Die große Verschwendung von Wolfgang Schömel, 2011, Klett-CottaDie große Verschwendung.
Roman von Wolfgang Schömel (2011, Klett-Cotta).
Besprechung von Jürgen Verdofsky in der Frankfurter Rundschau, 20.5.20011:

Vom Leuchtturm gepustet
Wolfgang Schömels Bremen-Roman „Die große Verschwendung“ zeigt eine starke Melange kulturpolitischer Blamagen beider hanseatischen Stadtstaaten als Kulisse.

Bremen vor der Wahl, das ist kein literarisches Sujet. Politik genügt in der Literatur nie, auch nicht in Ausnahmefällen. Wolfgang Schömel, im Brotberuf Literaturreferent der Hamburger Kulturbehörde mit Wohnsitz in Bremen, ist für einen Schlüsselroman ein zu temperamentvoller Erzähler. Immerhin zeigt sich in seiner „Großen Verschwendung“ eine starke Melange kulturpolitischer Blamagen beider hanseatischen Stadtstaaten als Kulisse.

Die Politik glaubt, die Kapitalwelt gewinnen und die Regeln bestimmen zu können. Die anderen, die auf Gewinn spekulieren, wissen es besser und lassen getreu der winkelhaften Verträge die Kosten explodieren. Anders sind Projekte wie die Elbphilharmonie in Hamburg oder der Space Park in Bremen nicht zu verstehen. Alles ist austauschbar, wie die Elbphilharmonie auf dem Buchcover und eine fiktive „Maritime Oper“ am überschaubaren Handlungsort Bremen zeigen.

Schon im Auftakt zum Eventprojekt „Maritime Oper“ verspürt Dr. Georg Glabrecht sowohl dunkle Unruhe als auch faunisches Prickeln. Der Wirtschaftssenator der Bremer Grünen hat sich als Weltverächter eingerichtet. Er zeigt sich abwechselnd als Pragmatiker und Verzweifelter, Ekstatiker und Zyniker. Das Handeln ist von den Gründen getrennt, der Handschlag vom Versprechen, das Denken folgt der Wahrnehmung nicht mehr.

Die „Maritime Oper“ mit Meeresaquarium, Spielbank und Yachthafen muss öffentlich befeuert werden. Der sprachkritische Senator testet aus, wie weit man den Papageienlärm treiben kann. Kein Pressetext ohne „kulturelles Portefeuille der Stadt“ oder „Zukunftsbrief Maritime Metropole“, am häufigsten hallt das Landrattenwort „Leuchtturm“.

Wenn unter den Salven der Presse Ungereimtheiten aufgedeckt werden, versammeln sich die Beamten zum „kreativen Wahrheitsmanagement“. Schömel entlarvt die Sprache der Politik als ungelenke Imitation rentierlichen Marketings. Brillant die Szene, in der hanseatisches Geltungsbürgertum durch Professorentitel und Ehrenbürgerschaften zum Sponsoring gebracht wird – wenn es sein muss im Glanz eines missbrauchten Günter Grass.

Glabrecht lenkt eine termitenartige Behörde voller Karrieristen, die alles schlucken, für alles zu haben sind. „Zuviel Talent und Geist waren äußerst hinderlich.“ Die Beamten wollen unbedingt auf der richtigen Seite stehen, möglichst weit vorn. „Mimetisches Arschkriechen“ nennt Glabrecht dieses Streben ohne Meinung. Er hält alle auf Trab, wenn es sein muss mit Schikanen, und ist sich dabei „ganz sicher, verglichen mit anderen Politikern und Machthabern ein vergleichsweise kleines Arschloch zu sein.“

Auf lange Sicht aber finden Glabrechts Triumphe ein Ende. Als sein durchgängiges Handicap erweist sich, dass er bei den flüchtigsten Frauenbegegnung immer mit dem Großartigsten rechnet. Unter seiner scharfen, zynischen Intelligenz liegt eine feine Schicht unstillbaren Begehrens. Er ist ein Getriebener, immer auf der Suche nach dem Glücksereignis. Dass er unter Tinnitus, Priapismus und abgrundtiefer Schlaflosigkeit leidet, macht alles nicht einfacher. Der 50-Jährige kämpft gegen seinen körperlichen Verfall, aber auch gegen haltlosen Weinkonsum mit exzessivem Sport und naiven Arzneicocktails. Der Zugangscode seines Rechners lautet „Vorsehung“.

Zum Verhängnis wird Glabrecht, dass zur bilateralen Interessenkumpanei von Kapital und Politik auch augenaufschlagende Frauen gehören, der Senator aber das eine nicht vom anderen trennen kann. Adriana Fallhorn, Assistentin der Geschäftsleitung des obskuren Investors, wird zur Sehnsuchtsfalle einer erstrebten „Glücksgewissheit“. Eine 18 Jahre jüngere Mädchenfrau: Geheimnisvoll, elegant und lässig, auch apart und berechnend, dann wieder voll Einverständnis, so hinfällig, so bewusst dessen, was erreicht werden kann. Alles wird stimuliert durch die digitale erotische Überschwänglichkeit einer Fernliebe.

Nach einem halben Dutzend Hotelnächten hat Glabrecht mit amourösen Selbstzweifeln alles, was werden könnte, zerredet, und die faunische Wilddieberei endet digital. Glabrechts Frau Marianne brauchte diese Affäre nicht, um kampflos und esoterisch nach Worpswede zu entschweben. Und Adriana ist nicht nur Assistentin, sondern auch Geliebte des Investorenchefs. Der Eros von Macht, Geld und Jetset folgt eigenen Gesetzen, da wiegt ein Senator aus Bremen doch zu leicht.

Am Ende scheitert mit Glabrecht weniger ein politischer Hasardeur an verlorenen Wahlen (das ist für Bremer Verhältnisse reine Fiktion), als vielmehr einer an sich selbst. Der originelle Melancholiker unterliegt nicht allein der „Großen Verschwendung“ im öffentlichen, sondern auch im eigenen Leben. Ein von der Realität gekränkter Idealist fällt vom Leuchtturm in idealfreie Leere, in der nur Angst bleibt.

Überhört hat Glabrecht die Warnung seines weisen Freundes Madlé, der sich schon aus Schömels erstem Roman „Ohne Maria“ als „Wahrheitssadist“ eingeprägt hat: „Die Liebe hat noch nie einen unglücklichen Charakter geheilt.“ Seines letzten Verblendungsfelds beraubt, kämpft er gegen eine sich schubweise zeigende Ich-Auflösung an. Aus dem Hasardeur wird ein Hasenfuß. Dann gibt es auch nichts mehr zu erzählen, weil von den zahllosen Dingen des Lebens fast nur noch das Existenzielle übrigbleibt.

Erst hier lässt sich verstehen, dass alles Groteske des Romans abgewandelte Schrecknis ist. Aber das erlaubt auch ein unerwartetes Schlussbild: In der Natur emanzipiert sich die existenzielle Angst. Sie verliert an Destruktion und kommt zur Ruhe. Mit dieser Wendung der tragikomischen Geschichte zeigt sich Schömel als subtiler Erzähler.

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