Die Geschichte der Reta Winters.
Roman von Carol Shields (2005, Piper - Übertragung Margarete Längsfeld).
Besprechung von Ulrich Steinmetzger aus der NRZ vom 20.09.2005:

Die Zeit ist abgelaufen

Pulitzer-Preisträgerin Carol Shields letzter Roman liest sich leicht wie ein Strandbuch und besticht mit subversivem Unterton. 
E ine ganze Anzahl ihrer Freundinnen führt mit Leidenschaft Traumtagebücher. Eine hat ihr unlängst geschrieben, dass sie einen Fortsetzungskurs in Traumanalyse besucht hat und sich seither Traumdeuterin nennt. Nun schämt sich Reta Winters, weil sie von einem leeren Kühlschrank geträumt hat. Sie weiß, was das bedeutet, auch ohne an eine erlernte Alternativsprache glauben zu müssen. Es bedeutet nichts weiter, als dass sie bei der Versorgung der Ihren versagt haben könnte. So eine ist Reta Winters. Sie ist seit 20 Jahren zuständig für die Zubereitung von drei Mahlzeiten für die Individuen, mit denen sie zusammenlebt. Aktuell sind das ein Ehemann, zwei Töchter, ein Golden Retriever und eine nebenan wohnende Schwiegermutter.Eine wie Reta Winters kann keine so gut beschreiben wie die Kanadierin Carol Shields. Im amerikanischen Sprachraum weiß man das spätestens seit dem Beginn der 90er Jahre, als sie "Das Tagebuch der Daisy Goodwill" veröffentlichte. Sie bekam den Pulitzerpreis und war auch sonst extrem erfolgreich. In Europa hat sich schwerer herumgesprochen, dass auch ihr anderer großer Roman "Alles über Larry" ein potentielles Lieblingsbuch sein könnte, und zwar für Kritiker und Leser. Warum? Weil Carol Shields neckisch und mit ironischem Touch von ganz normalen Menschen erzählt in leichten Romanen, die so sehr wie Strandbücher daherkommen, dass man ihres subversiven Untertextes kaum gewahr wird. "Die Geschichte der Reta Winters" ist Carol Shields letzter Roman. Im Sommer 2003 ist sie 68-jährig an Brustkrebs gestorben. Kurz vorher hat sie das Buch abgeschlossen, und es ist ihr trotz allem so gut geraten wie die beiden anderen großen Romane auch. In keinem aber gibt sie soviel von sich preis, die fünffache Mutter und elffache Großmutter, die 46 Jahre mit dem gleichen Mann verheiratet war. Das ist so, weil und nicht obwohl mit Zuneigung und Wärme vom ganz normalen Leben gesprochen wird.

Die Wahrheit im Kleinen

Philip Roth oder Don DeLillo, heißt es im Buch, malen auf breiter Leinwand. Frauen müssen anders sein: Sie haben noch immer in kleinen Individuen nach universellen Wahrheiten zu suchen. Dies in ein "trickreiches Dogma" zu verwandeln, funktioniert nur gelegentlich und selten so gut wie bei Carol Shields.

Ihre Figur Reta Winters berichtet von ihrem Leben als Hausfrau. 43 ist sie in diesem Sommer des Jahres 2000 und sehr lange schon verheiratet mit dem Arzt der 5000-Seelen-Gemeinde Orangetown, eine Autostunde nördlich von Toronto. Das große Haus ist abgezahlt und sie lebt das Leben, das sie sich vor Jahren ausgesucht hat. Sie und ihr Mann sind in gegenseitiger Obhut und das ist gut so. Jeden Dienstagmorgen trifft sie sich mit den gleichen Freundinnen im Orange-Blossom-Teesalon, wo sie mit eng aneinander gesteckten Köpfen darüber reden, worüber Frauen über die 40 so reden. Daheim arbeitet Reta an Übersetzungen und Romanen. Das ist ihr Steckenpferd, wie Stricken oder Makramee für andere. "My Thyme Is Up" heißt eines ihrer erfolgreichen Bücher. Und wie in der Nussschale beinhaltet er Ritas Lebenskonflikt. Als "Mein Thymian ist aufgegangen", könnte man das übersetzen, aber eben auch als "Meine Zeit ist abgelaufen".

Der Verlust der Tochter, die als Bettlerin in die Fußgängerzone Torontos zieht, als Auslöser von Lebensfragen darf hier schließlich durchaus als Metapher für den Einbruch der tödlichen Krankheit ins Leben der Carol Shields gelesen werden. Ein trauriges Vermächtnis ist das Buch dennoch nicht geworden, sondern ein weises, nuanciertes, durchaus humorvolles, seine Humanität und Güte aus der unmittelbaren Umgebung beziehendes Finale. Und das ist ebenso bewundernswert wie das übrigens weit umfangreichere Werk der bemerkenswerten Autorin. (NRZ)  

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