Die in den Landschaften verschwunden sind von Katarina Frostenson, 1999, HanserDie in den Landschaften verschwunden sind.
Gedichte von Katarina Frostenson (1999, Hanser - Übertragung Verena Reichel).
Besprechung von Mike Markart aus der titel-magazin:

Die in den Landschaften verschwunden sind, dem ersten auf Deutsch erschienenen Gedichtband der schwedischen Autorin Katarina Frostenson.

Die außerordentliche poetische Kraft der Gedichte Katarina Frostensons liegt dort, wo Klang und Bewegung in finstere Handlung, in jene dichte Düsternis münden. Dort packen die Texte zu und ziehen den Leser hinein in eine Welt, wo an manchen Stellen längst verdrängte Momente der eigenen Existenz auftauchen und aus einem Blickwinkel zu sehen sind, den man selbst nicht wählt, aus welchen Gründen auch immer. Selbstverständlich muss man dazu bereit sein, muss sich der Sogwirkung der Texte bedingungslos hingeben. Denn wer sich verweigert, bringt sich zwangsläufig um alles. Auch das allerdings ist eine Kategorie der Texte: Die Möglichkeit des Scheiterns an ihnen. In jener technischen Welt, welche die Dinge festmacht, in Kategorien einteilt und dementsprechend verwaltet, könnte man den Anschein gewinnen, Katarina Frostensons Texte würden auf ,unsicherem Grund' stehen. Denn für sie gibt es keine Beweisbarkeit und auch nicht die Möglichkeit, sie in irgendeiner Art festzumachen und zuzuordnen.

GESCHWISTER
Abgenagtes Gras, im Quadrat
Mitten in Goldammern, zwischen Himmelschlüsseln
Im weißen Schein der bleichen Sonne, nackt sind sie
in ihrem Unterleib, die Stengel, bleiche Lenden
Tüpfelfarn im Mund, kleine Hauer,
Horn das glänzt. Die grauen, die kleinen
Versteinerten warn hier. Die Grube ist weiß
wo zwei Geschwister liegen.

Der Text legt den Gedanken Schienen, doch hat er keine Stationen vorgesehen, die wählt sich der Leser selbst. Je nachdem, an welchen der in den Text gestreuten Informationen für ihn die Handlung greifbar wird. Viele der Gedichte Frostensons, die 1953 in Stockholm geboren wurde, funktionieren wie ein Kaleidoskop, in der sich Wissenströpfchen über die Liebe, verschiedene Landstriche, das Sterben und den Tod jedesmal aufs Neue ordnen. Diese Gedichte hören nicht auf, schreiben sich ständig weiter. So man als Leser es zulässt.

BILD
Der schwarze Kreis um sie herum, unten am Flußufer da gehn sie und umarmen sich. Eben sind sie zusammengetroffen. Braune Frühjahrsflut, die Bank aus Gras und Sandstaub zottig gelb, das Wasser - springt fast. Sie reden, du kannst nicht hören was sie sagen. Detonationen, sie umarmen sich, sie lachen. Sie gehn über den Sand an den Flußbänken, so erscheinen sie auf Millionen Schirmen, im kalten, nackten Frühlingslicht. Sie lachen, umarmen sich, du kannst nicht hören, was sie reden. Der schwarze Kreis schließt sich um sie, jetzt sind sie nah. Dann fassen sie sich an den Händen, sehn sich in die Augen und gehen beiderseits der Grenze hinüber, und dann hinein in die Berge.

,Weg' ist ein ständig wiederkehrendes Wort innerhalb der Texte, die oft auf halber Strecke beginnen und manchmal abrupt aufhören, obwohl das Ende des Weges noch außer Sicht ist. Das schafft trotz ihrer Düsternis, die sie nur ganz selten ablegen, eine gewisse Leichtigkeit und den entsprechenden Blick für die Folgerichtigkeit von ,Kommen' und ,Gehen' und jener kurzen Strecke, die dazwischen liegt.

ERSTER BODEN
Träum ich ...Es ist eine Hasel
Ich spiele blind. Da ist der Weg
Die Gleise. Die Stöße
der Schienen -
Ein langes schwarzes Eisengeländer
ein Dreieck aus Grün
Ein Stern fiel von der Stirn herab
in die Erde.

Trotzdem die Texte sowohl durch ihre Sperrigkeit als auch durch ihre Handlung modern und radikal sind, den Leser fordern, herausfordern und doch immer wieder abwehren, verweigert die Autorin sich moderner sprachlicher Stilmittel, zeitgeistiger Sprache. Das schafft den Gedichten die Voraussetzung, über einen langen Zeitraum zu ,funktionieren'.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter TitelMagazin]

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