Die Höhe der Alpen.
Roman von Andreas Münzner (2002, Rowohlt).
Besprechung von Christoph Schröder in der Frankfurter Rundschau, 31.10.2002:

Shampoo sparen
Ausbruch mit Umwegen: Andreas Münzners Debüt

In keiner anderen Lebensphase werden im Normalfall Regelsysteme in derart großer Anzahl aufgestellt und vordergründig akzeptiert wie in der der Kindheit. Mit dem Beginn der Pubertät setzt dann die eigentliche Reflexion ein und, im günstigsten Fall : Auflehnung. Aus gebührendem zeitlichem Abstand betrachtet kann das komisch wirken, lächerlich, unbedeutend oder auch tragisch. Es ist ein klassischer literarischer Topos, den der Schweizer Andreas Münzner in seinem Debüt-Roman, ausgezeichnet mit dem diesjährigen Förderpreis der Ponto-Stiftung, bearbeitet: Das Außenseitertum in einer geistesfeindlichen Umgebung, in der Disziplin herrscht, und ein Ich-Erzähler an der Grenze zur Jugendlichkeit, fantasievoll und begabt, nach Höherem strebend, der sich eine Gegenwelt errichtet zu dieser Keimzelle der Spießigkeit, bestehend aus Vater, Mutter sowie zwei Söhnen.

Die Welt dieses Buches und auch seine Sprache sind beherrscht von den manischen Ordnungsvorstellungen des Vaters, eines DDR-Flüchtlings, der sich nach oben gearbeitet und es immerhin zu finanziellem Wohlstand gebracht hat. Der Vater - Pedant, Klugscheißer und Sozialdarwinist - ist die eigentliche Hauptfigur des Roman . Der passionierte Schachspieler, setzt die Spielregeln, die für alle gelten, nur selten mittels körperlicher Züchtigungen durch. Stattdessen bedient er sich überwiegend pseudo-argumentativer, litaneienhafter Vorträge, denen die ihm hilflos ausgesetzten Familienmitglieder nichts entgegenzusetzen haben und in denen der Roman manchmal unterzugehen droht.

Die Kargheit ist das oberste Gebot in diesem Kosmos, Spaß gibt es hier nur in kleinen, rationierten Dosen, die einmal aufgestellten Gesetze der absurden Selbstdisziplin sind allgemein akzeptiert . Wer bei der Fahrradtour am Berg absteigen muss, muss sich mit kalten Duschen bestrafen; zum Zweck der Erziehung wird auch schon einmal das mühsam ersparte Geld in den Gully geworfen, und die Haare müssen selbstverständlich stets kurz geschoren sein, denn das spart Shampoo . Eine glückliche Kindheit sieht anders aus.

Um diese Kargheit in all ihren physischen und psychischen Varianten auszustellen, unternimmt Andreas Münzner einen ungeheuren Aufwand. Eng, ist es hier, begrenzt, erstarrt. Da kommt manchmal eine Atmosphäre wie im "Kleinen Fernsehspiel". Und die ist nur in den seltensten Fällen erfreulich. Gegen die paranoide Enge dieses Ambientes ist die Figur des adoleszenten Ich-Erzählers gesetzt, doch obwohl der Roman immer wieder Ausbrüche aus seiner hübsch geordneten Welt behauptet, geht er zu selten wirklich aus ihr heraus. Das mag Absicht sein, lässt aber den Leser ermattet zurück.

Das Problem ist vor allem die unklare erzählerische Instanz, die Fremdwörter benutzt, die einem etwa Dreizehnjährigen nun wirklich nicht bekannt sein dürften oder sich urplötzlich in wildes Fabulieren ergeht, das eher albern denn komisch wirkt. Eine innere Entwicklung des Ich-Erzählers ist nicht auszumachen; Münzner erzählt in Episoden und handelt kapitelweise jeweils einen Themenkomplex wie "Tod", "Liebe" oder "Urlaubsreisen" ab. Nur ein einziges Mal verspricht diese festbetonierte Welt ins Wanken zu geraten, als der Sohn den räsonnierenden Vater anblafft: "Das Maul halten solle er, sage ich, er solle doch einfach das Maul halten." Eine Ungeheuerlichkeit: "Ich habe gewagt, meinem Vater die Sprache zu verbieten, die doch eigentlich ihm gehört." Doch daraus folgt nichts. Leider.

Andreas Münzner beherrscht seine Stillagen und er kann Szenen entwerfen. Er hat ein Gespür für die Absurdität der alltäglichen Verrichtungen, die durch die Verengung auf die kindliche Erzählperspektive noch weiter an Pointierung gewinnt. Hauptsächlich sein Talent, in kurzen Schnappschüssen die groteske und komische Seite dieses spießigen Regelsystems herauszuarbeiten, verhindert, dass Die Höhe der Alpen zur vollends ärgerlichen Lektüre wird. Als Roman ist dieser Text gescheitert, denn es fehlt ihm an einem großen erzählerischen Bogen, an sprachlicher Kohärenz, an innerer Plausibilität und an einer schlüssigen Idee, die das eng geschnürte Figurenkorsett lockern könnte. Und auch den Kurzauftritt der deutschen Großmutter, einer Figur aus dem Klischee-Baukasten, die tatsächlich den stumpfen Satz aufsagt, dass der Hitler schon recht war, "nur das mit den Juden hätte er nicht machen sollen", hätte man sich gerne erspart. Andererseits dürfte selten zuvor ein Autor ein derart originelles, ja großartiges, 14 Seiten umfassendes Kapitel über die Bedingungen der Badbenutzungsordnung im Allgemeinen und der Toilettenschüsselhygiene im Besonderen geschrieben haben. Und das ist für den Anfang schon einmal nicht wenig.

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