Die Inderin von A.Kumar, Wiesenburg-VerlagDie Inderin.
Roman von Anant Kumar (1999, Wiesenburg).
Besprechung von Tim Schomaker aus taz vom 15.3.2000:

Multikulti mit feinen Rissen
Der Kasseler Autor Anant Kumar erhält morgen einen kleinen, feinen Literaturpreis vom Gymnasium in Osterholz – Scharmbeck

Er gehört zu den freundlichsten und unkompliziertesten Autoren in deutscher Sprache. Weder liegt es daran, dass im nordindischen Katihar, wo Anant Kumar 1969 geboren wurde, nur freundliche Menschen leben, noch daran, dass Kassel, wo der Autor seit 1991 lebt, Menschen unkompliziert macht. Er ist einfach so, Punkt.

Nun bekommt er einen Literaturpreis. Für seine Gedichte und Erzählungen, die oft in Kneipen, Cafés und Diskotheken spielen. Es ist nicht der erste, es ist auch nicht der am höchsten dotierte. Und doch ein besonderer. Denn er wird von einer Schule vergeben, dem Gymnasium in Osterholz-Scharmbeck vor den Toren der Hansestadt. Passend für einen Autor, der, wie er sagt, besonders gern in Schulen liest und mit SchülerInnen diskutiert. „Mit denen kommt man leichter und schöner ins Gespräch.“

Auch wenn seine Texte alles andere sind als ein didaktisches Programm, handelt es sich um eine der „Zielgruppen“, die Kumar erreichen will. Ethnizität oder das Alter werden in den Texten gleichsam suspendiert. Unterschiedliche Menschen werden zu „Gestalten/ heranwachsende Mädchen, glatzköpfige Männer/ alternde Frauen, farbige Asylanten, .../ der indische Yogalehrer ist auch dabei./ ob es die Pluralität der Postmoderne ist/ oder Gandhis kastenlose Gesellschaft,/ geht die Tanzfläche nichts an“ So heißt es in „GLEIS EINS 01 Uhr“.

Kumar frönt keineswegs der unpolitischen Utopie, dass Musik alle gleichmache, wie es zu jeder „Love Parade“ naiv tönt. Es geht darum, Möglichkeiten aufzuzeigen, wie ein unbedingtes Miteinander vom reinen Lippenbekenntnis zur Alltagserfahrung werden kann. Zugleich aber schreibt er dem Wunsch die Schwierigkeiten ein, die seiner Realisierung entgegenstehen. So kehrt sich der Flirt des „hübschen, hiesigen Techno-Mädchens“ Martina mit dem Bangladesher Abdul Qasim in seinem aktuellen Buch „Die Inderin“ in dem Moment in Distanz um, da ihr, die betont vorurteilsfrei erscheint, der eigene Rassismus den Boden unter den Füßen wegzieht. „Er kocht sehr gut! Schön scharf! Er ist auch scharf – ein scharfer Lover!“ Ihre Freundinnen sekundieren, bewundern seine weißen Zähne. „Martina und ihre Freundinnen demütigten jedoch Abdul Qasim nicht wegen seiner Fehler oder schlechten Aussprache, sonder sie sagten: „Aber man dich verstehen.“ Jede von ihnen war auch mit der wissenschaftlichen Feststellung Abdul Qasims einverstanden, dass ‚Dutsch‘ eine sehr schwere Sprache sei. Die Marlene sagte darauf: „Gott sei Dank, dass es meine Muttersprache ist.““

Ohne Codierungen, ohne komplizierte Konstruktionen, sondern mit bestechender Leichtigkeit zeigt Kumar die Brüchigkeit einer „multikulturellen“ Gesellschaft, ohne dass sich sein Werk auf diesen einen Aspekt reduzieren ließe.

Es geht um Liebe, um die Mikroebenen menschlicher Beziehungen, kurz: um ganz Alltägliches. Dies, die Möglichkeit, sich zu identifizieren, aber auch, sich „ertappt“ zu fühlen, macht den Reiz der Arbeiten Kumars aus.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.taz.de]

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