Die Geschichte der Wolken von Hans Magnus Enzensberger, 2003, Suhrkamp1.) - 2.)

Die Geschichte der Wolken.
99 Meditationen von Hans Magnus Enzensberger (1960/2003, Suhrkamp).
Besprechung von Jens Dirksen aus der NRZ vom 27.06.2003:

Zwischen den Bürgerkriegen
99 Luft-Spaziergänge: Neue Lyrik von Hans Magnus Enzensberger.

In der intellektuellen Bundesliga ist Hans Magnus Enzensberger für den Denkanstoß zuständig. Als Essayist schreckt er auch vor Fouls nicht zurück, um sich vor den gegnerischen Toren Chancen zu erarbeiten. Einst zog er an Saddams Barthaaren den Vergleich mit Hitler herbei, und nun bekundete er kurz nach dem Irak-Krieg nicht etwa klammheimliche, sondern "triumphale Freude" über den Sturz Saddams - darüber, dass "eine dieser Figuren krepiert".

Ein bisschen Blut für Öl

Man merkt schon am Dröhnen der Worte, dass da einer seiner selbstgewählten Pflicht zur Sabotage gegen eingefahrene Denkschienen nachging. Enzensberger forderte in der "Frankfurter Allgemeinen" von den Gegnern des Irakkriegs nicht nur Dankbarkeit für die zügige Diktatorenbeseitigung, sondern auch noch das Einverständnis mit einer vollends moralbereinigten Politik. Wenn schon Krieg, dann auch Tote. Und wer "Kein Blut für Öl" ruft und trotzdem Benzin tankt, ist ein Pharisäer. Was zu Ende gedacht ja nur bedeutet: Jeder, der Auto fährt, seine Wohnung heizt und in den Urlaub fliegt, muss auch bereit sein, dafür Blut zu vergießen (das der anderen, versteht sich). Wenn das der Bundesverkehrsminister hört!

Aber derselbe Enzensberger, der die Recht-Gläubigen und Linksbleiber von außen angreift, tröstet sie als Wortbild-Jongleur mit der skeptischen Heiterkeit seiner Gedichte. Schon dem haarsträubenden Hitler-Vergleich folgte 1991 die luzide "Zukunftsmusik" in Versen, und nun lässt er "Die Geschiche der Wolken" an uns vorüberziehen. 99 Meditationen, wie es im Untertitel heißt: Merk- und Trostverse für das denkende Gemüt.

Es sind ironisch-weise, rücksichtslose Rückblicke eines 72-Jährigen, die manchen Schock der Erfahrung relativieren - und mit neuer Beißwut schockieren. Ja, es mehren sich die Arztbesuche und Beerdigungen in Enzensbergers Gedichten; aber einen Lyriker, der sich vor 45 Jahren als Verteidiger der Wölfe einen Dichternamen gemacht hat, stimmen sie nicht altersmilde, sie machen ihn souverän. Statt Hader und Streit verdichtet er Raum und Zeit - zu Pointen: "Über Fehler sind sie erhaben", heißt es im titelspendenden Zyklus über die Wolken - "Jede einzelne ist perfekt. / Kein Blitz, der dem andern gliche. / Und das alles ohne Gehirn!"

Ja, manch Seitenhieb ist auch dabei, auf alte Freunde wie Alfred Andersch etwa, dessen Vers-Devise "Empört euch, der Himmel ist blau!" eine gelassene Entgegnung findet: "Der blaue Himmel ist blau. /Damit ist alles gesagt / über den blauen Himmel". Selbst Banales wie Boris Beckers Besenkammerbeglückung bietet Enzensberger die Gelegenheit, Gesinnung durch Besinnung zu ersetzen. Knöpfe, Kirschen und die Kartoffel, die bei Rilke nicht vorkommt, treiben ihn zu Gedankenspaziergängen auf dem vertrauten Boden des Alltags, der immer das gleiche Muster hat, aber auch seine Fallen, Schlaglöcher, Heimtücken.

Schon der wohldurchdachte Umschlag dieses Buches ist ein Plädoyer für Vielschichtigkeit und Blickwinkel-Bewusstsein: Ein Kreis mit Rillen aus der Zeit, als Platten noch aus Vinyl waren; auf die durchsichtige Folie darüber ist noch so ein Kreis gedruckt - sobald sich Buch oder Betrachter bewegen, beginnts zu flimmern: Was immer das Auge da festgestellt hat, gerät ins Wanken.

Nicht bis zur letzten Patrone

Der Endlichkeits-Blues, der all diesen Versen auf dem Fuße folgt, ist aber mehr als ein mahnender Zeigefinger von Freund Hein. Er schärft nur den Blick dafür, dass wir zwischen den Bürgerkriegen leben, wie Enzensberger schon in seinem Jahrhundert-Essay über "Die große Wanderung" gezeigt hat - und dass die Unsicherheit, die das auslöst, nicht nur staats- sondern auch ichzersetzend ist. Und erst im Brechtschen Trotz setzt es sich wieder zusammen: "Ha, ich habe es vermieden, / bis zur letzten Patrone zu kämpfen. / Unterlassen habe ich es, / dem Penner die Bruderhand zu küssen / (...) / Wenn ihr könnt, verzeiht mir. // Oder ihr laßt es bleiben."

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

Leseprobe I Buchbestellung 1202 LYRIKwelt © Neue Ruhr/Rhein Zeitung

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Die Geschichte der Wolken von Hans Magnus Enzensberger, 2003, Suhrkamp2.)

Die Geschichte der Wolken.
99 Meditationen von Hans Magnus Enzensberger (1960/2003, Suhrkamp).
Besprechung von Jan Volker Röhnert aus der titel-magazin, 2003:

Das Ewige im Flüchtigen

Je te l'ai dit pour les nuages ...
– Paul Eluard
(Museum, S. 348)

Sowohl in seinem neuesten Gedichtband als auch in seinem legendären "Museum der modernen Poesie" zeigt Enzensberger auf einzigartige Weise, wie man in einer Zeit des Flüchtigen ein kleines Stück Ewigkeit bewahren kann.

Wer nach der Kenntnis des Titels glaubt, auf dem Umschlag des Hardcovers ein paar flüchtig ziehende Wolken abgebildet vorfinden zu müssen, dürfte erstaunt sein, stattdessen eine an Schallplattenvinyl erinnernde schwarze Scheibe mit oszillierenden Rillen darauf zu erblicken (später klärt uns eine Anmerkung auf, das es sich um die Graphik einer "Kreis-Struktur-Interferenz" von Ludwig Wilding handelt). Jedes Mal, wenn man das Buch zur Hand nimmt, jedes Mal, wenn man es wieder aus der Hand legt, grübelt man dieser enigmatischen Abbildung nach: ist sie ein Verweis auf den Charakter der hier versammelten Gedichte? 99 Meditationen – so apostrophiert sie Enzensberger im Untertitel. In der mittelalterlichen Mystik, so sagt mir das Lexikon, das ich konsultiere, bedeutete Meditation den Versuch, sich Klarheit über das Wesen Gottes zu verschaffen. Übersetzt in die Sprache unseres Säkulums dürfte das wohl heißen: sich Klarheit über die Dinge und Erscheinungen zu verschaffen, die einen umgeben. Denn genau über die Dinge unserer alltäglichen Wahrnehmung, die im Mittelalter ein breiter Konsens einer gottesgläubigen Christenheit trug, herrscht heute eben alles andere als Klarheit – wie soll man da überhaupt noch Gottes ansichtig werden?

Erst erfindet ihr Ihn,

dann versucht ihr

euch zu vertilgen,

wechselseitig,

in Seinem Namen,

und dann taucht auch noch

so ein armer Pfarrerssohn

aus Sachsen auf

und erklärt Ihn für tot.

Wen wundert's,

daß Sein Interesse

an solchen Wichtigtuern

sich in Grenzen hält?

Jetzt seid Ihr beleidigt,

nur weil Gott gähnt

und von euch absieht.

("Kleine Theodizee", S. 61)

Ich scheue mich, Enzensberger deshalb gleich als einen "Mystiker unseres Alltags" bezeichnen zu wollen. In der Tat sind seine Gedichte aber, so schlicht, scheinbar sachlich und kunstlos sie auch daherkommen mögen, von einem untrüglichen Gespür für – ja sagen wir es ruhig: Transzendenz. Und sei es die Abwesenheit von Transzendenz; denn seine Gedichte müssen nun einmal mit dem Material auskommen, das ihm unsere Gegenwart bietet. Wenn uns das, was früher Sinn oder Inhalt hieß, heute Abhanden gekommen ist, wie ein gleichnamiges Gedicht ausmalt, so kann der Dichter nurmehr die Farce einer Odyssee vortragen, deren Ende nicht mehr die Rückkehr zu Heimat und Vertrautheit ist, sondern immer wieder von neuem in Fremdheit und Verwirrung mündet:

Ja, die Odyssee! Früher, da konnte sie

mancher auswendig, allerwenigstens

ein paar Zeilen. Die chemische Reinigung

mit der Chinesin ist auch nicht mehr da.

Was hast du gesagt? Im Ohr

staubt der Preßlufthammer. Und wo

ist jetzt diese im schrägen Licht

wunderbar glitzernde Wolke?

Weg! Und du, meine Liebe?

Auf einmal bist du enttäuscht.

Vor einer Minute noch schien es,

als wärst du entzückt! Aber jetzt

winkt schon wieder eine Neuerscheinung

blutrot aus dem Schaufenster,

an dem du vorbeischwebst, in dem

gestern noch dieses Fußballspiel lief,

unentschieden.

(S. 13)

"Tirer l'éternel du fugitif" – aus dem Flüchtigen das Ewige zu ziehen – , das war einst Baudelaires Devise, der sich seine "Blumen des Bösen" verdanken, und für Enzensbergers neue Gedichte könnte entsprechend gelten, dass er uns zeigen will: neben dem Flüchtigen, der Pest unseres technologischen Zeitalters, gibt – oder bereits: gab? – es ja noch etwas anderes, das sie früher einmal das Ewige nannten. Aber Enzensberger ist viel zu subtil, um uns mit Moralepisteln zu verschrecken. Seine Gedichte sind alles andere als moralistisch (wenngleich sie eine Menge von Anregungen bieten, so scheinbar altväterliche Begriffe wie "Moral" neu zu überdenken), ebenso wenig haben sie es nötig, durch willkürlichen Avantgardismus der Form auffallen zu wollen – in dieser Hinsicht führen sie das 'disziplinierte Parlando' seiner letzten Gedichtbände fort – , sie sind, wenn diese Formulierung erlaubt sei, Gedichte von einer luziden, gelassenen Altersweisheit. Der Dichter dieses Bandes hat längst sein poetisches Universum abgesteckt, er ist einer der ganz wenigen Lyriker, der im kulturellen Gedächtnis der Nachkriegsdeutschen noch eine bescheidene Rolle spielen darf, und wenn er nun, im Alter, einen Kleinen Abgesang auf die Mobilität anstimmt, so ist das kein Rückzug vor den Zielen und Hoffnungen, für die er einst angetreten war, sondern die Heimkehr eines Umtriebigen in die Fülle des Erreichten:

Es war kalt in Bogotá.

Alle Restaurants hatten Ruhetag

in Mindelheim an der Mindel.

Auf Fidji strömender Regen.

Helsinki war ausgebucht.

In Turin streikte die Müllabfuhr.

Überall Straßensperren

in Bujambara. Die Stille

über den Dächern von Pécs

war der Panik nahe.

Noch am ehesten auszuhalten

war es unter dem Birnbaum

zu Hause.

(S. 72)

Welche Sprache unter diesem Birnbaum gesprochen wird, lässt Enzensberger offen. Ich nehme an, man ist dort, wie der Dichter selbst, polyglott.

Arból, albero, tree, arbre usw. – in einem guten Dutzend von Sprachen wird man das Wort für Baum – oder die Wörter für Wolken, Wasser, Wind ... – , blättert man sich durch sein im letzten Jahr neu aufgelegtes Museum der modernen Poesie hindurch, wiederfinden. So vielen Sprachen, so vielen Dichtern, so vielen Arten, einen Baum, oder Wolken, oder Amseln ... zu betrachten, kann man in dieser für die deutsche Poesie epochemachenden Anthologie nachgehen: immer wieder von neuem, blätternd, abschweifend, staunend, meditierend. Mit diesem Buch zeigte Enzensberger der deutschen Lyrik den Weg aus provinzieller Enge und hinterwäldlerischer Abgeschiedenheit; sein Erscheinen markiert den Anschluss deutscher Poesie an internationale Bestrebungen, ein Vorhaben, das später mit z.T. anders akzentuierten Anthologien von Höllerer, Brinkmann, Hartung oder Sartorius bis in die Gegenwart hinein fortgesetzt wurde. Museum – dieser Titel scheint heute einleuchtender zu sein, als er es damals gewesen sein mag. Dennoch war damit schon vorgegeben, was über vierzig Jahre später noch Die Geschichte der Wolken unterstreicht: Enzensbergers Absicht, das Bleibende, Beständige, Dauerhafte (nehmen wir "das Ewige" lieber nicht so häufig in den Mund ...) dem Flüchtigen, Vorübergehenden, Verschwindenden zu entreißen. Und so sollten die im Museum versammelten Gedichte eben nicht als 'historische' Trouvaillen gelesen werden, sondern als lebendiger Vorrat an Schreibweisen und Stilen, mit denen sich auch jedes heute geschriebene Gedicht auseinanderzusetzen hat, will es Gültigkeit über die Stunde seiner Entstehung hinaus beanspruchen.

Klaus Reichert sprach in seinem auf der diesjährigen Frühjahrstagung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Jena gehaltenen Vortrag "Das Menschenrecht auf Kultur" von der Tradition, die als Anregung und Stimulans für jede Gegenwart (und er meinte: gerade für unsere) unentbehrlich sei, weil sie so unendlich bereichernd wirke. Enzensbergers Gedichte, Übersetzungen und Herausgebertätigkeit dürften den besten Beweis für die Wahrheit dieser Aussage abgeben.

Bereits 1960 überschrieb Enzensberger einen der Abschnitte seines Museums mit Meditationen. Wir stoßen dort, zwischen Gedichten von Dylan Thomas und Paul Eluard, auf die Zeilen der "Elegie" des 1944 von Deutschen erschossenen Polen Krzysztof Kamil Baczynski (Übersetzung: Karl Dedecius):

Flüchtige Wolken, himmlische Segel, Freunde der Bäume

auf Weltraumfirsten

Der Kopf fällt tiefer in rauhe Hände, der schmerzerfüllte,

die Arme dürsten.

Der schwimmende Vogel unter euch ist mein Herz, die große

finstere Nelke.

Wie soll ich flüchten in goldne Wälder vor meiner Unruh,

Vögel – Gewölke. [...]

(S. 607)

Am Ende von Enzensbergers eigenem Gedichtband kehren die Wolken in die Poesie zurück – seine Meditationen haben endlich denjenigen allzu flüchtigen lyrischen Gegenstand entdeckt, der trotzdem nie veralten dürfte, solange noch Gedichte in die Welt gesetzt werden:

Der blaue Himmel ist blau.

Damit ist alles gesagt

über den blauen Himmel.

Dagegen diese fliegenden Bilderrätsel –

obwohl die Lösung immerfort wechselt,

kann sie ein jeder entziffern.

Unfaßbar sind sie in höheren Lagen,

nebulös. Und wie sanft

sie hinsterben! So schmerzlos

ist wenig hier. Die Wolken,

sie haben keine Angst, als wüßten sie,

daß sie immer wieder zur Welt kommen.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.titel-magazin.de]

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