Die Hundeesser von Svinia von Karl-Markus Gauß,2004, Zsolnay

Die Hundeesser von Svinia.
Reportage von Karl-Markus Gauß (2004, Zsolnay).
Besprechung von Renate Zöllner in Rheinischer Merkur, 1.07.2004:

Der Österreicher Karl-Markus Gauß besucht die Roma in der Slowakei
Die Hundeesser

Vor wenigen Monaten sind die slowakischen Roma verstärkt durch die Medien gegeistert. Rebellisch haben sie sich in Gruppen zusammengeschlossen und Kaufhäuser überfallen. Das Signal ging auch durch die internationale Presse: Seht her, es geht uns schlecht!

Das ist allerdings keineswegs die alltägliche Haltung der Roma, wie das neue Buch von Karl-Markus Gauß deutlich macht. „Die Hundeesser von Svinia“ zeigt eher eine hilflose Bevölkerungsgruppe ohne Perspektiven, ohne Identität. Gauß zeichnet ein wohlwollendes, aber zugleich sehr kritisches Bild der Slumbewohner in der Ostslowakei.

Seine Reise beginnt Gauß in der zweitgrößten slowakischen Stadt Kosice. Um sie aus der Altstadt zu verbannen, wurden die Roma dort kurzerhand in den Außenbezirk Lunik IX umgesiedelt. Mittlerweile hat sich dort längst ein Ghetto gebildet, das kein Slowake mehr freiwillig betritt. Auf seinem Spaziergang durch Lunik IX fühlt sich auch Gauß unwohl. Ihn irritieren die in Grüppchen herumstehenden jungen Männer und verwahrlosten Kinder. Dann wird er belehrt: Innerhalb des Ghettos gibt es feste Kastenregeln, die Romakinder dürfen zwar noch mit den niedriger gestellten Ciganik spielen, mit den Degesi (übersetzt: Hundeesser) gibt sich aber niemand mehr ab. Zementiert wird dieses harsche System durch eine brutale Ausbeutung der Roma durch reiche Kreditgeber, die dann ihre Schuldner auf Betteltouren nach Europa schicken. Gauß urteilt: „Die Missachtung, unter der die Roma leiden, ist längst in Selbstverachtung gekippt, und zu dem Elend, in dem sie leben, gehört auch die Ausbeutung, die ihr Verhältnis untereinander reglementiert.“

Gauß besucht mehrere Orte in der Slowakei – und nicht nur deren Romaviertel. Schon in seinem vorherigen Buch „Die sterbenden Europäer“ hat er sich als begnadeter Beobachter der Minderheiten in Europa erwiesen. Und auch jetzt schiebt er eine kleine Pause in Presov bei der jüdischen Synagoge ein oder besucht eine ruthenische Messe. Und auch zeitlich springt Gauß: Er versucht, die sozialistische Roma-Politik zu erklären, analysiert die entmündigenden Folgen, erläutert das Selbstverständnis der Roma früher und heute. Was inhaltlich irritiert – Svinia, das dem Buch den Namen gibt, wird erstmals auf Seite 76 erwähnt –, geschieht sprachlich so spielerisch, dass, wer sich auf die Geschichte einlässt, das Buch nicht mehr aus der Hand legen mag.

Die Reise endet im elendsten Roma-Slum, in Svinia. Hier wohnen etwa 660 Degesi einen halben Kilometer außerhalb vom Ort Svinia. Gauß schildert, wie er sich in der Dämmerung dem undefinierbaren Lärm näherte. Dann bemerkte er den Gestank, der so unerträglich war, dass er an einem Brechreiz würgend in die Siedlung stolperte. Von den Bewohnern aber ist er begeistert, von Groß und Klein wird er freudig empfangen: „Ich war von Gezeichneten umgeben – und traf auf keinen Einzigen, der dem Fremden, der ihn besuchte, nicht zugelacht und ihm freundschaftlich auf die Schulter geklopft hätte.“

Ein Wechselbad der Gefühle, in das auch der Leser geworfen wird. Erfrischend aufrichtig stellt Gauß Sympathie, Unverständnis, Ängste und Mitleid gegenüber, relativiert immer wieder und kämpft redlich, keinem Vorurteil aufzusitzen und keine Moralkeule zu schwingen. Er ist kein verklärender „Zigeunerromantiker“, sondern bemüht sich, die Roma, aber auch deren Feinde zu verstehen.

Über eine Umfrage, bei der 95 Prozent der Slowaken angeben, nicht in der Nachbarschaft von Roma leben zu wollen, grübelt er: „In Salzburg ging mir schon der Yuppie aus dem Haus gegenüber auf die Nerven, weil er, wenn er auf seine Freundin wartete, zehn Minuten den Motor seines Cabrios laufen ließ. Hier war ich nahe daran, die Slowaken, Ungarn, Zipser dafür zu verachten, dass sie die Roma verachteten, von denen ihnen doch ganz anderes zugemutet wurde als mir von meinem Yuppie . . . Die Roma lärmten von früh bis spät in der Nacht, scherten sich nicht um die Berge von Müll, die sie täglich vergrößerten, und brachten den Orten, in denen sie zur Sesshaftigkeit genötigt wurden, nicht die geringste pflegende Zuneigung entgegen.“

Als westlicher Wohlstandsbürger ist er pikiert über die üblen Zustände, in denen die Roma in der Slowakei leben. Gleichzeitig ahnt er, dass mit gespendeten Neubauten das Problem keineswegs gelöst wird. Denn die zwangsumgesiedelten Roma akzeptieren die Sozialwohnungen nicht als ihr „Zuhause“. Das Fazit lautet daher: „So gemein es ist, die Roma mit der Ausrede, sie würden es ohnehin nicht anders wollen, ihrem nicht von ihnen verursachten Elend zu überlassen, so feindselig verhält sich, wer ihnen über eine Art von wohlwollender Erziehungsdiktatur all das austreiben möchte, was die Gadsche (Nicht-Roma) von jeher an ihnen stört.“

Gauß entlarvt die Maßnahmen der slowakischen Regierung und der EU als heuchlerisch – denn die wolle das Problem vor Ort lösen, damit die Roma nicht Richtung Westen ziehen, sobald die Grenzen geöffnet werden. Sympathie dagegen hat er für das Projekt „Habitat for Humanity“, das die Roma dazu anleitet, für einen kleinen Kredit selbst Häuser zu bauen, die sie dann auch besser pflegen.

Das größte Problem sieht Gauß nämlich in der Entmündigung der Slumbewohner, die beruflich nicht qualifiziert sind, die keine Reparaturen in der eigenen Wohnung vornehmen können, die selbst die grundlegendsten Kenntnisse über Viehzucht vergessen haben. Scharf verurteilt er die Familienpatriarchen, die ihre Kinder von der Schulbildung abhalten, um ihre Autorität nicht zu verlieren, ihnen aber damit jede Perspektive verbauen. Und die Slowaken erschweren den Roma-Kindern die Integration an den Schulen noch zusätzlich – in der mit EU-Geldern eingerichteten Schulkantine in Svinia essen die slowakischen und die Roma-Kinder in unterschiedlichen Räumen.

Viele Fehler also, auf beiden Seiten. Ein nachdenkliches Buch, das gleichzeitig lebendig springt, manchmal bis zur Verwirrung, voller widersprüchlicher Gefühle gegenüber einer Bevölkerungsgruppe, die scheinbar nicht integrierbar ist. Am Ende ist der Leser dann um ein paar Fragen reicher – Antworten gibt Gauß nämlich keine.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.merkur.de]

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