Die Geschichte des Herrn Casparis von Iso Camartin, 2008, Beck

Die Geschichte des Herrn Casparis.
Essays von Iso Camartin (2008, Beck).
Besprechung von Kurt Tetzeli aus der NRZ vom 2.6.2008:

Vom Behagen in einer unbehaglichen Welt

Gegen Träume, vor allem gegen solche, in denen das Wünschen noch hilft, verblassen alle Einsprüche der Wirklichkeit. Der Traum des Bildungsbürgers vom behaglichen Leben ist ein solcher. Mit dem Besten, was gedacht und geschrieben worden ist, gebunden in großen Ausgaben; mit Stilleben an den Wänden; mit dem Flügel im Salon kann ein privates Reich der Gedanken und Gefühle errichtet werden, das alle Verheerungen der Welt ausschließt. Dass dies ein Traum ist, ebenso verführerisch wie gefährlich, haben die großen bürgerlichen Literaten, ein Adalbert Stifter, ein Thomas Mann, in vielerlei Mischungen von Behagen und Unbehagen dargestellt.

Ein Akt erlebter Einsamkeit

Dass er auch heute noch geträumt wird, zeigen die 17 Geschichten, die Iso Camartin erzählen lässt. Camartin war und ist Philosoph, Literaturwissenschaftler, Kulturredakteur, Professor, Essayist, kurzum: ein Bildungsbürger im guten, weiten Sinne. Als neugieriges, dem Begehren kühn folgendes Individuum aber vermag er sich nicht auszusprechen. Er schafft sich eine Mittlerfigur - einen Bibliothekar. Diesem begegnet die Welt seinerseits nur vermittelt in Gestalt von Büchern, Bildern. Auch er kann seinen Gedanken, Gefühlen, Träumen nicht mehr frei Ausdruck verleihen. Nur mehr im Kleinen, in der traditionellen Form des tastenden Versuchs, in der Kürze und Unschlüssigkeit des Essays gelingt dies annähernd.

Dem entsprechen die Themen, über die der Bibliothekar Casparis grübelt: Auch dort, wo sie aus eigener Erfahrung hätten gewonnen werden können, im Falle etwa von Schmerz, Freiheit, Liebe, Glück, werden sie als durch die Kunst vermittelt bedacht, der Schmerz durch Sophokles und Shakespeare, die Liebe durch Mozarts Konzertarien. Kluges, ja Schwärmerisch-Begeisterndes weiß Herr Casparis hier zu sagen. Wer sich in Rebecca Horns magische Welten ("Herr Casparis findet eine Zwillingsschwester") oder in Schuberts Musik als die "hörbare Verkörperung des ewigen Ungenügens am Leben" ("Herr Casparis hört Schubert") einfühlsam einführen lassen will, wird Gefallen finden an dem, was Casparis zu sagen hat.
Sich selbst zu sagen hat! Denn Herr Casparis führt meist Selbstgespräche. Geplante Gespräche kommen nicht zustande ("Herr Casparis malt sich das Glück aus"), ein Liebesbrief wird geschrieben, aber nicht abgeschickt ("Herr Casparis entwirft einen Liebesbrief"). In seiner Kunst-Welt meditiert und schreibt er allein. Die Kunst ist dem Bildungsbürger und Essayisten als Gegenstand und Erfahrungswelt geblieben, Adressat seiner Nachdenklichkeiten ist er selbst. Solche Selbstbefriedigung ist - wie jede Art der Selbstbefriedigung - momentan lustvoll, letztendlich aber zutiefst melancholisch: ein Akt erlebter Einsamkeit. (NRZ)

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

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