Die Haut von Curzio Malaparte, 2006, ZsolnayDie Haut.
Roman von Curzio Malaparte (2006, Zsolnay - Übertragung Hellmut Ludwig, Nachwort Thomas Steinfeld).
Besprechung von Alfred Goubran aus Der Standard, Wien vom 15.4.2006:

Ein Buch wie er
Curzio Malapartes umstrittener Roman "Die Haut" wurde neu aufgelegt

Curzio Malaparte (1898-1957, geb. als Kurt Erich Suckert), der italienische Schriftsteller und Journalist, erlangte mit seinen beiden Kriegsromanen Kaputt und Die Haut Weltruhm. Seine Bücher, zuletzt auf Deutsch bei S. Fischer erschienen, werden nun in der Übersetzung von Hellmut Ludwig (aus dem Jahre 1959) bei Zsolnay wieder aufgelegt - die deutsche Kritik war 2005 bei Erscheinen von Kaputt begeistert und sprach einhellig von einem Glücksfall, allfällige Ressentiments der vergangenen Jahrzehnte gegen Buch und Autor, der sich früh für die Faschisten einsetzte und das "neue Italien" propagierte, waren vergessen. Noch 1924 galt er als einer der wichtigsten Theoretiker der revolutionären faschistischen Bewegung und gründete eine faschistische Wochenzeitschrift. In der Folge aber kommt es zu immer offenerer Kritik an Mussolini und der faschistischen Bewegung, unnachsichtig aber ist sie bei Hitler und dem deutschen Nationalsozialismus: Sein 1931 in Frankreich erschienenes Buch Technik des Staatsstreiches (erste deutsche Ausgabe 1932!), das ein vernichtendes Charakterbild des Führers enthält, lässt Mussolini verbieten. Nach einer Deutschlandreise veröffentlicht Malaparte den Text Une femme: Hitler, in dem er behauptet, Hitler sei überhaupt kein Mann, und unter anderem das Gerücht wiedergibt, Hitler sei impotent, weil er in seiner Kindheit einen Hoden verloren hätte.

Malaparte, der mit seinen Büchern internationale Erfolge feiert, wird für Mussolini zum politischen Problem. 1933 wird Malaparte verhaftet (die Fotos auf dem Cover, leider nirgends ausgewiesen, stammen vom Tag seiner Verhaftung) und schließlich zu fünf Jahren Exil auf der Insel Lipari verurteilt. Das Urteil wird später abgemildert, und 1935 erfolgt seine Freilassung. 1938 erwirbt er das Felsengrundstück Capo Massullo auf Capri und beginnt den Bau des legendären Hauses "Casa come me" (siehe auch: Michael McDonough: Malaparte. Ein Haus wie ich, Knesebeck, München 2000). Von 1940 bis 1943 ist Malaparte Kriegsberichterstatter an zahlreichen Frontabschnitten. Die Erfahrungen aus dieser Zeit werden zur Grundlage seines Romans Kaputt, der 1944 erscheint und mit Auflagen in Millionenhöhe nicht nur ein großer internationaler Erfolg ist, sondern auch ein großer Skandal, der 1949 noch von den heftigen Kontroversen um das Buch Die Haut übertroffen wird (beide Bücher werden vom Vatikan auf den Index gesetzt, und die Stadt Neapel verhängt einen Bann über den Autor). Kaputt ist "ein monströses Panorama über die Welt der Pogrome und Partisanenkämpfe von Finnland bis zum Balkan, imprägniert von den Schrecken und Verrohungen, die es beschreibt" (Klappentext). Es ist ein Buch von großer erzählerischer Kraft, geistreich und grotesk, absurd und schrecklich, und es ist so schonungslos wie der Krieg selbst. Sind in Kaputt die Deutschen die Invasoren, so sind es in Die Haut die Amerikaner, diese "prachtvollen, jungen, schönen, wohlgepflegten Soldaten mit den weißen Zähnen und den roten Lippen".

Sie kommen am 1. Oktober 1943 als Befreier nach Neapel. Und mit ihnen kommt die Pest: "Das besondere dieser neuesten Seuche war, daß sie nicht den Körper zerstörte, sondern die Seele. (...) Es war eine Art moralische Pest, von der es anscheinend keinerlei Schutz gab." Als Verbindungsoffizier begleitet Malaparte die amerikanischen Truppen durch die Stadt, wird zum Fremdenführer durch ein Labyrinth aus Gassen und Häusern, in dem alles zur Ware wird: Frauen kommen aus allen Landstrichen, um sich zu prostituieren, Knaben werden für einen Kaugummi zu Strichjungen, es gibt Preise für "Negerfleisch" (das bedeutet, einem "Neger" so viel Geld abzunehmen wie möglich, ihn durch Bars, Osterias und Bordelle zu schleppen), es gibt Preise für Mädchenfleisch, die höher sind als die für Lammfleisch, und Preise für das Besichtigen einer echten Jungfrau (man darf sie auch anfassen).

Jeder verkauft jeden, der als naiv und gesund typisierte Amerikaner trifft auf ein in seinen Grundfesten verrottetes, dekadentes Europa, das sich ihm - scheinbar - rückhaltlos unterwirft. "Vielleicht stand es geschrieben, daß die Freiheit Europas nicht aus der Befreiung, sondern aus der Pest geboren werden sollte. (...) Freiheit verlangt einen hohen Preis. Einen sehr viel höheren als Knechtschaft. Und dieser Preis wird nicht mit Gold, nicht mit Blut, nicht mit den edelsten Opfertaten abgegolten, sondern mit Feigheit, mit Prostitution, mit Verrat, mit aller Fäulnis der Menschenseele." Malaparte folgt den Invasoren auch bei ihrem Einzug in Rom, wo sie von der Bevölkerung begeistert empfangen werden. Ein Mann läuft auf die Kolonne zu, ruft "Viva l'America!", rutscht aus und wird von einem Panzer überrollt. "Einige Juden kamen und begannen das Profil dieses toten Mannes aus dem Staub herauszuschälen (...) langsam, langsam (...), wie man die Ecken eines Teppichs anhebt. Es war ein Teppich aus Menschenhaut, und das Muster war ein feines Knochengerüst, ein Spinngewebe aus zerquetschten Knochen. (...) Als der Teppich aus Menschenhaut ganz aus dem Straßenstaub gelöst war, gabelte ihn einer der Juden am Kopfende auf die Spitze einer Schaufel und zog mit dieser Fahne ab. (...) Ich sagte (...): Das ist die Fahne Europas dort, das ist unsere Fahne (...) es steht geschrieben, daß dies die Fahne unseres Vaterlandes ist, unseres wahren Vaterlandes. Eine Fahne aus Menschenhaut. Unser wahres Vaterland ist unsere Haut."

Malaparte ist kein eindeutiger Autor - das mag ihm manche Verdächtigung und manches Missverständnis eingetragen haben. Und so wenig oder so viel er das Haus ist, das er baut, so wenig oder so viel ist er auch mit dem Protagonisten dieses Buches, der seinen Namen trägt, gleichzusetzen. Das gilt für sein Leben wie für die geschilderten Ereignisse. Malaparte selbst hat folgende (unwahre) Begebenheit erzählt: Als General Rommel in seiner "Casa come me" auf Capri zu Gast war und ihn fragte, ob er das wirklich alles selbst gebaut hätte, antwortete Malaparte: "Nein, das Haus habe ich so gekauft - aber die Landschaft habe ich entworfen."

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.derstandard.at]

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