Die Irrfahrer.
Roman von Gerd Scherm (2006, Heyne).
Besprechung von Bernd Zachow aus den Nürnberger Nachrichten vom 7.2.2007:

Die griechischen Helden sind durchgeknallt
Gerd Scherms Roman «Die Irrfahrer»: Ironische Zeitreise durch die Welt antiker Heroen

Dass die Götter im alten Griechenland vor allem dumm, eitel, hinterhältig, gewalttätig und sexbesessen waren, hat bereits der antike Dichter Homer in seinen berühmten Epen angedeutet. Aber welches Maß die göttliche Verworfenheit damals wirklich erreicht hat, erfährt der Leser erst in unseren Tagen durch den fränkischen Schriftsteller Gerd Scherm. Der Autor, der vor kurzem mit dem Baur-Preis der Bayerischen Akademie der schönen Künste ausgezeichnet worden ist, erzählt in seinem neuen Roman die Sagen des klassischen Altertums ganz neu und anders: Auf das Wesentliche reduziert und gespickt mit ironisch-kritischen Anspielungen auf Personen und Ereignisse der Gegenwart.

Die Hauptperson in Scherms Geschichte ist der schriftkundige Ägypter Seshmosis, ein Vertreter von edler Einfalt und stiller Größe in einer Welt voller so genannter «Helden», die in Wahrheit komplett durchgeknallte Totschläger, Vergewaltiger, Räuber und Betrüger sind. Es ist die Epoche, in der die grundlegenden staats- und wirtschaftspolitischen Ideen Europas entwickelt werden.

Seshmosis findet das alles nicht so toll, aber er ist auch ein Mensch, der seine Ruhe und Bequemlichkeit liebt. Doch da gibt es noch eine kleine, aufmüpfige Gottheit, die ihn zu ihrem Propheten ernannt hat, und ihn dazu verdonnert, sich auf die Suche nach weltanschaulichen Alternativen zu machen. So begibt er sich auf eine abenteuerliche Irrfahrt durch den östlichen Mittelmeerraum.

Dort ist gerade gewaltig was los. Die Gegend steht an der Wende von der Bronze- zur Eisenzeit. In der Folge kommt es zu Veränderungen im regionalen Machtgefüge. Seshmosis und seine kuriosen Reisebegleiter, welche Scherm-Leser bereits aus dem Roman «Der Nomadengott» kennen, erleben den Anfang vom Ende der minoischen Kultur auf Kreta und den Aufstieg von ein paar griechischen Kleinstaaten, die seit Jahren die Stadt Troja an der anatolischen Küste bekriegen. Dabei geht es angeblich um die Entführung einer griechischen Königstochter durch einen trojanischen Prinzen, tatsächlich jedoch wird um den wirtschaftlich bedeutsamen Zugang zum Schwarzen Meer gekämpft.

Sturz der Olympier

Spätestens vor den Toren von Troja sind Seshmosis sowie seine märchenhaften Weggefährten übereinstimmend der Meinung, dass das alles ganz falsch läuft. Durch die verantwortungslosen Spiele der Götter und ihrer menschlichen Schachfiguren ist die Welt gründlich versaut worden. Weil sie in einer sehr frühen Zeit leben, und überdies als Romanfiguren berechtigt sind, trotz alledem an eine Veränderung zum Guten zu glauben, planen Scherms Helden den Sturz der Olympier. Schließlich können sie ja im 12. vorchristlichen Jahrhundert nicht ahnen, dass die meisten Menschen gar kein selbstbestimmtes Leben wollen.

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