Die Herkunft der Uhr von Rainer Malkowski, 2004, Hanser1.) - 2.)

Die Herkunft der Uhr.
Gedichte von Rainer Malkowski (2004, Hanser - Nachwort von Albert von Schirnding).
Besprechung von Carl Wilhelm Macke aus dem titel-magazin:

Die Zärtlichkeit des Nashorns
Letzte Gedichte des wenig bekannten deutschen Lyrikers Rainer Malkowski, der kaum beachtet von der Öffentlichkeit vor einem Jahr gestorben ist.

So müssen die Cover von Büchern gemacht werden. Was soll ein überdimensionierter Kopf eines Nashorns und dann noch ein scheinbar überhaupt nicht passender Titel "Die Herkunft der Uhr"? Welche Beziehungen bestehen zwischen dem schweren gepanzerten Tier und der Feinmechanik einer Uhr? Und Rainer Malkowski, der Autor, ist ja auch nur wenigen Lyrikkennern ein Begriff. Alles zusammen reizt im besten Sinne zum Aufschlagen des schmalen Bändchens. In der Innenseite dann ein Porträt des Lyrikers, das sofort die Assoziation eines Nashorns erweckt. Selbstironisch hat Malkowski diesem Reptil dann auch ein Gedicht gewidmet: „Das Nashorn,/reglos steht es da,/ denkt unbekannt.// Das ist sein gutes Recht.// Es zählt’s uns heim:/ als ungelöstes Rätsel."//. Und warum macht uns die Frage nach der Herkunft der Uhr neugierig? „Die Uhr kommt von der Sonne./ Die Uhr kommt von der Nacht.// Die Uhr kommt von der Einsamkeit,/ sie kommt vom Warten.// Die Uhr kommt von der Leere,/ die sie fein zerteilt.// Die Uhr kommt von der Hoffnung.// Die Uhr kommt vom Sterben"//. Das ‚Nashorn’ Malkowski schrieb Gedichte, die alles andere ‚gepanzert’ und schwergewichtig waren. Aber sie besitzen eine im besten Sinne starke Kraft, um auch unseren ‚Panzer’ an Denkfaulheit und Sprachverwüstung zu durchbrechen.

Ein leiser Erzieher

Gedichte, zumal wenn sie ‚zu Herzen gehen', vielleicht noch eine heitere, manchmal auch melancholische Grundmelodie besitzen, sind zur Zerstreuung oder aus Anlass gelegentlicher Feste, durchaus beliebt. Versehen mit dem Zusatz ‚modern' oder ‚zeitgenössisch' jedoch, beginnt das allgemeine Interesse schon zu zögern. Sie gelten als ‚schwierig', nicht so leicht ‚eingängig'. Der 2003 verstorbene Rainer Malkowski hatte - zu Unrecht - unter den zeitgenössischen Lyrikern keinen ganz großen Namen. Liest man jetzt aber seine posthum erschienene Sammlung seiner zuletzt verfassten Gedichte, dann setzt sofort eine große Neugier auf weitere Gedichte von ihm
ein. In seinem „Epitaph für einen leisen Erzieher" ist versteckt genau das enthalten, was einem bei der Lektüre aller Gedichte von Malkowski ergreift: „Du hast etwas/ von mir erwartet./ Aber ich wusste nicht, was// Irgendetwas,/ hast du geglaubt,/ wird deutlich geschehen.// Einige Zeit später/ begann ich,/ danach zu suchen." Von jedem dieser in der Form selten besonders langen Gedichte bleibt immer ein Echo, das erst lange nach der Lektüre zu vernehmen ist: „Im Grunde ist Heimatliebe nichts/ als Angst vor Veränderung"//. Mit einem ausgezeichneten längeren Nachwort führt Albert von Schirnding in das Werk von Rainer Malkowski ein. Diesem Gedichtband kann man nur eine große Verbreitung, vielleicht auch unter allen ‚Nashörnern’ wünschen, denen moderne Lyrik angeblich immer zu unverständlich, zu ‚gepanzert’ erscheint. Wer sich von diesen Versen nicht angesprochen fühlt, der ist nicht zu retten. Der soll lieber in den Zoo gehen, und sich dort vor das Nashorn-Gehege stellen. Er wird sich aber wundern, wie empfindsam diese Tiere sein können.

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Die Herkunft der Uhr von Rainer Malkowski, 2004, Hanser2.)

Die Herkunft der Uhr.
Gedichte von Rainer Malkowski (2004, Hanser - Nachwort von Albert von Schirnding).
Besprechung von Nico Bleutge aus der Neue Zürcher Zeitung vom 1.3.2005:

Nachzügler zu Fuss
Rainer Malkowskis letzter Gedichtband

Die Welt, dies «eitel Ding», wie Andreas Gryphius es nannte. Stellen wir sie uns einen Moment lang als sakrales Bauwerk vor, nicht unbedingt als Dom, auch nicht als Kirchenschiff, sondern als eine Kapelle von recht beachtlicher Grösse. An den Wänden hängen Skulpturen und Heiligenbilder, irgendwo ruht der Pfarrer auf seinem Stuhl, und in der Mitte des kalten Steinfussbodens sitzt - eine Maus. Wie klein sie ist, wie unbedeutend auf ihrem Fleckchen Gottesboden. Und doch lässt ihre Winzigkeit die Bestimmtheit des Raumes wanken, bricht seine Höhe, zentriert die Kirchenstille.

Poetische Enklave

Rainer Malkowskis Gedichte gleichen ein wenig jener Maus, die der Maler Wilhelm Heess auf einem seiner Bilder festgehalten hat. In den zarten Windungen von Malkowskis Versen kann für einen Augenblick die ganze Welt gespeichert sein. Meist sind es kleine, unscheinbare Dinge am Rand, an denen sich die poetische Arbeit entspinnt, ein einzelnes Fenster etwa, Strassenschilder oder «eine Traube Luftballons / neben einer Ladentür». Diese Wahrnehmungsreste fügen sich unter der Beleuchtung eines feinen Gedankens zu Stillleben oder tatsächlichen Denkbildern, die ins Grosse ausgreifen: «Das Wasser im Nebenkanal, / nur scheinbar / eine abseitige Existenz, / die missmutig / ein paar Obstschalen schaukelt, / steht in Verbindung / mit den Weltmeeren / und könnte einen Joghurtbecher / aussenden / nach Feuerland.» - Eine abseitige Existenz, doch nur scheinbar - das gilt erst recht für den Autor der Verse: Rainer Malkowski hat sich sein ganzes Schreibleben lang im Hintergrund gehalten. Nur selten verliess er seine selbst gewählte poetische Enklave, den kleinen Ort Brannenburg am Inn. Nach erfolgreichen Jahren als Werbemanager hatte er sich 1972 mit nicht einmal 33 Jahren dorthin zurückgezogen, um fortan nur noch zu schreiben. Als er im September 2003 nach langer Krankheit starb, verlor die literarische Welt einen ihrer grossen Augenmenschen. Während all der Jahre seiner Erkrankung schrieb er indes weiter und weiter, auch dann noch, als die Wahrnehmung, die «schöne handfeste Geliebte aus glücklichen Tagen», schon zur Chimäre werden wollte.

Der nun erschienene Lyrikband «Die Herkunft der Uhr» ist weit mehr als nur eine lose Sammlung der letzten Gedichte. Hier finden sich noch einmal Malkowskis poetologische Linien eingezeichnet, begleitet von einer kritischen Reflexion. Die erste Hälfte des Buches ebenso wie den Titel hatte Malkowski noch selbst zusammengestellt, wie Albert von Schirnding in seinem klugen Nachwort schreibt. Daneben finden sich zwei Dutzend Gedichte aus dem Nachlass, einige von ihnen nur als Spur auf dem Tonband überliefert, an die der Autor offenbar noch die poetische Feile anlegen wollte.

Gleich auf den ersten Seiten begegnen wir Malkowskis Liebe zum genauen Blick, zu einem Sehen, das sich auf die Dinge einlässt. Das «wachsame Auge», von dem die Gedichte immer wieder sprechen, baut nicht auf einen Massstab im Hintergrund, etwa ein klar konturiertes Subjekt. Vielmehr scheint es in seinen besten Momenten ein Aufgehen in den Sinneswahrnehmungen zu sein, vielleicht sogar im Wahrgenommenen selbst, eine Art Sein bei den Dingen. Vielleicht deshalb hat Malkowski ein ums andere Mal betont, das genaue Sehen könne manchmal kaum mehr vom Gedanken unterschieden werden - weil es sich um etwas handelt, das sich vom bloss individuellen Eindruck gelöst hat und Beziehungen erkennbar macht. Das Entfalten dessen, was sich beiläufig erhaschen lässt, ist dabei nur die eine Seite der poetischen Wahrnehmung von Welt, auch die umgekehrte Bewegung ist möglich, das scheinbar Bekannte so zu zeigen, dass wir es ganz neu sehen lernen: «Nicht ganz verloren der Tag, / an dem du ein Wort findest, / nach dem du lange gesucht hast. / An dem du die Amsel hörst, / als wäre es das erste Mal, / ein Zusammenhang deutlich wird.»

Auf Umwegen ins Zentrum

Die feine Skepsis, die diesen Versen eingeschrieben ist, erinnert zunehmend an das, was sich «in den Fugen / der Biografie» eingenistet hat. Schmerzen gehören dazu, Bilder aus der Kindheit, oder Wörter, die irgendwann einmal haften bleiben wollten. Doch so resignativ die Verse bisweilen auch klingen mögen, sie zeigen bis zuletzt Malkowskis grosse Kunst, die Dinge in freien Rhythmen auszubalancieren und das Zusammenspiel der Worte fortwährend zu hinterfragen. Seine Suche nach den «Umwegen, die ins Zentrum führen», spreizt sich gegen allzu schnelle Erklärungen oder die Verfestigungen der Sprache. Selbst in den dunklen Momenten wartet hier einer auf die «kleine Variation / in den Wiederholungen des Alltags». Manchmal genügen einige Vögel am Gartenteich, um davon zu sprechen: «Wir behelligen sie nicht. / Mehr brauchen sie über unsere Nähe / nicht zu wissen. / Illusion / paradiesischer Eintracht. / Als wir uns abwenden, / gesättigt / von Heiterkeit, / noch zwei Nachzügler / zu Fuss.»

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