Die irrlichternde Zeit.
Roman von Jurij Mamlejew (2003, Suhrkamp - Übertragung Gabriele Leupold).
Besprechung von Martin Krumbholz in der Frankfurter Rundschau, 11.2.2004:

Club der toten Seelen
Jurij Mamlejews "Die irrlichternde Zeit" ist kein Zombie-Roman

Keiner soll sagen, Jurij Mamlejew könne keine beeindruckenden erste Sätze schreiben. "Der Leichnam saß zu Hause und trank starken Tee" - und das am Anfang des 20. Kapitels! Der Autor hat sein Pulver noch längst nicht verschossen, denkt man da, oder besser, um den Metaphernbruch zu vermeiden: hat noch längst nicht alle Teeblätter aufgebrüht! Unwillkürlich fallen einem Die toten Seelen ein, wurde Mamlejew doch des öfteren schon mit Gogol verglichen. Oder mit Dostojewski. Auch in den Romanen der toten Dichter spukt es mitunter gewaltig.

Doch Mamlejew hat keinen Zombie-Roman geschrieben, sondern seine Figuren lediglich mit makabren Spitznamen geschmückt, "der lebende Leichnam" oder "der Narziss im Sarg" werden sie von ihren Freunden zärtlich genannt. Immerhin, übernatürliche Phänomene gibt es in der Irrlichternden Zeit durchaus. Der Held Pawel fällt auf einer Party in Moskau einem "Zeitbruch" zum Opfer: Er begegnet seinen Eltern, die in Wahrheit längst tot sind, und er verführt oder vergewaltigt - das ist Geschmacksache, jedenfalls geschieht das Ganze im Vollrausch (Wodka, nicht Tee) in einem Wandschrank - eine Frau namens Alina, die ihm später nach angemessener Frist einen Sohn gebären wird, der, wenn die beiden sich (viel) später einmal begegnen, älter sein wird als er selbst. Das ist beinahe schon der heißblütige Plot des nicht eben schmalen Romans. Der Rest ist, man muss es leider so hart sagen - Palaver. Jurij Mamlejew, 1931 in Moskau geboren, 1974 in die USA und später nach Frankreich emigriert, seit 1991 wieder in Moskau lebend, galt in den sechziger Jahren als eine Art (Irr-)Lichtgestalt des literarischen Untergrunds der Sowjetunion, die freilich seine Bücher abgelehnte und verbot: phantastisch, grotesk, konterrevolutionär. Vielleicht auch: wild, schwermütig, transzendental. In diese sechziger Jahre will Mamlejew, unterm Vorzeichen des Esoterischen, mit seinem neuen Roman zurück. Das Buch spielt nur scheinbar zur Zeit der Jahrtausendwende. Es wendet sich mit großem rhetorischen Aufwand zurück in eine Zeit, da man in verräucherten Hinterzimmern die Zeit totschlug und in großen Mengen - trank.

Die "metaphysischen Freunde", die hier zusammensitzen, beschäftigen sich mit spirituellen oder parapsychologischen Dingen. Pawel aber hat das Gefühl, "die ganze Welt stürze ein wie teuflische Phantasie, es gebe nichts Gültiges, Reales, nur einen Wirbel von Negationen, und der Seele bleibe nur, durch die wüsten Weiten des sogenannten ‚Universums' zu irren oder irgendwo in die Finsternis zu stürzen". Das ist gut gesagt, doch im Wirbel der Negationen kristallisiert sich die Erkenntnis heraus, dass Mamlejews Roman zwar emsig sprudelt wie Mineralwasser, aber leider Gottes auch so schmeckt. Es lebe - nein, es muss nicht immer Wodka sein, starker Tee täte es doch auch!

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.fr-aktuell.de]

Leseprobe I Buchbestellung I home 0304 LYRIKwelt © Frankfurter Rundschau