Die Grammatik der Männer von Peter Blickle, 2014, Klöpfer&MeyerDie Grammatik der Männer.
Roman von Peter Blickle (
2014, Klöpfer&Meyer).
Besprechung von Helmut Schönauer - schoenauer-literatur.com, 20/09/2014:

Die Grammatik der Männer
Männer pflegen gerne Rituale in einem typischen Regelwerk, das sie sich scheinbar freiwillig verpassen. In Wirklichkeit unterliegen diese Helden der Grammatik der Männer, die sie selbst nur rudimentär verstehen.

Peter Blickles Roman in 19 Lektionen spielt an diversen Orten meist am flachen Land. Ein Stützpunkt der Handlungen bildet ein Rettungsposten, von dem aus die Rettungsfahrzeuge zu diversen Unfällen, Verstümmelungen oder Demenz-Einsätzen ausrücken. Eine Hauptfigur heißt Porno, hinter diesem harten lüsternen Kosenamen freilich steckt eine arme Sau, die zwischen den Einsätzen Protokolle ausfüllt, welche nichts mit dem wahren Leben zu tun haben. In seinem privaten Kosmos pflegt er eine Modelleisenbahn und gibt sich den Spielzügen eines großen Kindes hin.

Einmal kommt es zu einer intensiven Begegnung mit den Augen einer Kollegin. Diese erzählen die Geschichte einer Frau, die sich alleinerziehend um Tochter und Hamster kümmert. Da schauen nun die Augenpaare ineinander, es tut sich nichts und es ist ja auch alles sinnlos. Hinter den Ritualen des Anbandelns und Ausprobierens steckt schließlich keine passable Gebrauchsanweisung, alle Spielregeln führen ins Leere.

Dieses Zusammenzucken als Mann, bis das Korsett wieder sitzt, zieht sich auch durch die anderen Episoden des oberflächlichen Daseins. Bei einem Fußballspiel wird nicht ersichtlich, ob der Tormann nicht doch schwul ist, allein sein Täschchen mit den Tormann-Utensilien lässt darauf schließen, dass da noch eine andere Lebensform in der Hose steckt, als es der schlaffe Dress vermuten lässt.

Große Bühne für pseudo-männliches Verhalten ist immer die Gynäkologie, wenn vor allem Männer um das geöffnete weibliche Genital herumstehen und unter dem Schutz der medizinischen Immunität verbal ausrasten. Der Ober-Boss führt bei einer kleinen Operation eine Zirkusnummer durch, in dem er ein Tuch zuerst in der Patientin versteckt und dann wieder heraus zaubert, ehe die Narkose nachlässt.

Schließlich ist es nach einer Dichterlesung eine Bibliothekarin, die den Geschäftsführer beim Austrinken des restlichen Weins noch ein wenig in Wallung bringt. All das Angelesene und Fiktionale bricht in den Bücherschluchten für eine Nacht Vulva-mäßig  aus. „Sie lagen in einem Ozean an Regalen und Licht.“ (206) Das Hervorkrabbeln ans Tageslicht macht am Morgen die Figuren nicht gerade happy.

Peter Blickle erzählt von diesen Verknotungspunkten, wo es zu erotischen nicht-dienstlichen Begegnungen kommt. Es gibt kein gültiges Pflichtenheft für diese Ausflüge in die Phantasie und Träume. Die Männer kratzen den letzten Knigge zusammen oder erinnern sich an Sätze von Mama, um einen guten Eindruck hinzukriegen, aber letztlich sind die Männer alle verloren, wenn sie in eine erotische Situation kommen. - Ein Männerversteh-Roman ohne Mitleid.

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