Die Hinrichtung des Todes von Sakaija Tamer, 2004, Lenos1.) - 2.)

Die Hinrichtung des Todes.
Unbekannte Geschichten von bekannten Figuren von Sakarija Tamer (2004, Lenos-Verlag - Übertragung Hartmut Fähndrich und Ulrike Stehli-Werbeck)
Besprechung von Stefan Weidner
in der Neue Zürcher Zeitung vom 14.12.2004:

Arabischer Galgenhumor
Die Kurzgeschichten des Syrers Sakarija Tamer

Der 1931 geborene Syrer Sakarija Tamer zählt zu den Altmeistern der arabischen Kurzgeschichte und dürfte einer der einflussreichsten arabischen Prosaautoren überhaupt sein. Sein Stil oszilliert zwischen Kafka und Groteske, zwischen politischer Satire und existenzialistischer Parabel. Wer nur zwei seiner Geschichten gelesen hat, wird seinen Stil bei allen weiteren sofort wiedererkennen. Sooft dieser nachgeahmt und variiert wurde, so einmalig erscheint er, wenn der Meister selbst am Werk ist. Einmalig freilich nicht nur im Gelingen, sondern auch im Scheitern. Aber kaum hat man sich über eine Geschichte geärgert, muss man über die nächste schon wieder staunen und lachen. Also lesen wir.

Der aus drei (1970, 1994 und 2000 publizierten) Kurzgeschichtensammlungen zusammengestellte Band «Die Hinrichtung des Todes» umfasst, so der Untertitel des Verlags, «unbekannte Geschichten von bekannten Figuren». Aber richtig bekannt sind die meisten Gestalten nur in der arabischen Welt, so dass der Verlag jeder Geschichte eine halbseitige Vorstellung der Figur, um die es geht, vorangestellt hat. Gewiss, diese kleinen Einführungen richten keinen Schaden an; aber sie treffen doch herrlich daneben, denn Tamer geht auf die wenigsten Charakterzüge seiner aus der Geschichte und Literatur bekannten Helden wirklich näher ein.

Ein Toter vor Gericht

Nehmen wir Umar Chajjam. Der Ärmste wird halb verwest aus seinem Grab gezerrt und muss sich beim Richter dafür verantworten, den Weingenuss besungen zu haben. Freilich nicht deshalb, weil das gegen den Islam verstösst, sondern weil er damit die Bemühungen des (nicht näher bestimmten) Landes um wirtschaftliche Autarkie konterkariert, denn Wein müsste importiert werden. Dieses Argument allein ist von unvergleichlicher, vielleicht aber nicht jedem hiesigen Leser nachvollziehbarer Komik. Sie besteht darin, dass der klassische Vorwurf gegen Umar Chajjam natürlich in seiner Weinliebhaberei begründet war; dass die neuen, meist sozialistisch geprägten arabischen Nationalstaaten aber ganz andere Prioritäten setzten - eben die wirtschaftliche Autarkie -, nur diese leider ebenso stümperhaft durchzusetzen suchten wie Jahrhunderte zuvor (oder derzeit wieder, die Geschichte stammt allerdings aus dem Band von 1970) die Islamisten ihre Vorstellungen vom Islam.

Dabei belässt es Tamer natürlich nicht. Nach einigem Geplänkel zwischen Richter, Angeklagtem und Zeugen erweist es sich nämlich, dass Umar Chajjam mit der Trauer, jawohl, mit der Trauer kooperiert, die «nichts anderes ist als ein Spion der fünften Kolonne, die unsere Feinde zur Beeinträchtigung der Sicherheit und zur Unruhestiftung einsetzen». Umar Chajjam wird mit der Auflage, keine Gedichte mehr zu schreiben, ins Grab zurückverfrachtet, «die Trauer jedoch blieb frei und setzte ihr zerstörerisches Werk fort». Nur gut, dass wir vorher in der Einleitung des Verlags gelernt haben, Umar Chajjam folge in seinen philosophischen Abhandlungen «dem orientalischen Aristotelismus» und sehe «in Gott den logisch notwendigen Ersten Beweger».

Man kann diese Geschichte mit gleichem Recht für denkbar platt und für unglaublich dreist und komisch halten. Sie ist nicht die schlechteste in diesem Band. Die besten funktionieren so wie die nur eine Seite umfassende über Schahrasad, die berühmte Erzählerin in den Geschichten von «Tausendundeiner Nacht», die bekanntlich erzählt, um ihre Hinrichtung durch ihren Gemahl Schehrijar aufzuschieben. Sie trägt den Titel «Die Fälschung», denn von Tamer erfahren wir nun, wie es «in Wirklichkeit» war: Nachdem Schehrijar 1001 Nacht lang erzählt hatte, war er zu erschöpft, um weiterzuerzählen. Da wurde die Königin Schahrasad wütend, liess ihm den Kopf abschlagen und ein paar Literaten kommen, denen sie befahl, die bekannten Geschichten - mit den notwendigen «Anpassungen» - niederzuschreiben; «und Schahrijar», schliesst Tamer listig, «wurde für alle Zeiten zum Frauenfeind». Welch ungeheure Blasphemie, dass nicht die Männer das Heft in der Hand gehalten haben könnten bei dieser berühmtesten Geschichtensammlung der Araber! Welche Verbeugung vor der Macht der Frauen und zugleich welche Verballhornung sowohl der latenten arabischen Frauenverachtung wie auch der nicht minder latenten arabischen Neigung, allerlei Verschwörungstheorien auf den Leim zu gehen! Doch so sehr sich der arabische Leser auf den Arm genommen fühlen mag, lachen muss er gewiss, und welcher deutschsprachige Leser sich nur ein bisschen einfühlt, kann jetzt mitlachen.

Bärte über alles

Oft aber ist es ein bitteres Lachen. Der Humor von Tamer ist vor allem schwarz. Der mongolische Heerführer Timur Lang belagert Bagdad. Die Bewohner, die Gott preisen, weil er sie «als Männer mit Bärten, nicht als Frauen ohne Bärte erschaffen hat», wollen keinen Krieg und bieten zur Versöhnung an, die Frauen auszuliefern. Doch Timur Lang, stets darauf bedacht, den Unterdrückten zu helfen, hat Mitleid mit den Barbieren und will ihnen wieder Arbeit geben. Er fordert, dass die Bagdader sich die Bärte abrasieren lassen, doch die entgegnen nur: «Was hülfe es uns, wenn wir das Leben gewönnen und verlören doch unsere Bärte?» Also lassen sie sich abschlachten.

Bärte sind bekanntlich die Kennzeichen der Islamisten. Auch diese Geschichte stammt aus dem Jahr 1970. Man kann sie problemlos als Parabel auf die heutige Situation im Irak lesen, wo auch nur um der Bärte willen, nicht jedoch für eine politische Perspektive gestorben wird. Nicht Timur Lang ist, wie es die alten arabischen Geschichtsschreiber wollen, der Inhumane, sondern die Frauenfeinde und Glaubensfanatiker. Fast würde man sich wünschen, dass die Geschichte heute noch einmal in einer grossen arabischen Zeitung veröffentlicht würde. Sie müsste eine ungeheure Sprengkraft entfalten und könnte doch nicht als proamerikanische Äusserung verstanden werden, denn dafür ist sie viel zu alt.

Im Grunde haben alle Geschichten von Tamer ein solche Sprengkraft. Aber nicht immer gelingt es, sie zu zünden, nicht immer reibt sich das kritische Potenzial so sehr an der zeitgeschichtlichen Situation wie in der Geschichte von Timur Lang. Daher verpufft die Pointe zuweilen folgenlos, wirkt die Story wie eine billige Fingerübung. Aber nicht nur das kann sich jederzeit ändern, denn wer weiss schon, was uns die Politik noch beschert. Zudem nimmt man diese kleinen Mängel angesichts der Fülle gelungener Texte gerne in Kauf. Dass es aber auch in der arabischen Wirklichkeit manchmal so unerwartet wunderlich zugeht wie in der Phantasie des Autors, belegt die Tatsache, dass er für seine Geschichten, die doch einem diktatorischen Regime wie dem syrischen der grösste Dorn im Auge sein müssten, mit dem syrischen Verdienstorden ausgezeichnet wurde. Ganz abgesehen von zahlreichen anderen arabischen Literaturpreisen, die meistens von bärtigen Golfarabern gespendet werden. Wir vermuten, dass dies mit dem erwähnten orientalischen Aristotelismus zusammenhängt: In Wahrheit ist nämlich Sakarija Tamer der logisch notwendige Erste Beweger.

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Die Hinrichtung des Todes von Sakaija Tamer, 2004, Lenos2.)

Die Hinrichtung des Todes.
Unbekannte Geschichten von bekannten Figuren von Sakarija Tamer (2004, Lenos-Verlag - Übertragung Hartmut Fähndrich und Ulrike Stehli-Werbeck)
Besprechung von Heinz Steuer bei Rezensionen-online *bn*, 2004:

Sammlung kurzer, witzig-ironisierender Geschichten aus dem Orient. (DR)

Der schmale Band bringt 14 kurze Geschichten des syrischen Autors (Jg. 1931), der heute in Großbritannien lebt. In den Texten, die aus den letzten 30 Jahren stammen, geht es um Gestalten des Orients, Westasiens aus islamischer Zeit, teils historische Personen wie Gelehrte, Schriftsteller, Herrscher, teils legendäre; für uns direkt fasslich etwa Harun al Raschid (Titelgeschichte), Timur Lenk/Tamerlan oder Schahrasâd, aber auch Nasrettin Hoca/Nasreddin Hodscha. Jeder Geschichte ist eine personen- und situationsbezogene Einführung vorangestellt, wie es auch ein umfängliches erklärendes Nachwort der Übersetzer gibt. Natürlich wird so der "Witz" des Textes noch verdeutlicht. Das Eigengewicht der Pointen ist aber ausdrücklich für sich fassbar. Es geht um das Aufzeigen von Willkür, Ungerechtigkeit, Unterdrückung und Überheblichkeit, allerdings ohne massive oder direkte Argumentation. Witz und Ironie, ein glatter, präziser Ton, eine knappe, dichte Sprache halten das Geschehen fest und machen es verständlich. Dazu kommt noch die verblüffende Wirkung origineller Elemente der Verfremdung - Anachronistisches wie der Einsatz rezenter Gebrauchsgegenstände bis zu Elementen aus dem Fernsehen. Gewiss bekäme man Lust, mehr vom Autor zu lesen; zunächst einmal aber seien hier originelle Satiren zu - leider - zeitlosen Themen annotiert.

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