Die hässlichste Frau der Welt von Margrit Schriber, 2009, Nagel&KimcheDie hässlichste Frau der Welt.
Roman von Margrit Schriber (2009, Nagel & Kimche).
Besprechung von Beatrice Eichmann-Leutenegger in Neue Zürcher Zeitung, 8.9.2009:

Faszination und Schauder
Margrit Schribers Roman «Die hässlichste Frau der Welt»

Ob Gott bei seiner Schöpfung ein Fehler unterlaufen sei – diese Frage steht zu Darwins Zeit im Mittelpunkt der Debatten über Julia Pastrana, die Frau mit dickem Bart und behaartem Körper. Halb Mensch und halb Tier, gilt sie als «die grösste Attraktion aller Zeiten», wie ihr Impresario, Theodor Fairchild Lent, sie in seiner Schau anpreist. Ihr zur Seite agiert als Burleske-Tänzerin Rosie la Belle. Sie, das Verdingkind auf der Fronalp, wollte 1855 als Zwölfjährige mit einer Gruppe von Auswanderern nach Amerika reisen, verpasste jedoch in Southampton ihr Schiff. Hier nahm sie Lent in seine Truppe auf und formte sie nach seinem Willen. In Briefen, die nicht immer die Tonlage eines jungen Mädchens treffen, gibt Rosie dem Morschacher Waisenvater Auskunft über ihr Leben im Bannkreis Lents. Dieser möchte mit erotischen Einlagen der Schweizerin Julia Pastranas Hässlichkeit in den Augen des Publikums steigern. Wider Erwarten werden die beiden ungleichen Frauen Freundinnen.

Nach Jahrzehnten wechselvoller Schicksale in den europäischen Städten kehrt die Tänzerin Rosie «zwischen zwei Weltkriegen» wieder in ihre Heimat zurück, nach Morschach, wo sie im Armenhaus ihre Memoiren zu schreiben gedenkt, vor allem aber in Betscharts Coiffeursalon plaudert. Sie stösst jedoch mit ihren Schilderungen aus der Demimonde auf den Unmut der bäuerlichen Bevölkerung, die sich beim Armenvogt Toni Immoos beschwert. Dieser aber erzählt vorurteilslos weiter, was er gehört hat – und schon stecken wir mitten in Margrit Schribers neuem Roman und damit wieder in der Schwyzer Gegend, wo bereits die Stoffe ihrer beiden letzten Romane, «Das Lachen der Hexe» (2006) und «Die falsche Herrin» (2008), angesiedelt waren.

Julia Pastranas Auftritt hat das Publikum gleichermassen fasziniert und erschreckt. Doch konzentriert sich Margrit Schriber vor allem auf den Missbrauch dieser Frau – sei dieser nun durch den Impresario Lent erfolgt, der in Julia Pastrana seine beste Kapitalanlage erblickte, oder durch die Ärzte der naturwissenschaftlichen Akademien. Denn gerade die medizinischen Untersuchungen dieser «Königin der Absonderlichkeit» brachten Lent mehr ein als die Zurschaustellung, welche den Schwankungen der Publikumsgunst unterworfen war.

Plausibel und anschaulich berichtet Margrit Schriber von den Strapazen, denen Julia während der zahllosen Reisen ausgesetzt wird. Immer mehr zehrt ein stilles Leiden an ihr, das ihre Freundin Rosie la Belle zu lindern versucht. 1860 bringt die geschwächte Julia, inzwischen Lents Ehefrau geworden, in Moskau einen Sohn zur Welt. Mutter und Kind sterben kurz hintereinander, und Rosie soll Julias letzten Wunsch nach einem menschenwürdigen Begräbnis erfüllen. Doch noch einmal vermarktet Lent die Toten, indem er seine künftigen Exponate nach den neuesten Regeln der Kunst mumifizieren lässt. In den Momenten, da es um den Schmerz einer duldsamen Kreatur geht, die von der Wissenschaft vermessen, vom Impresario ausgebeutet und vom Publikum angestarrt wird, zeigt sich Margrit Schriber auf der Höhe ihres Könnens: einfühlsam, aber nicht sentimental, genau, aber nicht redselig.

Problematisch erscheint dagegen ihr Umgang mit der Zeit bzw. ihrem unaufhaltsamen Fliessen. Da der Stoff nicht eben reich an Handlungen ist, wird er zerdehnt; dabei schwindet für den Leser über längere Strecken hinweg die zeitliche Orientierung, und er glaubt an Ort zu treten. Historische Ereignisse werden zwar erwähnt, aber nur wie Schlagworte eingesetzt. Auch das Kolorit der damaligen Vergnügungsindustrie mit der Begeisterung für den Cancan fehlt nicht, wie sie damals Jacques Offenbachs hinreissende Operettenmusik zu «Orpheus in der Unterwelt» entfesselt hat.

Um die handlungsarmen Räume erzählerisch zu füllen, gibt Margrit Schriber dafür einem Hang zur Dekoration nach. Sie staffiert mit Lust aus – und dies immer wieder von neuem, so dass sich der Effekt abnützt. Wahrscheinlich hätte sich diese Gefahr bannen lassen, wenn sie den Stoff nicht als Roman, sondern als geraffte Erzählung präsentiert hätte.

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