Die italienische Begeisterung von Gerd-Peter Eigner, 2008, KiWi1.) - 2).

Die italienische Begeisterung
Roman von Gerd-Peter Eigner (2008, Kiepenheuer & Witsch).

Besprechung von Dorothea Dieckmann aus der Neue Zürcher Zeitung, 9.05.2009:

Redefluss ohne Ufer
Gerd-Peter Eigners Roman «Die italienische Begeisterung»

Ein Solitär, hiess es, sei das neue Buch von Gerd-Peter Eigner. Dem muss widersprochen werden. Ein Solitär ist der Autor selbst, während sein fünfter Roman in dreissig Jahren nahtlos die grosse Erzählung fortsetzt, die von der Teilung des Selbst in einen Erzählenden und einen Erlebenden handelt. Während in «Golli» (1978) ein Lehrer über seinen Schützling berichtete, der sich zusehends als Phantasma einer schizophrenen Selbstverständigung erwies, und in «Brandig» (1985) ein Erzähler-Biograf auf der Suche nach der Zentralfigur war, brachte «Mittenzwei» (1988) das Thema der Ich-Spaltung im Titel, aber auch symbolisch auf den Punkt – in der Figur eines Querschnittgelähmten, der buchstäblich in einen vegetierenden und einen reflektierenden Teil auseinanderfällt.

Männer-Zweiergespann

Auch «Lichterfahrt mit Gesualdo» (1996) führte die Spaltung zwischen bravem Chronisten und genialem Alter Ego fort: Hier lieh der Erzähler dem Monolog des Musiker-Protagonisten Beck Ohr und Stimme. Nun also sein jüngster Roman: «Die italienische Begeisterung»: Bei seinem Freund Theo Bronken in (dem nicht genannten) Olevano Romano erscheint Rolf Boddensiek, Schiffslotse aus (dem nicht genannten) Wilhelmshaven, mit einem schwerwiegenden Motiv im Gepäck: Aischa ist tot, Boddensieks Frau und einstmals Bronkens erste Freundin. Diese Jugendliebe ist zur späten, gemeinsamen Obsession der Eheleute geworden, bis Aischa ihrem Mann buchstäblich auf dem Totenbett erklärte, dass sie stets nur den anderen geliebt habe. Doch Boddensiek teilt das Schicksal der Zeitbloms aus Eigners Universum der Männer-Zweiergespanne und wird diese, seine einzige Lebens-Geschichte erst im 16. von 17 Kapiteln aus- und, da Bronken dazu nur wenig einfällt, schnell wieder einpacken. In seiner längsten wörtlichen Rede wird er daraufhin erläutern, wie Kühe aufstehen, und schliessen: «Wenn man diese einzigartige Schönheit der tierischen Aufsteh- bzw. Aufstandskultur vom Gatter oder dem Weidezaun aus beobachtet hat und der aufgestandenen Kuh die Chance gibt zu erkennen, dass man sie bewundert, dann kommt sie leichtfüssig angetrabt und leckt einem das Salz, das Salz des Lebens, von den Handrücken. Hast du, Bronken, das alles vergessen?»

Vergessen? O nein, Bronken ist ein Gedächtniskünstler; tagelang erzählt er aus seinem Leben, ja er zitiert etwa auswendig – und beide Männer sind im Alter ihres Erfinders, also in den Sechzigern! – den Mahnbrief des Schuldirektors nach einer seiner Verfehlungen als sogenannte «Sittensau», kurz «SS.». Und doch gleicht er den Tieren, die, nach den Eingangssätzen von Nietzsches «Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben», in seligem Vergessen leben, «kurz angebunden mit ihrer Lust und Unlust [. . .] an den Pflock des Augenblicks».

Ein Berserker

Er ist einer dieser Monomanen, die von der Unmittelbarkeit des eigenen Daseins so absorbiert sind, dass ein Interesse für die Mitteilungen anderer einer unerträglichen Abstraktion gleichkommt. Das prekäre Gefälle dieser Beziehung steigert Eigner, mit warmer Ironie und tiefer Empathie, bis zur Groteske. Und nach einer (kalkulierten) Phase des Befremdens, dass nicht Boddensiek, der Zuhörer-Erzähler mit seiner unerhörten Geschichte, sondern Bronken, der Sprecher-Erzähler mit seiner unüberhörbaren Lebenssuada, den Platz in seinem Herzen beansprucht, lässt sich der Leser von dem Bärbeiss und Berserker in Bann ziehen. Zugleich erkennt er, dass Boddensiek, der allzu geduldige Frager und Stichwortgeber, das geheime Zentrum des Romans ausmacht – als sein, des Lesers Alter Ego: «Es ist schon seltsam, wie einer [. . .] sich allein durch seinen ununterbrochenen Redefluss in die Existenz des anderen hineinspült [. . .] Er schafft es aus eigener Kraft. Ich bleibe austauschbar. Oder vielleicht doch nicht?»

Mehr noch: Boddensieks Lebensdrama selbst speist sich aus Bronkens vernachlässigten Lebensbrocken, seine Liebe zu Aischa ist ein Derivat von dessen Leben – bis hin zu den sexuellen Grenzerfahrungen, die der Anwesenheit des unsichtbaren Dritten geschuldet waren. Das Phantasma Bronken ist untrennbar mit dem Begehren nach Aischa verbunden. Und so ist es kein Zufall, dass Boddensiek sein erstes Liebeserlebnis nach ihrem Tod einer Geliebten von Bronken verdankt, die eines Tages in die Besucher-«Höhle» schlüpft, während Bronken oben im «Horst» wartet. Denn der egozentrische Gastgeber ist auch der Grosszügige, der sein Leben (mit)teilt und verströmt, verschlingend und freigiebig, rücksichtslos und selbstlos zugleich.

Diese faszinierende Erzähl- und Beziehungskonstruktion, mit der Eigner sein Spaltungsthema weiterentwickelt, wird mit grosser Leichtigkeit instrumentiert. Aus der klassischen Position des Nach-Erzählers erfährt man Boddensieks Geschichte, während die Bronkens eine präsente Stimme hat – aufdringlich, redundant und endlich von ergreifendem Sog, wenn von seiner Ehe und deren Scheitern die Rede ist, als die Frau das gemeinsame Kind mit fortnimmt. Da erweist sich Bronken als Emphatiker und Leidender, radikal Verstehender und wütend Fühlender – in Eruptionen von einer leidenschaftlichen Klugheit und lebendigen Präzision, wie sie die in erzählerische Trivialität und akademische Abstraktion zerfallende deutsche Literatur sonst nicht kennt.

Erzähllust

Nur ein Ignorant könnte Bronken als Schwätzer abtun. Er schenkt uns seine Gedanken, sein Haus und seinen italienischen Bergort, Ausflüge nach Rom und ans Meer, einen Besuch beim Weinfest und Tage auf dem Landgut seines Arztkollegen Cesare, dessen Frau wunderbare Mahlzeiten kocht. Wenn etwas in diesem Roman geschwätzig wirkt, dann die bisweilen pedantischen Beschreibungen, die Anekdoten und Idyllen, bei denen man die Selbstverliebtheit der Figur Bronken nicht von derjenigen des Verfassers unterscheiden kann. Dann erscheint die Erzählökonomie allzu leichtfertig und ermüdend und untergräbt die Wirkung des Stils, dessen üppige, mäandernde Verspieltheit meisterhaft gestaltet ist – von atemlos sich fortschreibenden Langsätzen bis zu wuchernden Alliterationen, von traumhaften Bildern bis zu hochintensiver szenischer Darstellung. Aber vielleicht ist auch dies Ausufern Teil der «Begeisterung», die naturgemäss über die Stränge schlägt, und einer Erzähllust, die über das tote Wort hinaus- und ins Leben strömen will.

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2).

Die italienische Begeisterung von Gerd-Peter Eigner, 2008, KiWiDie italienische Begeisterung
Roman von Gerd-Peter Eigner (2008, Kiepenheuer & Witsch).

Von Rainer Wagner aus der HAZ, 18.09.2010:

Der Schriftsteller Gerd-Peter Eigner bekommt heute in Göttingen den mit 15.000 Euro dotierten Nicolas-Born-Preis des Landes Niedersachsen.

Einen „Bezug zu Niedersachsen“ sollen Schriftsteller schon haben, die mit dem Nicolas-Born-Preis des Landes Niedersachsen ausgezeichnet werden. Wer diesen Bezug bei Gerd-Peter Eigner sucht, der am Montag in Göttingen den mit 15 000 Euro dotierten Preis erhält, wird sowohl in der Biografie wie in Eigners literarischem Schaffen fündig. Geboren wurde er zwar 1942 in Malapane (Oberschlesien), doch aufgewachsen ist er in Wilhelmshaven, wo er auch Abitur machte, als Bauarbeiter und Lokalreporter tätig war und sich als Musiker betätigte: „In meiner Kindheit und Jugend habe ich Geige und Klavier gespielt. Und geboxt. Beides, miteinander kollidierend, führte zur Literatur.“

Was die weitere Beschäftigung mit Musik nicht ausschließt. Sei es in einer „szenisch-prosaischen Intervention“ mit dem schönen Titel „Sechs unbiographische Angaben über Mozart und über den Schnee“, die 1983 in der Alten Oper Frankfurt vorgestellt wurden. Oder in seinem 1996 erschienenen Roman „Lichterfahrt mit Gesualdo“, dessen Held sich mit dem Musiker, Mörder und Madrigalmeister Don Carlo Gesualdo auseinandersetzt. Aber Eigner tritt auch mit dem Jazzposaunisten Conny Bauer auf und präsentiert beispielsweise die Text-Komposition „Prosa an Posaune: Wolkenflug und Schwanenschicksal“. Schwäne spielen in Eigners Schaffen immer wieder eine Rolle. Und die Musik auch. Eigner übersetzt Nietzsches „Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum“ ins Alltägliche: „Wo das Tröstliche vorliegt, wird man es sich zunutze machen.“

Nach dem Studium (Volkswirtschaft, Soziologie und Geschichte) arbeitete Eigner als Lehrer für verhaltens- und entwicklungsgestörte Kinder und Jugendliche in Bremen. 1971 entschloss er sich, hauptberuflich Schriftsteller zu werden. Sieben Jahre später erschien sein erster Roman „Golli“, den von der Kritik als „Paukenschlag“ begrüßten Auftakt einer „Spaltungs-Trilogie als Krankengeschichte“: Es ist auch eine Heimatgeschichte, die – ebenso wie „Mitten entzwei“ (1988), der Abschluss der Trilogie – in Wilhelmshaven spielt. Und im Mittelteil des Triptychons, dem 1985 erschienenen Roman „Brandig“, führt die Suche nach dem Helden zwar vorzugsweise in die mediterrane Welt, aber eben auch in die norddeutsche Landschaft. Eigner schöpft aus dem Fundus äußerer Erscheinungen und persönlicher Erfahrungen: „Der Schriftsteller schreibt über das – oder genauer: aus dem heraus –, was er kennt. Dort kann er schalten, walten und verwandeln.“ Die Niedersächsische Literaturkommission als Jury dieses Preises nennt Eigners Romane „zyklisch miteinander verbunden“. Tatsächlich beginnt auch Eigners 2008 erschienener Roman „Die italienische Begeisterung“ an der Nordseeküste und mit der Erinnerung an eine Kindheit in Wilhelmshaven.

Pointiert ist schon der Beginn (das ist nicht selbstverständlich bei einem Autor, der 34 Druckzeilensätze schreibt): „Eine Woche vor ihrem Tod sagte mir die Frau, mit der ich ein Vierteljahrhundert gelebt und drei Kinder großgezogen hatte, dass sie immer nur ihn geliebt habe.“ Daraufhin macht sich der Seelotse Rolf Boddensiek auf nach Italien, wo sein einstiger Mitschüler (und Nebenbuhler) Theo Bronken jetzt lebt. Auch der vielsprachige Eigner lebt in Italien (und in Berlin): „Aber in Italien schreibe ich nicht, sondern bespreche Weinstock und Olivenstämme. Und lese.“

Zwölf Jahre hat Eigner seine Leser auf diesen Roman warten lassen: „Ein größeres Werkstück erfordert oft ein Dezennium. Wenn nicht ein ganzes Leben.“ Er habe nie fortwährend geschrieben, sondern „immer im Kopf Materialien und Ansichten gesammelt, Gegenstände, Gegenden, Gesichter samt den Ansichten aus dem Mund jener, deren ich ansichtig wurde“. Die Frage, ob er ein skrupulöser Schreiber sei, müsse der Leser beantworten: „Ich tu’, was ich kann.“

Die von der zuständigen Kulturministerin Johanna Wanka erkannte „Wahlverwandtschaft zum Namensgeber des Preises“ hat den Preisträger übrigens „stutzig gemacht“: „Ich habe die Verwandtschaft zu Nicolas Born nicht gesucht oder hergestellt.“ Wenn es Ähnlichkeiten gebe, seien die „der Zeit und den Räumen, den äußeren Umständen und künstlerischen Einflüssen geschuldet“. Aber andererseits seien Schriftsteller doch „vom selben Stamm“: „Man hat sich nicht selbst in die Welt gesetzt, aber wenn man Ton, Haltung, Gebaren des anderen als Schriftsteller zu Gehör und Gesicht bekommt, ist man verwundert, dass man nicht so ganz allein ist.“

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