Die Glühbirne der Etrusker von Michael Maar, 2003, DuMontDie Glühbirne der Etrusker.
Essays und Marginalien von Michael Maar (2003, DuMont).
Besprechung von Yaak Karsunke aus der Frankfurter Rundschau, 23.12.2003:

Der Gentleman-Detektiv
Ironie, Noblesse: Michael Maar über Literatur und Literaten

Schriftsteller schreiben Bücher, Kritiker schreiben über Bücher. Manchmal kommt es vor, dass die gesammelten Besprechungen eines Rezensenten ihrerseits als Buch erscheinen, das dann wiederum auf dem Schreibtisch eines anderen Kritikers landet, für den es eine heikle Herausforderung darstellt - insbesondere, wenn es sich um die Arbeiten eines mitlebenden Kollegen handelt. Wie schreibt man eine Meta-Kritik? Bei der Lektüre stellt sich nahezu automatisch die Frage, wie man selbst das jeweils rezensierte Werk besprochen hätte, wobei die eigenen Vorlieben und -urteile einem leicht den Blick für das verstellen können, was gerade die Qualität der anderen Sicht auf ein Stück Literatur ausmacht. Außerdem erhöht ja eigentlich die Differenz der Sichtweisen das kritische Vergnügen - es wäre recht langweilig, ungefähr das nachlesen zu müssen, was man selbst über das betreffende Buch geschrieben hätte.

Tatsächlich lesen sich die literarischen Betrachtungen von Michael Maar durchaus vergnüglich, auch wenn man seiner Maxime "Wenn Literatur gelingt, ist es Levitation" nicht unbedingt zustimmt. (Über apodiktische Feststellungen dieser Art hat der alte Ludwig Marcuse mal gesagt: "Brich vor keinem Argument in die Knie. Vielleicht überzeugt es nur, beweist aber nichts.") Selbst so ein rigoroser Kunstrichterspruch verrät aber noch, dass er sich einer rückhaltlosen Liebe zur Literatur verdankt, die seinen Verfasser vorteilhaft von allen literarischen Quartettspielern des Kulturbetriebs unterscheidet. Wie der von ihm in Erinnerung gerufene Herzog von Charost würde auch Maar selbst im Henkerskarren zum Schafott noch ein Buch lesen: "Ehe er die Stufen zur Guillotine hochstieg, machte er ein Eselsohr in die zuletzt gelesene Seite."

Was Maar auszeichnet, ist ein nahezu detektivischer Spürsinn, mit dem er Motiven, Strukturen, Beziehungen zwischen Büchern und auch zwischen Personen nachgeht. Das - von beiden Seiten - durchaus prekäre Verhältnis von Thomas Mann und Theodor W. Adorno etwa wird aus Tagebüchern und Briefen mit ebenso viel Ironie wie Noblesse rekonstruiert und dargelegt, frei von wohlfeilem Spott, aber auch ohne übertriebene Heldenverehrung - ein elegantes und amüsantes Kunststück.

Auch der stalinistische Kunstgewerbler Peter Hacks findet in Maar einen gleicher- maßen aufmerksamen wie unnachsichtigen Leser, dem der Respekt vor dem (meines Erachtens überschätzten) Talent des selbst ernannten Dichterfürsten nicht den Blick auf dessen fatale gedankliche Komplizenschaft mit Massenmördern verstellt. Dass bei Hacks "zuunterst etwas Totes und Giftiges" liegt, ist ein Urteil, das bei einem so angenehm differenzierenden Kritiker an Schärfe nichts zu wünschen lässt.

Jeder Rezensent weiß, dass es leichter fällt, eine negative als eine positive Besprechung zu verfassen. Michael Maar lobt lieber, als einen Verriss abzuliefern. Ohne jede Schulmeisterei weist er seine Leser auf Feinheiten hin, zeigt motivische oder stilistische Verwandtschaften auf. Die Form, in der das geschieht, hat in den besten Momenten eine Art eleganten Charme; eine kenntnisreiche Studie "Über das Fehlläuten in der amerikanischen Erzählkunst" (unter anderem bei Raymond Carver, Nabokov und Edmund Wilson) endet mit einer Bemerkung über "dieses Mikro-Motiv, das wie ein Kriechstrom durch die amerikanische Literatur fließt und inzwischen sogar schon bei Stephen King angekommen ist - aber Entschuldigung, es klingelt". Hier hat einer nicht nur Lesen, sondern auch das Schreiben gelernt.

Leider gibt es gegen Ende des schönen Bandes eine doch recht enttäuschende Arbeit, jenen "Streifzug durch die Märchen der Brüder Grimm", den Maar mit dem Vorsatz unternimmt, diese "so zu lesen, als wären sie neu". Abgesehen davon, dass der Anmerkungsapparat des Buches auch zu diesem Kapitel einige Sekundärliteratur anführt - es scheint kaum möglich, diesen Gegenstand heute kompetent zu behandeln, ohne die bereits1984 publizierte, grundlegende Studie von Robert Darnton zu diesem Thema mit heran zu ziehen (deutsch 1989 in Das große Katzenmassaker bei Hanser). Man gewinnt Naivität nicht dadurch zurück, dass man Wissen ignoriert, und wer vorgibt, etwas "als … neu" zu lesen, sollte nicht viereinhalb Seiten später - und ohne den Verfasser bei Namen zu nennen - Erich Fromms "Rotkäppchen"-Interpretation von 1951, die Darnton schon vor 19 Jahren schlüssig widerlegt hat, als "jüngere Lesart" referieren. Der Leser tut sich (und dem Autor) einen Gefallen, wenn er diesen Text überblättert - keineswegs versäumen sollte er jedoch den folgenden über "Das Spinnennetz im Pantheon": eine liebevolle Eloge auf einen amerikanischen Kinderbuchklassiker, der in Deutschland so gut wie unbekannt ist. Die Gebrüder Grimm liest man ohnehin - für den Hinweis auf Wilbur und Charlotte von E. B. White ist der Rezensent dem Kollegen Maar zu herzlichem Dank verpflichtet.

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