Die hellen Tage.
Roman von Zsuzsa Bánk (2011, S. Fischer).
Besprechung von Britta Heidemann in der WAZ vom 9.2.2011:

Zsuzsa Bánk und die hellen Tage der Kindheit
„Die hellen Tage behalte ich, die dunklen gebe ich dem Schicksal zurück“: Zsuzsa Bánk spürt im neuen Roman jenen Momenten nach, die unsere Lebenswege bestimmen.

Die Sommer in der süddeutschen Kleinstadt Kirchblüt sind voller heller Tage, jedenfalls in Évis Garten: Évi, die aus Ungarn stammt und Zirkusartistin war und nun in einer Baracke am Rande des Städtchens haust. Dort finden Évis Tochter Aja und das Mädchen Seri, Erzählerin dieses wundersamen Romans, zueinander. Dort springen sie „durch die Minuten und Stunden“ der langen Sommertage. Dort befreunden sie sich mit dem nur wenig älteren Jungen Karl – „auch wenn jeder hätte glauben können, er passe nicht zu uns“.

Die deutsch-ungarische Autorin Zsuzsa Bánk erkundet erneut jenen Ort, der uns für immer prägt: die Kindheit. Mit luzider, poetischer Sprachmacht spinnt sie bereits auf den ersten Seiten ein Netz, das bis zum letzten Wort nur stärker wird. Ihre Sätze sind so atemlos wie ausgeruht, so mäandernd wie präzise, sind also eine Unmöglichkeit; hier steht sie schwarz auf weiß.

Seri, Aja und Karl wachsen auf in der deutschen Provinz der 1960er Jahre, in ihren hellen Tagen teilen die drei Kinder dunkle Geheimnisse. Sie hatten „keine Väter, jedenfalls nicht so, wie andere Kinder Väter hatten“. Seris Vater existiert nur als Erinnerung: Er starb an einem Herzinfarkt im Mai 1960, da lernte Seri gerade Sprechen. Ajas Vater Zigi lebt in Amerika, er besucht sie einmal im Jahr; dann bringt er ihr Kunststücke bei und das Fahrradfahren. Und Karls Vater lebt in einem Haus mit verschlossenen Läden, seit Karls kleiner Bruder verschwand: weil er an einem Frühlingstag in ein Auto stieg.

Bei aller Melancholie gibt es Hoffnung

„Uns blieb nur, die Dinge hinzunehmen“, heißt es einmal, „die zwei Sekunden, die unser Leben veränderten, die Richtungswechsel und Zufälle auf den Wegen, die wir einschlugen, obwohl wir genauso gut einen anderen Weg hätten nehmen können.“

Wir gleiten durchs Leben auf dünnem Eis. Karl hört noch immer das „Klack-Klack“ des Murmelspiels, das er mit seinem Bruder zuletzt spielte; er wird Fotograf werden und die Sekunden, die das Leben bestimmen können, in Bildern festhalten. Seris Mutter fährt jahrelang einen Koffer im Auto herum, der ihrem geschäftsreisenden Mann postum aus Rom nachgeschickt wurde; als sie ihn öffnet, erzählt der Inhalt eine neue Version ihrer Vergangenheit. Und auch Seri, die als Baby einst in einem Koffer schlafen gelegt wurde im Zirkuszelt, wird ihre eigene Geschichte neu schreiben müssen.

Bánk verbindet das Wunder des Überlebens mit dem Wunder der Sprache. Seri, Aja und Karl verlassen schließlich den Ort ihrer Kindheit und gehen nach Rom, um ihr Leben in neue Worte zu fassen.

Trauer und Verlust bestimmen auch diesen zweiten Roman Zsuzsa Bánks, der den ersten spiegelt: „Der Schwimmer“ kreiste um eine abwesende Mutterfigur. Dass „Die hellen Tage“ nun bei aller Melancholie Hoffnung gibt, dass Bánk vom Zusammenfinden und -halten erzählt, könnte ihr den Vorwurf der Sozialromantik einhandeln – stünde nicht die Abgeklärtheit ihres Tonfalls davor. Als Évi, die an Alzheimer leidet, ein letztes Mal ihr berühmtes Gartenfest feiert und vorausdenkend verkündet, was auf ihrem Grabstein stehen soll, schockiert sie ihre Gäste. Nur Karl nicht. Er notiert den Satz gewissenhaft: „Die hellen Tage behalte ich, die dunklen gebe ich dem Schicksal zurück.“

Und auch Zsusza Bánks großartiger Roman ist ein Fest: ein Fest des Widerstands gegen die Zumutungen des Lebens

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]

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