Die himmlische Tafel von Donald Ray Pollock, 2016, LiebeskindDie himmlische Tafel.
Roman von Donald Ray Pollock (2016, Verlagsbuchhandlung Liebeskind
- Übertragung Peter Torberg).
Besprechung von Jochen Vogt aus der NRZ, 29.09.2016:

„Die himmlische Tafel“ zeigt schonungslos den Wilden Westen

Eine „tragikomische Gangsterballade“ nennt der Verlag dieses Buch. Das lässt an andere Romane und vor allem und Filme aus Amerika denken. Doch hier fehlt die Lebenslust und der Übermut, die bei „Bonnie und Clyde“ oder „Butch Cassidy and the Sundance Kid“ noch mitschwangen. „Die himmlische Tafel“ ist ein radikal schwarzes Buch, und – milde gesagt – oft so eklig wie der Mehlklumpen, den die drei halbwüchsigen Jewett-Brüder morgens verschlingen, bevor sie als weiße Lohnsklaven wieder ein sumpfiges Stück Georgia trockenlegen.

Das Elend begann, als die Mutter vom Bandwurm geholt wurde; nun verendet der Vater wie das kranke Schwein, das er verzehrt hat. Da denken sich die Jungs: Etwas Besseres als hier finden wir überall und wollen Outlaws werden, wie es im Groschenroman steht.

Aller Anfang ist schwer, doch langsam füllt sich die Satteltasche mit Dollars und die Liste der (meist ungewollten) Opfer wird länger. In der Kleinstadt Meade, Ohio, wollen die drei sich neue Outfits und neue Namen zulegen.

Sodom oder Gomorrha im Kleinformat

Der Ort entpuppt sich nun als wahres Sodom oder Gomorrha im Kleinformat. Der Polizeichef denkt nur an seine Liebschaften, der Barmann zerlegt im Hinterzimmer serienmörderisch seine Opfer, auch den jungen Leutnant, der doch vom Heldentod in Frankreich geträumt hatte. Denn wir schreiben das Jahr 1917 und die deutsche Bäckersfrau hat panische Angst, als Weltkriegs-Feindin gelyncht zu werden. Nur die neue „Hurenscheune“ vor der Stadt floriert wie sonst was.

Eine Gesellschaftskloake aus Rassismus, Gewalt und Sex (oft nicht zu unterscheiden), Korruption, Scheinheiligkeit und religiösem Wahn (schon Vater Jewett sah im Hungerdelirium eine „himmlische Tafel“). Ist das nun eine Allegorie menschlicher Verderbtheit? Oder doch ein speziell amerikanischer Alptraum?

Und warum muten wir uns dies alles zu? Weil Pollock, ein literarischer Autodidakt, der erst nach einem langen Arbeiterleben zum Schreiben kam, uns nicht loslässt. Weil er einen „coolen“ Erzählton findet, der auch groteske, ja makabre Szenen bewältigt, die direkt aus den Bildern vom Höllenbrueghel stammen könnten.

Kontrolleur aller FäkaliengrubenTrostlos?

Nicht ganz. Immerhin findet der älteste Jewett, als er selbst keine Chance mehr hat, einen Ausweg für den beschränkten kleinen Bruder. Und dessen neuer Kumpel Jasper, der furchtlose Kontrolleur aller Fäkaliengruben von Meade, der noch an die Freundschaft glaubt, führt ihn dann auf diesem Weg. So endet dieses herausfordernde Buch – fast wie ein Gedicht von Gottfried Benn: „Habe mich oft gefragt und keine Antwort gefunden/ woher das Sanfte und Gute im Menschen kommt, /weiß es auch heute nicht und muss nun gehn.“

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

Leseprobe I Buchbestellung 0916 LYRIKwelt © Neue Ruhr/Rhein Zeitung