Die Hirnköniging von Thea Dorn, 1999, Rotbuch-Verlag1.) - 2.)

Die Hirnkönigin.
Kriminalroman von Thea Dorn (1999, Rotbuch).
Besprechung von Andrea Rödig in der Wochenzeitung, Zürich, 7.10.1999:

«Zurückgelehnt, die Sonne im Gesicht, verfolgte Kyra, wie sich der Kellner mit weichem Hüftschwung durch den Verkehr schlängelte.
Sie stellte sich vor, wie sie ihm nachging, von hinten Schürze, Hose, Hemd vom makellosen Körper riss, ihn auf die heisse Motorhaube legte und vögelte, bis der Lack Blasen schlug.»

Thea Dorn liebt es drastisch. Vorzugsweise treten in ihren Texten Heldinnen mit markigen Sprüchen, Vorliebe für Alkohol, Sex und Autos auf. Mag Thea Dorn die Frauen? Sie mag zunächst Konstrukte. Der Autorin ist aufgefallen, dass es keine weiblichen Serienmörder gibt. Und es geht ihr auf die Nerven, dass Frauen zu zimperlich sind, um anständig über Gewalt zu schreiben. Beides zusammen ergibt einen Thriller, mit dem Dorn wie im Reagenzglas testet, ob sich eine Serienmörderin ohne Tatmotiv glaubhaft darstellen lässt und der ihr Anlass gibt, sich ein wenig im weiblichen Splattern zu üben. Dorns «Hirnkönigin» hat es auf nette, humanistisch gebildete ältere Männer mit kahlem Schädel und Bart abgesehen, denen sie den Kopf abschneidet. Dann vergnügt sie sich mit den dort vorgefundenen Innereien. Ihr auf den Fersen ist die Journalistin Kyra, die sinnigerweise gerade an einer Artikelreihe über Mörderinnen arbeitet und die, auch nicht zimperlich, Männern, die sie ärgern, ins Gemächt tritt oder ihnen gleich ein halbes Ohr abbeisst. Es geht um «politisch blonde» Praktikantinnen und Karrieretraining in der horizontalen Lage, um putzsüchtige Ehefrauen, um die zweifelhaft-erotische Ausstrahlung von Kulturredakteuren, um Eifersucht, ein bisschen Missbrauch, eine verrückte Lesbe, Griechenkult und unsäglich lieblosen, ruppigen Sex in allen Variationen. Am gelungensten ist wohl die Szene, in der ein Nachtwächter des Pergamon-Museums eine überlebensgrosse Athene-Statue zwecks Begattung besteigt und – mitten im Akt – an einem Widerhaken hängen bleibt. Mit dem Splattern kommt Dorn recht weit. Der Roman ist nichts für schwache Mägen. Von den Leichen bleibt uns keine in ihrer detaillierten Beschreibung erspart. Thea Dorn will offensichtlich etwas ausprobieren und hinschauen, wenn es blutig wird. Hätte sie auch weibliche Opfer so detailliert erfinden können? «Natürlich», meint sie, «es wäre sogar leichter gewesen. Es gibt bei uns ja diesen Hang zum Masochismus.» Die ersten Reaktionen männlicherseits auf den an Kastrationsfantasien nicht gerade armen Thriller seien durchweg positiv, meint Dorn stolz. «Die härtesten Jungs sind meine grössten Fans geworden.»
Wenn Frauen Männer morden, hat das – bei Dorn – nichts mit Feminismus zu tun. Auch nicht mit dem Gegenteil. Sie habe ein zwiespältiges Verhältnis zu Frauen und zu Frauenfiguren, sagt Dorn von sich, vor allem aber wolle sie «keine ‘Message’ ‘rüberbringen». Daher verzichtet sie auf die üblichen Tatmotive für weiblichen Mord; also Rache am perfiden Mann, die uns gemeinhin feministisch läutern und die Täterinnen lieben lehren. Genau das will Dorn nicht. Ihre Mörderin ist unberechenbar und grausam. Doch ganz geht diese Rechnung nicht auf. Da neben dem «Whodunnit» auch das «Whydunnit» Aufklärung fordert, liefert Dorn zum Schluss eine semipsychologische Erklärung, die reichlich konstruiert erscheint. Radikaler wäre es gewesen, die Lösung wirklich zu verweigern. Thea Dorn ist jung (29), und dies ist ihr dritter Roman. Die «Berliner Aufklärung», die das Philosophische Institut der Freien Universität zum Schauplatz hat, und «Ringkampf», inspiriert von Richard Wagner und der Frankfurter Opernszene, sind leicht entzifferbare Schlüsselromane im Krimigenre. Mit «Hirnkönigin», sagt Dorn, habe sie etwas Neues probiert. Das Buch ist besser als die anderen, aber richtig gut ist es nicht. Es ist übertrieben. Und trotzdem kann man nicht aufhören zu lesen. Der Text hinterlässt eine Mischung aus Peinlichkeit, Ekel und Faszination. Ist es derselbe perverse Reiz, den die Mörderin beim Berühren der ausgeschlachteten Gehirne spürt? Vielleicht ist Dorn da etwas gelungen. Vielleicht eine Frauenfantasie über Gewalt.

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Die Hirnköniging von Thea Dorn, 1999, Rotbuch-Verlag2.)

Die Hirnkönigin.
Kriminalroman von Thea Dorn (1999, Rotbuch).
Besprechung von Ulrich Steinmetzger aus der NRZ, 1.2.2000:

Tote Männer sind noch schöner

Tote Männer sind noch schöner Die Hirnkönigin, der ausgezeichnete Krimi von Thea Dorn Immer wenn ein interessanter Mann auftaucht, ist er bald tot. Der Kopf wird ihm dann fehlen. Die blutige Szenerie wird malerisch arrangiert sein. Rot wird dominieren und die Gegenstände im Radius von fünf Metern werden unbrauchbar sein. Die plump-männlichen Kommissare werden jenseits aller Resultate hölzern herumtappen. Am Tatort aber wird eine wild entschlossene Journalistin stehen und staunen und immer mehr begreifen, dass gewaltige Frauen in unserer Männerwelt gewalttätig sein müssen. - Es ist Zeit, Männerwitze wie Falcos Jeanny und Nick Caves weiße Rosen zu konterkarieren. Die hatten eh nur von der Schönheit der weiblichen Opfer profitiert. Aber tote Männer können schöner sein, wenn man sich ein bisschen Mühe gibt. Thea Dorn gibt sich Mühe. Thea Dorn ist eine junge Autorin, die seit knapp fünf Jahren den deutschen Thriller neu definiert - und nun mit dem Deutschen Krimipreis für ihre Hirnkönigin dafür belohnt worden ist. Thea Dorn muss man also gelesen haben. Vielleicht auch nur um sich hinterher maßlos darüber zu ägern. Der Filmriss ist das durchgehende Motiv. Thea Dorns Roman ist bis zum dicken Ende spannend, voller Tempo und abrupter Wendungen. Prall gefüllt mit banalen Klischees aber ist er auch. Seltsamerweise stört das wenig. Zu schockierend sind die immer neuen Einfälle der schönen Biester. Zu neu und unverbraucht ist das Psychogramm einer Lustmörderin. Und Thea Dorn ist klug genug, ihr feminines Monster in eine lange Historie einzubetten . . .

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