Die Insel des vorigen Tages von Umberto Eco, 1999, HanserDie Insel des vorigen Tages.
Roman von Umberto Eco (1999, Hanser).
Besprechung von Iris Kammerer auf www.iris-kammerer.de:

Roberto de la Grive, Abkömmling eines heruntergekommenen lombardischen Adelshauses, landet als einziger Überlebender eines Seeunglücks und Schiffbrüchiger auf einem verlassenen Schiff (!) vor einer unbewohnten Insel, von der ihn nicht nur die Datumsgrenze trennt, sondern auch die Tatsache, daß er nicht schwimmen kann.

Er war im Auftrag des französischen Hofes unterwegs, um diese Datumsgrenze ausfindig zu machen, Mitarbeiter eines weltumspannenden Konkurrenzprojektes, das der Bestimmung der Längengrade diente. Was so selbstverständlich erscheint, war bis ins 18. Jahrhundert hinein ein gravierendes Problem: Die Schiffe der Entdecker fuhren ins Blaue hinein über die Ozeane, sie wußten zwar, in welchen Breiten sie sich befanden, aber nicht wie schnell oder langsam sie auf ihren Reisen vorankamen!

Roberto ist ein sperriger Protagonist, ein Feigling und Dummkopf mit Neigung zu Paranoia und Wahnvorstellungen. Die Entdeckung, daß er auf diesem Schiff, auf dem sich ein Raum mit Vögeln und ein anderer voller Uhren befinden, nicht allein ist, versetzt ihn in Panik.

Der Leidensgenosse, Pater Caspar Wanderdrossel, ebenfalls ein Nichtschwimmer, klärt ihn über die Geschichte des Schiffes - Daphne - und seiner Mannschaft auf: Die Mannschaft habe nach ihrem Eintreffen mit allem wichtigen Werkzeug auf die Insel übergesetzt und sei dort von Wilden niedergemacht worden.

Roberto versucht, sich das Schwimmen beizubringen, aber es gelingt ihm nicht. Sodann entsinnt sich Wanderdrossel der Zeichnung einer Taucherglocke, die er irgendwann irgendwo in einem Buch gesehen haben will, und spekuliert darauf, daß er mittels diesem Instrument auf dem Meeresgrund zur Insel wandern könne, um das Werkzeug zurückzubringen; die beiden basteln sich diese Taucherglocke, Wanderdrossel steigt mit ihr ins Meer und verschwindet.

Alleingelassen verlegt sich Roberto darauf, einen Roman über sein Leben und das seiner verwegensten Wahnvorstellung, eines imaginierten "dunklen Zwillingsbruders" namens Ferrante, zu entwickeln, der seinem Schicksal einen Sinn geben soll; zugleich versucht er es nochmals mit dem Schwimmen.

Die Welt des Roberto de la Grive ist ein Kaleidoskop des 17./18. Jahrhunderts, Erinnerungen mischen sich mit Wunsch- und Wahnvorstellungen eines überreizten Gemüts. Dazwischen vermittelt Eco über einen Erzähler geschickt Wissen und Aberglauben dieser Zeit, macht vor keinem noch so absurden oder schrecklichen Detail Halt.

Der Stil ist geradezu pompös, angelehnt an die selbstverliebte Sprache dieser Zeit läßt er seinen Erzähler Robertos Leben anhand (fiktiver) Dokumente erzählen, über dieses Leben räsonnieren ebenso wie über die damalige Zeit. Realität und Fiktion verweben sich zu einem Gemisch aus hsitorischer Realität, fiktiver Realität und fiktiver Fiktion - eine derart kunstvolles Rezept, deren Zusammensetzung und Verarbeitung bislang nur einem Umberto Eco zu Gebote steht. Der Roman ist gespickt mit Zeichen, Symbolen, Metaphern, Anspielungen, Verweisen etc., unkommentiert, parodiert, ironisiert, verfremdet etc., und das ohne daß es sich der Autor an irgendeiner Stelle dem Leser gegenüber raushängen ließe, um wie viel intelligenter, klüger, gebildeter er doch sei. Eco gönnt einem den Spaß des Wiedererkennens von Motiven, weckt den Wunsch danach, es nicht nur einmal zu lesen, sondern wieder in die Hand zu nehmen, auf die Suche zu gehen, die Spurensuche nach der Entwicklung unserer heutigen Weltanschauungen.

Die Sprache hat eine sonderbare Sogwirkung, sobald man beginnt, sich an ihrem Zeichenkodex entlangzuhangeln, was voraussetzt, daß man sich auf diese Art des Sprechens - denn er "erzählt" diese Geschichte im wahrsten Sinne des Wortes! - einläßt.

Selbstverständlich könnte man den Plot auf 50 Seiten oder gar weniger straffen. Selbstverständlich braucht es die geschwätzige, pompöse Sprache nicht, um eine Geschichte über die Bestimmung der Längengrade zu schreiben - das hat Dava Sobel (Längengrad. btb/Goldmann, Berlin 1998, DM 15,--) längst bewiesen. Aber Sobel liefert bei aller Gelehrtheit nur das "naturwissenschaftliche" Detail aus dem konfusen Konglomerat aus Wissenschaft und Weltanschauung einer Zeit, für die die Figur des Roberto de la Grive ein pefekter Repräsentant ist.

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Leseprobe I Buchbestellung 1201 LYRIKwelt © Iris Kammerer