Die große Welt von Colum McCann, 2009, Rowohlt1.) - 2.)

Die große Welt.
Roman von Colum McCann (2009, Rowohlt - Übertragung Dirk van Gunsteren).
Besprechung von Yaak Karsunke in der Frankfurter Rundschau, 19.9.2009:

Tanz über Abgründen

Die Passanten, die sich am Morgen des 7. August 1974 - einen Tag, bevor US-Präsident Nixon wegen der Watergate-Affäre von seinem Amt zurücktreten musste - in Manhattan auf dem Weg zur Arbeit befanden, wurden Zeugen eines unglaublichen Schauspiels: Zwischen den Türmen des kürzlich fertiggestellten World Trade Center ging ein Mann durch die Luft. Der Artist Philippe Petit hatte sich sechs Jahre lang auf diesen sensationellen (und ungenehmigten) Auftritt in vierhundert Metern Höhe vorbereitet, das siebzig Meter lange Seil hatten seine Freunde und er nachts heimlich gespannt. Jetzt war er am Ziel: "Wer ihn sah, verstummte."

Mit diesem Satz beginnt der in Irland geborene, heute in New York lebende Colum McCann seinen neuen Roman "Die große Welt", der soeben in der ausgezeichneten Übersetzung von Dirk van Gunsteren bei Rowohlt erschienen ist.

Im Geflecht der Stimmen

In einer Filmkritik hat McCann einmal Kunst als "die Fähigkeit, eine Geschichte über die Grenzen des tatsächlichen Geschehens hinauszuführen" definiert, und damit eine gute Beschreibung seiner eigenen Arbeitsweise geliefert. Das Spektakel des Seiltänzers ist nur ein Seitenaspekt des Buches, dessen Verfasser vornehmlich interessiert, worüber der Artist da hinwegtanzt: Die große Welt der Stadt New York.

McCann belebt diese Welt mit lediglich einem Dutzend Personen, die aus wechselnden Erzählperspektiven und auf verschränkten Zeitebenen gezeigt und beleuchtet werden. Einige berichten selbst von sich und anderen, andere schildert der Autor, wodurch ein kunstvoll komponiertes, polyphones Geflecht von Stimmen entsteht. Die einzelnen Partien ergänzen, kommentieren oder widersprechen einander auch: Der Seiltänzer balanciert über mehr als einem Abgrund.

Die Bevölkerung einer Großstadt lässt sich nicht mit einer Abstraktion wie etwa einem "repräsentativen Querschnitt" ihrer Bewohner darstellen. McCanns Figurenensemble besteht aus sehr konkreten Menschen, und der Roman erzählt, wie sie in dieser Stadt leben, was die Stadt ihnen ermöglicht oder antut, was sie in ihr erleben, wie sie miteinander umgehen, sich gegenseitig verletzen, aber auch helfen - helfen zu überleben in dieser Stadt. Die geschilderten Milieus reichen von den verkommensten Vierteln bis in die vornehme Park Avenue, Szenen spielen auf dem Straßenstrich, in einem Altenpflegeheim, im Gerichtssaal, auf Vernissagen, in einem teuren Apartment, auf den Drogen- und Sexparties der Greenich-Village-Bohème, in einem Hacker-Keller, einem Börsianer-Café, im Gefängnis, auf einem Friedhof.

Der Roman begleitet seine Personen mit staunenswerter kompositorischer Freiheit und vorurteilsloser Anteilnahme durch diese labyrinthische Wirklichkeit, in der sie sich begegnen oder verfehlen, erkennen oder nur zu erkennen glauben. Der irische Mönch Corrie etwa, den es aus Dublin über Neapel in die Bronx verschlägt, wo er zum sonderbaren Schutzheiligen der schwarzen Huren wird, die ihn erst für einen verdeckten Ermittler halten und später mitleidlos ausnutzen.

Er erträgt das mit selbstquälerischer Frömmigkeit - erst die Begegnung mit einer hispanischen Krankenschwester bringt ihn (zu spät) dazu, darüber nachzudenken, "wie viel Mut es braucht, ein ganz normales Leben zu führen". Eine seiner Schutzbefohlenen ist die 38-jährige Tillie, die "mit siebzehn eine Figur (hatte), für die Adam Eva stehengelassen hätte", zusammen mit ihrer ebenfalls heroinsüchtigen Tochter steht sie auf dem Straßenstrich, später wird sie sich im Knast das Leben nehmen.

Ins Gefängnis geschickt hatte sie Richter Solomon Soderberg, vor dem auch der Seiltänzer erscheinen muss, nachdem ihn die Polizei vom Dach des World Trade Center geholt hatte. Soderbergs Frau Claire ist die liberale Tochter eines rassistischen Südstaatlers ("Ich mag Neger, wirklich. Ich finde, jeder sollte einen haben."). Ihr einziger Sohn ist in Vietnam gefallen, sie trifft sich regelmäßig mit einer Gruppe von Müttern, deren Söhne gleichfalls in Vietnam gestorben sind - eine von ihnen ist die ältere schwarze Bürgerrechts-Aktivistin Gloria aus dem Süden von Missouri. Deren Mutter besaß noch "eine Quittung über den Verkauf ihrer Großmutter", in der Weltwirtschaftskrise verkauft sie das Dokument einem Museumskurator, um sich eine gebrauchte Nähmaschine leisten zu können.

Manchmal ist es so ein atemverschlagendes Detail, das eine ganze Geschichte erzählt, ein andermal listet der Autor über eine Dreiviertelseite alle Tricks und Techniken auf, die sich Richter Soderberg über die Jahre hinweg aneignet, in denen sich sein juristischer Idealismus in resignierte Routine verwandelt.

Die Gerechtigkeit, die der Jurist im Gerichtssaal nur verfehlen kann, lässt der Romancier seinen Figuren ebenso genau wie unaufdringlich widerfahren. Lara, die sich selbst als "blondes Kind aus besseren Kreisen" bezeichnet, ist aus dem Mittleren Westen nach New York geflohen, wo sie, statt an ihrer Kunst zu arbeiten, dreimal in der Woche zum Friseur geht. Jahre später heißt es über sie: "Sie hatte etwas von einer wundervollen Versagerin."

Es gibt noch viele Geschichten

Dieser Satz steht im letzten Kapitel des Buchs, das im "Oktober 2006", also 32 Jahre nach dem Auftritt des Seiltänzers spielt. Tillies Enkelin Jaslyn, die nach dem Tod ihrer Mutter (die zusammen mit dem Mönch Corrie bei einem Autounfall ums Leben kommt) bei Gloria aufgewachsen ist, unternimmt eine Reise in die Vergangenheit, die sie über Dublin zurück nach New York führt, in das Sterbezimmer von Claire Soderberg, aus dessen Fenster sieht sie auf die sich drehende große Welt der Stadt. In einer Nachbemerkung weist McCann darauf hin, "dass nicht alles im Leben bereits aufgeschrieben ist: Es gibt noch viele Geschichten, die erzählt werden müssen." Einige davon hoffentlich von ihm selbst.

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Die große Welt von Colum McCann, 2009, Rowohlt2.)

Die große Welt.
Roman von Colum McCann (2009, Rowohlt - Übertragung Dirk van Gunsteren).
Besprechung von Britta Heidemann in der WAZ vom 1.10.2009:

Der Seiltänzer
Der Fabulierer Colum McCann reist zurück ins New York der 70er. Doch seine Figuren bleiben: Figuren.

Der irisch-amerikanische Autor Colum McCann erzählt, wie es hätte sein können. Wie der Vortänzer des modernen Balletts, Rudolph Nurejew, in Russland gelebt haben, wie die Roma-Sängerin Papusza in Polens Wäldern den Holocaust überlebt haben könnte: Nach den Erfolgen „Der Tänzer” und „Zoli” versetzt er sich nun ins New York der 70er.

Der Seiltänzer Philippe Petit betört die Massen mit einem wagemutigen Gang zwischen den Türmen des World Trade Centers, in mehreren hundert Metern Höhe. McCann verknüpft die Lebensläufe der Staunenden: ein irischer Priester, der den Huren der Stadt hilft. Eine Mutter, die ihren Sohn in Vietnam verlor. Eine koksende Partygängerin. Eine Krankenschwester. Am Ende ist alles mit allem, sind alle mit allen verbunden. So hätte es sein können. Leider glauben wir nicht: dass es so war.

Sprachlich fein erzählt

McCann ist ein wunderbarer, sprachlich feiner Geschichtenerzähler, man möchte das Klischee des irischen Pubs voller Rauch- und Rede-Schwaden bemühen (aber in Irland herrscht ja Rauchverbot). Er erfindet einen Ordensmann, der sich in eine Krankenschwester verliebt – „Ich sitze da und denke darüber nach, wie viel Mut es braucht, ein ganz normales Leben zu führen.” Er denkt sich einen Computerspezialisten aus, der zum makabren Einsatz in Vietnam eingezogen wird – „Es war ganz leicht, ein Programm zu schreiben, das die Toten zusammenzählte, aber lieber hätte er eins geschrieben, das den Sinn des Sterbens enthüllte”.

Es bleibt jedoch stets das Bewusstsein, einen Roman zu lesen, wenngleich einen gut gemachten. Da können auch die Türme des World Trade Centers uns als offensichtlicher Link zu 9/11 noch so anstarren: Es gelingt McCann weder auf zeitgeschichtlicher noch persönlicher Ebene, die Distanzen zu überwinden. Der ultimative New-York-Roman, den McCann so offensichtlich anstrebte, gelang ihm nicht.

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