Die Hexe von Portobello von Paulo Coelho, 2007, DiogenesDie Hexe von Portobello.
Roman von Paulo Coelho (2007, Diogenes).
Besprechung von Britta Bingmann aus der WAZ vom 8.10.2007:

Wenn die "Große Mutter" erwacht
In seinem neuen spannenden Roman "Die Hexe von Portobello" erzählt Paulo Coelho von weiblichen Energien

Der neue Coelho ist auf dem Markt. Und man braucht keine seherischen Fähigkeiten, um zu ahnen, dass er ein Bestseller sein wird. Denn der neue Coelho ist über weite Strecken der alte. Auch "Die Hexe von Portobello" treiben Coelhos ureigene Fragen um: Wohin führt der Weg - wonach suchen wir - leben wir unseren Traum? Und vor allem: Welche geheimnisvollen Kräfte stecken in uns allen?

Neu ist dagegen die Perspektive, die der Brasilianer gewählt hat: Er fügt das Porträt seiner "Hexe" allein aus den Schilderungen ihrer Wegbegleiter zusammen, die ungeheuer spannende Geschichte entsteht so aus den unterschiedlichen, oft konträren Beschreibungen von Freund, Feind und Familie.

Dabei ist die Hauptperson nicht etwa eine mythische Gestalt aus dunklen Zeiten, sondern eine "Frau des 22. Jahrhunderts, die aber im 21. Jahrhundert lebte". Eine moderne Frau, die irritiert, weil sie nicht das tut, was man von ihr erwartet. Die ihren gut bezahlten Job hinschmeißt, um zu sich selbst zu finden. Eine ganz normale Frau, die provoziert, weil sie ihre prophetische Gabe öffentlich macht. Eine ungewöhnliche Frau, die in Gefahr gerät, weil sie anders ist.

Ein Frauenroman, in der Tat. "Es geht darin um das Erwachen der weiblichen Energie in Männern und Frauen", hat der 60-jährige Autor in einem Interview erklärt. Um das Erwecken der "Großen Mutter", der Göttin in uns. Keine Fragen, auf die ein Mann sich Antworten anmaßen sollte, werden Feministinnen einwenden. Doch sie können Coelho nicht vorwerfen, er gehe oberflächlich mit dem sensiblen Thema um. Wenn er seinen Protagonisten darüber klagen lässt, wie sogenannte Hexen noch heute durch Ironie (mund)tot gemacht werden, wenn er erklärt, welch unglaubliche Herablassung in der Geste liegt, wenn Gerichte sich anmaßen, ermordete Frauen nachträglich zu "begnadigen", dann wird klar: Paulo Coelho, der Ex-Hippie, der Songtexter, der Pilger, der wohl meist gelesene lebende Autor, hat sich mit dem Thema gründlich auseinandergesetzt.

Was ihm Kritiker wieder vorwerfen werden: Er gibt scheinbar einfache Antworten auf komplexe Fragen. Auf die Frage nach dem Glück, nach der Zufriedenheit und dem Unterschied zwischen beidem. Sich auf Coelhos Welt einzulassen, heißt, die Gesellschaft so, wie sie ist, in Frage zu stellen. Ist es das, was Kritiker so gegen ihn aufbringt, dass sie ihn mit Häme überkübeln?

Der Autor nimmt die Schmähungen gelassen und gibt den Kritikern, "was die Simplizität meiner Bücher betrifft, total Recht: Einfach zu sein, ist das Allerschwierigste." Das stimmt zwar, erklärt aber nicht seinen weltweiten Erfolg. Dazu gehört mehr: Coelho berührt mit seiner einfachen, schnörkellosen Sprache, die ungeheuer fesseln und begeistern kann, Menschen in ihrem Innersten.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]

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