Die große Beleidigung von Wolf Wondratschek, 2001, Hanser-VerlagDie große Beleidigung.
Erzählungen von Wolf Wondratschek (2001, Hanser).
Besprechung von Lutz Hagestedt in der Frankfurter Rundschau, 6.9.2001:

Kann Lampenfieber eine Magenwand umrunden?
Nichts gegen gepflegten Ennui: Aber Wolf Wondratscheks missglücktes Geschichtenbuch ist "Die große Beleidigung".

Trostlos, diese Prosa, überschätzt, eine einzige Quälerei. Für den Autor vermutlich ebenso wie für den Leser. Die vier Erzählungen seien alle in den Wind geschrieben worden, ist auf der letzten Seite zu lesen. Der zweite Blick ergibt: "in Wien geschrieben" - doch eine Inspiration war Wien offensichtlich nicht.

In der ersten Erzählung geht es um eine dieser völlig belanglosen Partys, deren wir schon in der Realität überdrüssig sind. Dort kommt es zu einer Zufallsbekanntschaft des Ich-Erzählers mit Nohál. Jede Erzählung braucht einen ersten Satz, hier lautet er: "Plötzlich war da dieser Satz", und er meint eine Äußerung, die wie isoliert im Partylärm steht und wider aller Wahrscheinlichkeit ans Ohr des Erzählers dringt: "Ich möchte etwas schaffen, das ich, ohne mich zu schämen, Giotto zeigen könnte."

Eine Künstlergeschichte also. Der Erzähler, ein gewisser Urbanek, weshalb auch immer fasziniert von diesem Satz, begibt sich auf die Suche nach seinem Urheber - und findet ihn auch, umwegig, umständlich, wie es dem in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur neuerdings wieder gepflegten Manierismus gefällt. Zuvor muss Urbanek jedoch einem esoterischen Vamp in die Fänge gehen und ein paar Sprachhülsen über freizügige Frauen, virile Matrosen und den Hafen der Ehe absondern. "Nichts, was ich aufschnappte, ließ darauf schließen, dass der Name des italienischen Meisters je hätte fallen können. Ich jedenfalls sah keinen Zusammenhang zwischen einem Gedankenaustausch (in der Küche) über leistungsstarke, gleichwohl versicherungsgünstige Autos, einer Debatte (im Flur) über das berufsbedrohende Ballerinen-Handicap eines zu großen Busens oder (rund um das Bett) die Behandlungsmethoden und Heilungschancen in Abano, dem Mekka invalider Tänzerinnen und Tänzer - und Giotto!"

Glück für uns, dass Urbanek diesen Zusammenhang nicht sieht: Gewiss würde er sonst auf die Idee kommen, in seiner holzwegigen Art davon zu erzählen. Derjenige aber, der Giotto imponieren möchte, wird schließlich doch noch ermittelt: Anton Nohál, "Sohn eines Forstmeisters". Man steht wie angewurzelt vor dieser Information! Und selbst Urbanek rätselt über diese eigentlich unnötige Bemerkung, die von der schönen Aussage flankiert wird, dass Nohál einen schlaffen Händedruck habe. Wohl als Protest gegen den Förstervater? Um es kurz zu machen: Um Giotto geht es in dieser Erzählung nicht. Es geht vielmehr darum, vor einer höchsten Instanz zu bestehen, ähnlich vielleicht wie Estragon und Vladimir vor Godot. Nohál hätte auch gleich Gott sagen können, so lautet die - leider vor ihrer Zeit, sprich deplatziert eingebrachte - Erkenntnis, die dem Text auch noch sein letztes Geheimnis raubt. Nohál wird als (nahezu) blinder Regisseur dargestellt, als Visionär des Kinos, als Prometheus, durch Vorwitz und Erkenntnis geblendet.

Man fühlt sich an den Prosaisten Botho Strauß erinnert, wenn es wieder einmal darum geht, das Banale mythisch zu überhöhen. Der blinde Regisseur steuert jedenfalls auf ein "Vermächtnis" zu, während sich Urbanek in der Produktion mehr oder weniger anstößiger Assonanzen (ein "Schwarm schwuler Schlawiner", eine "nautische Nymphomanin und närrische Neurotikerin") gefällt - ein Sprachtick, den der Protagonist mit dem Autor teilt. Nohál und Urbanek planen schließlich ein gemeinsames Projekt, das "Ekstasen der Melancholie" heißen soll, eine Leonce-und-Lena-Geschichte, die - wie auch die Wondratschek'schen Erzählungen - von dem bedrohlichen Ausmaß der Langeweile handelt.

Nichts gegen Langeweile, wenn wenigstens die Bilder stimmen! Aber schon der erste Passus der zweiten Erzählung ist ein unverzeihlicher Fehlgriff. Dargestellt wird eine Frau, "wie ein Ei umhüllt von Mantel und Kopftuch". Bestimmt kennt man sie in Wien, diese in Mäntel gewandeten, mit Kopftüchern umhüllten Eier, "die Wangen bis zu den Ohren mit Rouge bestäubt". Elegante Eier zumal, wie von der "schneeweißen Tabakdose gestiegen", ganz in der Gewissheit, derart gewandet und gepudert "in angemessener Weise auch vor ein Erschießungskommando treten zu können".

Zuletzt rundet sich der Band, denn auch die vierte Erzählung wird recht glücklos und damit - ironischerweise - ihrem Gegenstand vollkommen angemessen durchgeführt. Denn wenn es irgendwo in der Literatur die ideale Entsprechung von Inhalt und Form, Ästhetik und Sprache gibt, dann hier. Überall dieselbe matte Trostlosigkeit, Umständlichkeit, Gezwungenheit, Gleichgültigkeit - vom Autor in eine leichthin schwebende, prästabilierte Harmonie gebracht. Fast möchte man glauben, Wondratschek wolle Thomas Bernhards großen Künstlerroman des Scheiterns, den Untergeher, noch einmal erzählen, und zwar mit den Mitteln der Dürftigkeit.

Erzählt wird hier von Victor Auermann, dem Violin-Virtuosen, einst als Wunderkind und Junggenie gehandelt, jetzt vom Lampenfieber zerstört. Auermanns Leben ist ein existenzieller Irrtum, und der Virtuose leidet, seit Jahren schon, unter Wahngeschichten: In Konzerten erscheint ihm der leibhaftige Tod und sitzt andächtig in der ersten Reihe; in seinen Partituren stößt Auermann auf seltsam Zeichenhaftes, auf Notate von eigener Hand, die ihn an den vollkommen geschwungenen Hals seiner Mutter erinnern. Die Linie ist sein Fach, die "traumwandlerische Mühelosigkeit", die Kantilene, die Luftmalerei mit dem Bogen. Doch schwer und mühevoll ist sein Weg vor das Publikum, von Beta-Blockern blockiert, von Albträumen, Übelkeit und Schweißausbrüchen begleitet. Die Kunst der Ärzte kann bei dieser lebensbedrohlichen Qual wenig bis nichts bewirken. Doch gerät Auermann mit Doktor Roberts an einen Arzt, der nicht nur Mediziner, sondern auch Psychologe ist und der ihm eine Weltanschauung verschreibt: "mit dem Herzen zu dichten, aber nicht zu lieben".

Mit dem Herzen zu dichten ist immer noch erfolgversprechender, als aus dem Bauch heraus zu fabulieren: Das Lampenfieber "umrundete seine Magenwände", schreibt Wondratschek in seiner nicht nachahmenswerten Manier, auch das schlichteste Bild zu verpatzen. Das hier umgesetzte "Worst Case Scenario" spiegelt sich in der - nicht zuletzt auch dramaturgisch schwächelnden - Prosa wider: "Das Lampenfieber umrundete seine Magenwände und vereiste seine Finger, steigerte sich zu der lächerlichen Befürchtung, auf eine Situation zuzusteuern, der er sich nicht gewachsen fühlte." Diesen oberflauen, nichtssagenden, enttäuschend farblosen Nachklappsatz bietet uns der Autor, nachdem er seinen Protagonisten bereits durch alle Höllen seiner Daseinsqual geführt hat, zu einem Zeitpunkt also, als es für Auermann schlimmer schon gar nicht mehr kommen kann, als die "Überforderung" durch eine "Situation" weder erzählökonomisch noch sprachlich irgendeinen Sinn macht. Dieser Abschwung des Spannungsbogens klingt folglich wie der ärmlich instrumentierte letzte Satz eines ratlosen Impressarios. So liest man diese vier blassen Erzählungen mit rasch schwindendem Glauben in die Kompetenz ihres Urhebers, als Trauerfall der deutschen Gegenwartsliteratur.

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