Die Handschrift von Saragossa.
Roman von Jan Graf Poptocki (2000, Haffmanns - Übertragung Manfred Zander, Nachwort von Karl Markus Michel) .
Besprechung von
Olga Martynova in Die Zeit, 43/2000:

Das Buch mit der silbernen Kugel
"Die Handschrift von Saragossa" - das Jahrhundertwerk des Grafen Potocki ist wieder zugänglich

Im Spätherbst 1815 brach Jan Graf Potocki von einer Zuckerschale (nach anderen Quellen von einem Samowar) ein silbernes Zierkügelchen ab, befahl seinem Hauspfarrer, es zu segnen, lud seine Pistole mit der soeben gesegneten Kugel und erschoss sich. Das geschah auf seinem Landgut Uladowka, wohin er sich die letzten Jahre seines Lebens zurückgezogen hatte. Wie es die Überlieferung will, ist eine gesegnete silberne Kugel eins der beiden sichersten Mittel, einen Vampir zur Strecke zu bringen (das zweite, von Hollywood bevorzugte, ist bekanntlich ein Pfahl ins Herz). Was für ein Ungeheuer wollte er in sich töten? Was für eine verschlüsselte Botschaft hinterlassen? Und wem?

Oder hatte der 1761 geborene Sprössling polnischer Magnaten, ein in der Schweiz zur Schule gegangener Europäer, ein Gelehrter, der den Werten der Aufklärung und des Rationalismus sein ganzes Leben treu blieb, einen Grafen Dracula in sich entdeckt, einen finsteren oder auch lebenslustigen Balkan-Feudalherrn, mit roten Lippen, blass und hager? Steckten zwei Persönlichkeiten in ihm, und die eine verurteilte die andere und richtete sie hin?

Graf Potocki sprach Französisch entschieden besser als Polnisch und verfasste auch seinen berühmten Roman auf Französisch. Heute ist er fast ausschließlich als Autor von der Handschrift von Saragossa bekannt. Doch für seine Zeitgenossen war er ein hoch gestellter Politiker, ein großer Wissenschaftler, ein auffallender Sonderling. Er bereiste die halbe Welt (West-, Süd- und Osteuropa, Ägypten, Türkei, Kaukasus, Mongolei) und veröffentlichte Reiseberichte, die sich durch kühne geschichtliche, archäologische und gesellschaftliche Beobachtungen und Schlussfolgerungen auszeichneten. Er wollte eine Landkarte von Sibirien anfertigen, die das 4. Buch von Herodot erläutern sollte. Man kann ihn als einen der ersten Slawisten ansehen, da er nach der Ursprache und den Wurzeln aller Slawen suchte. Wie seine schwindelerregenden etymologischen oder archäologischen Hypothesen belegen, waren die Slawen für diesen schillernden Polen offensichtlich so exotisch wie Araber oder Tscherkessen. Er betätigte sich als polnischer Politiker und als russischer Diplomat. Er befuhr mit den Malteserrittern das Mittelmeer und unterhielt enge Kontakte zu Freimaurern. Das alles führte zu zahlreichen Legenden über ihn. Manche hielten ihn auch einfach für verrückt.

All das und vieles, was darüber hinaus zu seiner Persönlichkeit gehört, nimmt in seinem Roman eine wunderliche Gestalt an, fügt sich zu einem Buch, das ein hinreißender Abenteuerroman ist, eine Sammlung ineinander verschachtelter Geschichten und zugleich eine Enzyklopädie voller halb vergessener historischer Ereignisse und Anekdoten, ethischer und theologischer Abhandlungen. Die Rahmenerzählung hält sich an die Route des jungen flandrischen Offiziers Alfonso van Worden, von Andújar nach Madrid. Der Weg geht über die Bergkette Sierra Morena, ein malerisches, aber verrufenes Gebiet. Laut ängstlichen Gerüchten sollen hier Gehängte als Gespenster und Vampire herumgeistern, Räuber wüten, schmuggelnde Zigeuner ihr Unwesen treiben. Doch der junge Alfonso ist nicht so erzogen, dass er Angst zeigen dürfte. Natürlich wird er in der Sierra Morena zum Spielball mysteriöser Kräfte. Er begegnet in einem verlassenen Gasthaus zwei schönen Mauretanierinnen, die sich als seine Cousinen ausgeben und ihm mit der naiven Liebeslust erster Jugend einen fantastischen Traum vorgaukeln, aus dem er neben zwei Leichen unter einem Galgen erwacht.

Wer den Roman zum ersten Mal liest, verfängt sich in den unzähligen Fallen des verschmitzten Autors. Alfonso trifft immer neue arme Opfer, die von zwei Dämonen in Gestalt schöner Frauen verführt wurden und dann unter dem Galgen enden. Der Leser wird von der Logik des Schauerromans mitgerissen und stellt sich auf ein grauenhaftes Märchen in der Art einer Gothic Novel ein. Doch Alfonso bleibt standhaft, glaubt nicht an übernatürliche Kräfte und findet schon am 10. Tag seines 66 Tage dauernden Abenteuers die Erklärung für die merkwürdigen Vorkommnisse. Er ahnt, dass er auf die Probe gestellt wird, und obwohl die Ziele dieses Schauspiels immer noch unklar sind, beruhigt er sich und lässt sich mit großem Vergnügen auf weitere Wagnisse ein. Am 66. Tag erfahren wir, dass Alfonso von der mächtigen Familie Gomelez geprüft wurde, um festzustellen, ob er des märchenhaften Reichtums samt der schönen Frauen würdig ist, mit denen die Gomelez ihren Verwandten beschenken wollen. Das gigantische Karussell des Romans wurde lediglich zu diesem Zweck in Gang gesetzt.

Und zu welchem Zweck hat der Autor das Karussell in Gang gesetzt? Etliche Gestalten seines Buches sind eher Ideen oder ihr Sprachrohr denn handelnde Personen. So führt der Autor drei Religionen (die christliche, mohammedanische und jüdische) und drei Lebensprinzipien (hoher Dienst für den König beziehungsweise das Vaterland, selbstlose wissenschaftliche Arbeit und ein natürliches, anspruchsloses Leben) zusammen und schafft eine utopische Welt, wo alles friedlich und zufrieden zusammenlebt. Allerdings ... unter der Decke strengster Geheimhaltung. Ein Buch, welches als Gothic Novel beginnt, rühmt parodistisch den Sieg des Rationalismus über alle mystischen Wunder und mündet in eine Hymne auf eine Geheimgesellschaft oder eine Art Orden der Reichen und Weisen.

In seinem eigenen Leben praktizierte Potocki alle drei hier vorgestellten Lebensarten, für alle drei Religionen hatte er großes Interesse, auch Geheimgesellschaften zogen ihn an. Stellenweise wirkt das Ganze wie ein Tagebuch, wo mal ernste Überlegungen, mal die Lieblingsgeschichten des Autors für die Erinnerung notiert sind; denn nicht alle Geschichten sind von Potocki selber ausgedacht, seine Protagonisten lesen gerne vor, aus allerlei Büchern, von Philostratos bis Happelius. Der größte Teil des Buches besteht aus diesen Novellen, die von verschiedenen Personen - von einem geheimnisvollen Kabbalisten und seiner angeblichen Schwester Rebekka, vom edlen Räuber Zotto und von einem Zigeunerhauptmann, sogar vom Ewigen Juden - erzählt und vorgelesen werden. Wenn es sich bei Potocki um einen Berufsliteraten des 18. Jahrhunderts, einen Lesage oder L'abbé Prévost, handelte, könnte man annehmen, dass der Unterhaltungswert dieser Erzählungen auch der Zweck des Schreibens war. Aber dieser Autor war kein Berufsliterat. Hätte er seinen Roman ganz gedruckt, wäre Die Handschrift von Saragossa wahrscheinlich zu einem der berühmtesten Bücher des 19. Jahrhunderts geworden. Die zeitgenössischen Leser waren von den Fragmenten begeistert, die veröffentlichten Teile waren so faszinierend, so unterhaltsam, dass es mehrmals zu Plagiaten kam (meistens in Frankreich). Doch der Roman wurde nie ganz gedruckt und wahrscheinlich nie von Potocki zu Ende geschrieben. Er war nun mal kein Literat. Auch aus dem Erfolg der Fragmente machte er sich nichts. Vielmehr scheint der Roman, begonnen vielleicht als Zeitvertreib eines reichen und gelehrten Dilettanten, sich verselbstständigt und des Autors bemächtigt zu haben. Er wurde zu einer individuellen Geheimutopie, die nicht enden wollte. War etwa der Roman der Vampir, den Potocki in sich töten wollte?

Sechsundsechzig Tage in der Sierra Morena, an dieser abendländischen Tausendundeinen Nacht, schreibt Potocki seit etwa 1803 bis zu seinem bizarren Selbstmord, er reduziert allmählich seine anderen Beschäftigungen, wird immer verschrobener, immer schwieriger gestaltet sich für ihn das friedliche und zufriedene Zusammenleben mit der realen Welt. Seit 1804 druckt er die Fragmente aus der Handschrift von Saragossa. Die Belagerung von Saragossa, wo nach dem fiktiven Vorwort die Handschrift gefunden wurde, fand aber erst 1809 statt. Es bleibt ein Rätsel, was Potocki 1804 mit dem Titel Manuscrit trouvé à Saragosse meinte. Das ist nur ein winziges Geheimnis von vielen um Die Handschrift von Saragossa und deren Autor. In den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts beginnt die Wiederentdeckung des Romans. Das nun beim Haffmans Verlag in Manfred Zanders sehr gelungener Übersetzung herausgekommene Buch ist eine mühselig zusammengetragene Rekonstruktion des verlorenen französischen Originals und das Ergebnis 50-jähriger Arbeit von zahlreichen Forschern. Potockis Popularität wächst und wächst. Die Handschrift von Saragossa ist ein ungetrübtes Lesevergnügen und Spiel, man kann sie immer wieder lesen, in jedem Alter. Sie ist aber ein Spiel mit hohem Einsatz, ein Zeugnis der Verzweiflung ihres Autors, dessen Ratio von uns heute unbegreiflichen Dämonen zum Glühen gebracht wurde. Ob diese Glut mit der gesegneten silbernen Kugel gekühlt werden sollte?

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