Die Glut von Sándor Márai, 1999, Piper

Die Glut.
Roman von Sándor Márai (1999, Piper -
Übertragung Christina Viragh).
Besprechung von Ulrich Steinmetzger aus der NRZ vom 1.11.1999:

Späte Endeckung für ein Duell im Abendlicht
Sandor Marais k.u.k-Roman Die Glut 

Es ist das Ausrufe-Zeichen über dem diesjährigen Buchmesse-Schwerpunkt: Sandor Marais monologischer Kammerspiel-Roman Die Glut gerät momentan weltweit zu einer Art Wiederentdeckungserlebnis. In allem wichtigen Sprachen erscheinen Neuausgaben des 1942 zuerst veröffentlichten Romans, in Italien sind die Verkaufszahlen sechsstellig, die Verfilmung mit Anthony Hopkins und Juliette Binoche ist in Arbeit. Ein verblüffender Wiedergänger von Schnitzler und Joseph Roth, von Musil und anderen Chronisten der überreifen Monarchie Österreich-Ungarn sorgt für ein zeitversetztes Aufleuchten einer der großen deutschsprachigen Literaturepochen. Wie geht so etwas? Es geht mit einem Roman, der keiner Frage ausweicht. Weggehen oder bleiben? Hass oder Liebe oder die feinen Nuancen dazwischen? Treue oder Verrat? Und überhaupt: Was ist das Leben? Vielleicht kommt man am besten zurecht, wenn man sich vorsichtig in die Wirklichkeit einpasst. Das kann eine tagfüllende Aufgabe sein, wenn alle Dinge in der Gefahr des Zerfalls schweben. Oder wenn sie sich auf eine beängstigend langweilige Art wiederholen. Zwischen diesen Fragen und Gewissheiten lässt Sandor Marai (1900-1989) zwei greise Männer ein letztes Mal zusammenkommen. Ort der Begegnung: ein Jagdschloss zu Füßen der Karpaten, zweihundert Jahre alt und in Familienbesitz. Hier residiert einer der beiden, der Gardegeneral Henrik. Fast wie Jean des Esseintes in Joris-Karl Huysmans Roman Gegen den Strich hat er sich vom dummen, schmutzigen Lärm der Welt in einen hochkultivierten, einsamen Gegenentwurf zurückgezogen. Selbstachtung, Askese, Disziplin, Stolz und die störrische Verteidigung des edlen Bildungsbürgertums sind die unverrückbaren Eckpunkte im Denken des frühpensionierten Kriegers. Das ist ihm schon auf der k.u.k-Kadettenschule bei Wien vermittelt worden, wo Männer zur Elite getrimmt wurden. Aus Kindheitsbegegnungen wuchsen hier lebenslange Männerfreundschaften vom Zuschnitt mittelalterlicher Treuebündnisse. Hier hat der Zögling Henrik den galizischen Schöngeist Konrad getroffen, dem Chopin näher stand als Waffengeklirr oder der Reigen weiblicher Verlockungen. Der eine hat gelebt, der andere hat gelesen. Angezogen hat sie die gleiche schlanke Frau mit weißem Kleid und großem Florentinerhut. Doch dann war Konrad am 2. 7. 1899 Hals über Kopf in die Kolonien verschwunden. Und seither frisst in Henrik ein Verdacht. Siehst du, ich bin noch einmal gekommen, sagt Konrad am 14. 8. 1940. Ich habe nie daran gezweifelt, erwidert Henrik. Beide haben 41 Jahre ihre Kraft aus dem Warten auf diesen Tag gezogen. Beide haben ihr Leben als Vorbereitung darauf begriffen. Und dann hebt im edlen Ambiente ein letztes großes Duell an. Einst hatte mit dem Entsichern eines Jagdgewehres für beide die Einsamkeit begonnen. Heute gibt es nur noch wenige offene Fragen . . . Gestellt hat sie ein hochtalentierter Autor, der auf die zwischen rechts und links wechselnden Verführungen unseres Jahrhunderts mit demonstrativem Rückzug reagierte und an den verschiedenen Orten seines Exils an einer Sprache festhielt, die dort nur eine Handvoll Leute versteht. Marai war unerbittlich bis zur Übertreibung und hat konsequent in Ungarisch geschrieben. Damit saß der perfekt zweisprachige (ungarisch, deutsch) Grandseigneur zwischen allen Stühlen. Wir wissen nicht viel von seinem Leben, denn seine Tagebücher sind noch nicht zugänglich. Sicher aber ist, dass er gezielt auf Erfolge verzichtet hat. Bleib allein und antworte, war bis zum Selbstmord in San Diego seine stolze Maxime. Geantwortet hat er in rund 30 Romanen, deren beste jetzt veröffentlich werden. Halten sie nur annähernd die Höhe der ersten Kostprobe, darf man sich auf einiges gefasst machen.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

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