Die Habenichtse.
Roman von Katharina
Hacker (2006, Suhrkamp).
Besprechung von Ursula März aus der Frankfurter Rundschau, 15.3.2006:
Wand an Wand mit Sara
Von großer humaner Intelligenz: Katharina
Hackers Roman "Die Habenichtse" kennt alle Nöte, spielt sie aber
nicht gegeneinander aus
Diesem Roman gelingt etwas Besonderes. Er ist
nicht nur einfach gelungen, intelligent, berührend und bannend. Er ist
bedeutungsvoll. Denn er markiert einen Fortschritt in der deutschen
Gegenwartsliteratur, den viele deutsche Gegenwartsautoren als Ziel im Auge
haben, ohne es befriedigend zu erreichen. Der Roman Die Habenichtse von
Katharina Hacker ist eine Verschmelzung von Ästhetik und Engagement. Fast möchte
man sagen: eine Versöhnung. So sehr hat sich der Blick, bewusst oder unbewusst,
daran gewöhnt, dass feinnervige, reflexive, avancierte Erzählweisen sich mit
sensiblen, subjektiven Erzählstoffen kombinieren. Und umgekehrt sozial
drastische Stoffe in eher biederen Romanen daher kommen. Dass wahre literarische
Kunst eher die Seele sucht. Nicht die sozialpolitische Wahrheit im Leben von
Sozialhilfeempfängern.
Katharina Hacker, in Frankfurt am Main 1967 geborene, in Berlin lebende,
philosophisch gebildete Schriftstellerin, ist empfänglich für beides: für die
Wahrnehmung geringfügigster Schwingungen der Seele und für die Wahrnehmung
grober Elends- und Verwahrlosungsverhältnisse. Und es gelingt ihr, von beidem,
von ideeller Armut und materieller Armut so zu erzählen, dass sie nicht in
plakative Konkurrenz geraten. Denn sie hat vor beidem Respekt.
Der Titel Die Habenichtse betrifft nicht nur die englische Unterschicht aus Säufern
und Dealern, barbarischen Vätern, verrohten Müttern, geschunden vegetierenden
Kindern. Sondern auch Isabell und Jakob, Hauptfiguren des Romans, zwei junge
Deutsche, Mittdreißiger, denen es vordergründig an nichts fehlt, nicht an
Erfolg und Wohlbefinden, nicht an Zukunft und Komfort, nicht an Freundschaften
und Interessen, nicht einmal an jenen günstigen Schicksalsfaktoren, die sie
nicht beeinflussen können und die über ihr Glück entscheiden. Vor Jahren
haben sie sich als Studenten kennengelernt, dann aber für lange aus den Augen
verloren, ohne sich je ganz zu vergessen und im Geheimen aufeinander zu warten.
Durch Zufall treffen sie sich in Berlin auf einer Party wieder. An einem Tag,
dessen Datum mit einer Tragödie aufgeladen ist, dem 11. September 2001. Man
kann nicht sagen, dass Menschen wie Jakob und Isabell das Tragische nicht
beachteten. Aber sie lassen es nicht auf sich wirken. Sie sind keine
Egozentriker im direkten Sinn. Aber doch im indirekten. Es gibt in ihnen einen
Mangel, es fehlt ihnen eine Art metaphysischer Instinkt, ein Sinn für das
allgemeine, ihr Leben überragende Gewicht der Welt, der es ihnen ermöglichte,
ihr Befinden und ihr Schicksal in Beziehung zu dem anderer zu setzten.
Isabell arbeitet für eine Berliner Grafik-Agentur, Jakob für ein Berliner
Anwaltsbüro. Ein Kollege von ihm kommt bei dem New Yorker Anschlag ums Leben.
Er sollte einen Posten in einer Londoner Kanzlei antreten. Dieser Posten fällt
nun Jakob zu, und er nimmt das Angebot an. Isabell und er heiraten, gehen nach
London, beziehen ein kleines gemütliches Haus. Ein logischer, folgerichtiger
Karriereweg, an dem alles stimmt bis auf die Tatsache, dass er sich einem Zufall
verdankt, gegen dessen tragischen Ton das Paar die Ohren verschließt.
Katharina Hackers Romane (zuletzt, 2003, erschien Eine Art Liebe) treten zurückhaltend
auf. Sie verfügen über eine unaufgeregte, gleichmäßige, den Stoff langsam
und drucklos verbreiternde und voranschiebende Erzählweise. Sie ermöglicht der
Autorin, Parallelgeschichten auf eine so natürliche Art zu vernähen, dass man
sich beim Lesen wundert, wie unauffällig die Nahtstellen verlaufen. Dabei sind
die Sozialverhältnisse der Parallelgeschichten, die Katharina Hacker von
Romanbeginn an ein- und immer enger zueinanderführt, krass: Hauswand an
Hauswand lebt neben Isabell und Jakob eine Familie in Gewalt und Alkohol. Ein
pubertierender Sohn, der mit der Drogenszene, der zweiten Gesellschaftsszenerie
des Romans, kontaktiert. Und ein kleines Mädchen, Sara. Ein misshandeltes Kind,
das nicht zur Schule geht, hinter der Couch hockt, sich einnässt, retardiert,
vom Vater zum Verprügeltwerden herausgezerrt wird.
"Da lag das Mädchen, zusammengekrümmt. Es trug eine Art Trainingshose,
darüber ein nicht sehr sauberes T-Shirt, das zu klein war. Isabelle betrachtete
den Streifen Kinderfleisch ohne Freundlichkeit. Der Garten war übersät von Müll,
altem Spielzeug, auf der Terrasse standen Bierflaschen und Küchengerät, eine
Pfanne, einen Putzeimer entdeckte sie, Auswurf, Tüten voller Müll, und das
Kind stellte sich tot wie ein Tier, der Stock lag noch neben ihm im Gras. Es hörte
nicht auf zu nieseln, sie fröstelte . - Steh endlich auf! Hatte sie laut
gerufen? Jedenfalls drehte das Mädchen den Kopf zur Seite und beobachtete sie,
hielt jede Bewegung, jede Einzelheit in Isabells Gesicht mit ihren Augen fest,
angespannt, konzentriert. Mit einem Satz sprang Isabell hinunter, wütend, denn
sie wusste nicht, wie sie wieder auf die Mauer und zurück in ihren Garten
gelangen würde. Was für eine Idiotie, dachte sie widerwillig, zögerte, dann
beugte sie sich endlich zu dem Mädchen, packte es an den Schultern und richtete
es auf - Steh endlich auf! Das T-Shirt war feucht, sie zog ihre Strickjacke aus,
die am Ellenbogen zerrissen war und wickelte sie um das Kind. Und weiter?"
Sara ist das Opfer unmittelbarer körperlicher
Gewalt. Und jener mittelbaren, metaphorischen Gewalt, die aus der kultivierten
Stumpfheit, aus der existentiellen Schwerhörigkeit hervorgeht, in die das
deutsche Paar driftet. Sie hören und wollen nicht wissen, was sie hören. Was
der Ton aus dem Nachbarhaus, jenes spezifische dumpfe Geräusch bedeutet, das
entsteht, wenn ein Körper an die Wand geschlagen wird. Und: Was er ihnen
abverlangt. Sie sind beschäftigt mit ihrer Leere und damit, sie mit geliehenen
Intensitäten aufzufüllen, mit Faszinationen von Menschen, deren Leben ihnen,
weil es fremd ist, dichter erscheint. Isabell verliert sich an den erotischen
Reiz eines Drogendealers. Jakob an eine irrlichternde Passion für seinen älteren
homosexuellen Chef.
Die Habenichtse ist ein Roman von großer erzählerischer Weite. Er breitet sich
aus in einer Fülle von Sujets, Schauplätzen, Szenerien, sozialen Ensembles. Er
spielt vor einer politischen Kulisse, in den Wochen vor dem Ausbruch des
Irakkrieges und vor einer historischen Kulisse. Er legt biographische Spuren,
die zurückführen in die Zeit des Nationalsozialismus und lässt die Geschichte
der deutschen Teilung und der DDR in die Gegenwart ragen. All dies gelingt ihm
ohne Konstruktionsnot und ohne jedes literarische Imponiergehabe, ohne Vorführeffekt.
Aber was für diesen Roman vor allem einnimmt, ist seine geistige Weite.
Die humane Intelligenz, die darin liegt, die Luxusnot seelischer Mattheit der
Situierten gegen die Not Unterpriviligierter nicht auszuspielen. Sondern zu
zeigen, wie sich Nöte im tragischen Fall, im Fall von Sara, ergänzen. Deshalb
ist der Roman etwas Besonderes, und es ist schwer erklärbar, weshalb er von der
Jury des Preises der Leipziger Buchmesse nicht als solcher erkannt und auf die
Liste der Kandidaten gesetzt wurde.
[...diese und weitere Besprechungen
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