaner geworden war, wie die Welt von Vorgestern vorkommt; mit ihm in den sechziger Jahren die Indio-Dörfer von Chiapas zu besuchen, also einen Teil Mexikos kennenzulernen, den es so heute nicht mehr gibt; sich mit ihm über italienische Gastfreundschaft zu freuen und über italienische Bürokratie zu ärgern; schließlich seinen Enthusiasmus über Neuseeland verstehen zu lernen: All das lohnt die Lektüre. Das Buch macht auch erneut Mut, sich gegen den grassierenden Fremdenhass zu wenden und steigert die Lust, an anderen Lebensweisen teilzuhaben.

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