Die Haarschublade von Emmanuelle Pagano, 2009, WagenbachDie Haarschublade.
Roman von Emmanuelle Pagano (2009,
Wagenbach - Übertragung Nathalie Mälzer-Semlinger).
Besprechung von Maren Schürmann in der WAZ, vom 12.9.2009:

Emmanuelle Pagano und der einsame Blick
Die Schriftstellerin Emmanuelle Pagano beschreibt in "Die Haarschublade" den Alltag bedingungsloser Liebe. Für diese tief berührende Erzählung erhält die französische Autorin den Europäischen Literaturpreis.

Es ist nicht einfach, jemanden zu lieben, der so wenig zurückgibt. Der nicht mal mit einem Lächeln Danke sagen kann. „Ab und zu starre ich ihn an, nur so, man weiß ja nie, aber wenn ich seinen Augen begegne, senke ich meine, weil sein nackter Blick mich einsam macht.” Emmanuelle Pagano beschreibt in „Die Haarschublade” eine schwierige und zugleich innige Liebe einer jungen Frau zu ihrem schwerstbehinderten Sohn. Ein Buch, das tief berührt.

Sie wurde als 14-jährige Schülerin schwanger. Und verschwieg es so lange, zu lange, selbst unter Schmerzen. Die Ärzte konnten nicht mehr helfen, das Baby bekam zu wenig Sauerstoff. „Mit jeder Sekunde wurde es zu dem, was es ist, was es immer sein wird.”

Die französische Schriftstellerin beschönigt nicht, sie dramatisiert nicht. Vielmehr beschreibt sie sachlich, fast nüchtern den Alltag mit dem nun fünfjährigen Pierre. „Auch seine Arme schnalle ich fest, damit er sich nicht wehren kann, sobald er begriffen hat”, erklärt die Mutter die Prozedur des Essens. „Wenn er den Mund zu fest zusammenpresst, öffne ich ihn mit einer Hand und mit der anderen tue ich das Püree hinein (meist lasse ich den Löffel weg, die Finger sind praktischer).”

Wie anders das Leben dieses Kindes ist, wird gerade im Vergleich zum jüngeren Sohn Titouan deutlich, der selbst essen und gehen, der lachen und wütend sein kann.

Nur eine andere Form der Stille

Das Wimmern ihres kranken Sohnes Pierre kann die alleinerziehende Mutter nicht gut ertragen. „ . . . wenn man genau hinhörte, war es nur eine andere Form der Stille . . .” Soll sie das Kind weggeben? Sie wollte doch so gerne Friseurin werden, Haare anfassen, frisieren. Das ist ihr Traum, für den das Kind ihr keinen Raum lässt. Sie muss sich entscheiden. Sie entscheidet sich, ohne dass Pagano sie zur Heldin emporhebt.

Die Erzählung ist nicht nur menschlich, sondern auch sprachlich schön. Kommas lässt Pagano zwar bei Aufzählungen weg. Doch dadurch wirken ihre Sätze wie Gedanken, die einem wild durch den Kopf schießen. Das lässt Gefühle und Konflikte der Mutter und ihren Kampf gegen Vorurteile nur noch stärker nachempfinden. Für dieses Buch bekommt Pagano Ende des Monats den erstmals verliehenen und mit 5000 Euro dotierten Europäischen Literaturpreis für aufstrebende Talente.

Im Epilog schreibt Pagano, dass sie eine Mutter wie die von ihr beschriebene kannte. Verspätet möchte sie sagen: „ . . . er ist schön, dein Sohn”.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]

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