Die Heilige des nahenden Irrsinns
Roman von Elif Shafak (2005, Eichborn - Übertragung Margarete Längsfeld).
Besprechung von Birgit Nüchterlein aus den Nürnberger Nachrichten vom 28.05.2005:

Fremde, neue Heimat
Elif Shafak stellt ihren neuen Roman in Nürnberg vor

Elif Shafak ist Kosmopolitin. In Frankreich geboren, lebt die Dozentin für Frauen- und Gender-Studien nach einem Zwischenstopp in Spanien heute in den USA. Die Wurzeln der 1971 geborenen Schriftstellerin liegen in der Türkei. Ihre interkulturellen Erfahrungen hat sie in ihrem neuen, mittlerweile fünften Roman „Die Heilige des nahenden Irrsinns“ verarbeitet. Am 30. Mai, 19 Uhr, stellt sie ihr Buch im Zeitungscafé in der Stadtbibliothek in Nürnberg (Eingang Peter-Vischer-Str.) vor.

Mit vertrautem Boden unter den Füßen und einer Sprache, die als zuverlässiges Instrument der Verständigung taugt, macht sich der Mensch um seine Identität womöglich nicht allzu viele Gedanken. Akut kann die Frage nach dem eigenen Selbstverständnis und So-Sein allerdings werden, wenn man sich auf fremdem Terrain bewegt und dabei sich und seinen kulturellen Hintergrund im anderen Kulturkreis mehr gespiegelt als integriert sieht. Diese Erfahrung machen auch die Protagonisten Ömer, Abed und Piyu, die Elif Shafak in ihrem Roman wie in einem multikulturellen Experiment aufeinander treffen lässt.

Unterschiedlicher könnten die drei jungen Studenten, die sich im amerikanischen Boston zu einer WG zusammengetan haben, kaum sein: Abed ist Marokkaner und gläubiger Muslim, Ömer kommt aus Istanbul, hat mit dem Glauben nicht viel am Hut, dafür ist sein Frauenverschleiß etwa genauso groß wie sein Bedarf an Alkohol, Kaffee und Zigaretten. Den Spanier Piyu plagen Selbstzweifel und Unentschiedenheit, seine unter Bulimie leidende, mit ihren mexikanischen Wurzeln hadernde Freundin hält er mühsam auf Distanz.

Gepflegte Marotten

Ein gemeinsamer Nenner kittet das Trio zusammen: Alle Drei haben ihre Heimat verlassen, um in den USA ihr Glück zu machen. Dort sind sie vor allem eins: Fremde. So fühlen sie sich, wenn sie kopfschüttelnd die Marotten der Amerikaner beobachten, ihre eigenen derweil sorgsam pflegen, wenn der begrenzte Wortschatz und ungewohnte Alltags-Rituale wichtige Nuancierungen im Umgang mit den Einheimischen kompliziert machen.

Auf ihr Anders-Sein glauben sie, reduziert zu werden. „Wenn du Ausländer bist, kannst du nicht mehr dein bescheidenes Ich sein. Ich bin meine Nation, mein Geburtsort. Ich bin alles, nur nicht ich“, bringt Ömer sein Identitätsdilemma auf den Punkt. Gail, die todessehnsüchtige Exzentrikerin, in die sich der Weiberheld verliebt, kann ihm da kaum weiterhelfen. Sie ist zwar Amerikanerin, in ihrem Land und ihrer Haut aber genauso wenig zuhause wie er.

Als erfahrene Weltbürgerin zeichnet Elif Shafak die Bemühungen ihrer Figuren, zwischen Herkunft und neuer Heimat ihren Weg zu finden, mit Einfühlungsvermögen und der nötigen ironischen Distanz authentisch nach. Trotzdem bleiben ihre Hauptdarsteller seltsam flach.

Vielleicht, weil sie allzu oft auf ihre Macken reduziert werden, vielleicht, weil die Autorin ihnen nicht genug Eigenständigkeit zutraut und aus der Erzählerperspektive in bisweilen manierierter Diktion immer wieder Interpretationen, Ergänzungen und Erklärungen einstreut. Etwas weniger davon hätte auch dem Erzählfluss dieses „Insider“-Romans nicht geschadet.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter Nürnberger Nachrichten]

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