Die Geschichte der Lucy Gault.
Roman von William Trevor (2003, Hoffmann & Campe - Übertragung Brigitte Jakobeit).
Besprechung von Angela Schader in Neue Züricher Zeitung vom 6.01.2004:

Still leben, stiller sterben
William Trevors «Geschichte der Lucy Gault»

Dass William Trevors «Lucy Gault» 2002 für den Booker Prize nominiert wurde, erstaunt ebenso wenig wie die Tatsache, dass am Ende ein anderer Roman das Rennen um den bedeutendsten britischen Literaturpreis machte. Zu zart und verhalten für eine immer lärmigere Gegenwart ist diese Geschichte vom Leiden an mehrheitlich unverschuldeten Verfehlungen, die nun auch deutschsprachigen Lesern zugänglich ist; sie zeigt Trevor als Erzähler im klassischen Stil, den der irische Romancier ebenso beherrscht wie das satirische oder sinistre Kolorit.

Lucy Gault, einziges Kind ihrer Eltern, ist ein sorgsam gehüteter Schatz; um das Töchterchen und das irische Landgut Lahardane kreist die Existenz des Ehepaars, nachdem Captain Gault wegen einer im Ersten Weltkrieg erlittenen Verletzung seine militärische Karriere vorzeitig abbrechen musste. Doch die Unruhen im Irland der frühen 1920er Jahre zerschlagen die Idylle; eines Morgens liegen die Hunde vergiftet im Hof, kurz darauf gelingt es Gault mit knapper Not, einen nächtlichen Brandanschlag auf das Gut abzuwehren. Der neunjährigen Lucy will man das Ausmass der Bedrohung verschweigen - um den Preis, dass sich das Kind in Unkenntnis der Tatsachen der geplanten Emigration nach England verstört und erbittert widersetzt.

Leise Töne

Der Zauber des zwischen Meer und waldigem Hang gelegenen, von einem weiten Halbrund blauer Hortensien abgeschirmten Landhauses vermittelt sich dem Leser ebenso unmerklich wie das eigenwillige Temperament des Kindes, das mit jeder Faser in dieser Welt wurzelt. Dass Lucy ihren Vater wohl im Innersten trifft, wenn sie in ihrer Verzweiflung darum bittet, mit dem Dienstbotenpaar in Irland bleiben zu dürfen, statt die Eltern zu begleiten, gehört zu den Dingen, die zu erkennen dem Gespür des Lesers überlassen ist; denn kein hartes Wort fällt auf Lahardane. Als das Mädchen dann kurz vor der Abreise verschwindet und ein unseliger Zufall die Vermutung nahelegt, es habe den Tod im Meer gefunden oder - so glaubt die Mutter im Stillen - sogar gesucht, haben Captain Gault und seine Frau nicht nur die Heimat, sondern ihren Halt im Leben verloren. Das Paar flüchtet sich nach Italien, schafft in einer Mietwohnung ein winziges Treibhaus für die ihm verbliebene Liebe, zwingt sich, in Kirchen und Museen Ablenkung zu suchen; aber Abend für Abend harren die beiden auf die Stunde, da man - drei Worte verraten die ganze Misere - «die erste Flasche Amarone» öffnen kann. «Wir tun so, als wären wir tot», bemerkt Captain Gault einmal; der einzige leise Protest in Jahren des Exils, während deren seine Frau an ihrer vermeintlichen Schuld langsam erstickt.

Lucy freilich lebt. Hat keineswegs sterben wollen, hat nicht einmal im Meer gebadet an jenem Tag, da man abends ein Kinderhemdchen im Treibholz am Ufer fand. Nur fortgelaufen ist sie, in kindlichem Trotz, und dabei im Wald verunfallt; erst Wochen später wird das beinah verhungerte Kind gefunden. Von den Eltern ist inzwischen schon jede Spur verloren; und wie die Mutter in der Ferne gibt auch das heranwachsende Mädchen auf Lahardane in aller Stille sein Gewissen dem Verlust und der Reue preis. Jahre vergehen im duldsam-beharrlichen Warten auf die Rückkehr der Eltern; eine Existenz, die sich wie ein Echo oder eine Prosa-Paraphrase auf Wordsworths berühmtes «Lucy»-Gedicht lesen lässt: She dwelt among the untrodden ways / Besides the springs of Dove / A maid whom there were none to praise / And very few to love.

Sie sei glücklich so - mehr als glücklich, behauptet Lucy; glücklich mit den Bienen, dem Apfelgarten, den Romanen im Bücherregal; mit dem Haushälterpaar und den gelegentlichen Besuchen des alten Pfarrers oder des Anwalts ihrer Eltern, der ohne grosses Aufheben für Lucys Versorgung aufkommt. Glücklich im Rahmen dessen, was ihr Gewissen ihr zugesteht: Die Hand eines jungen Mannes, den sie während eines Sommers lieben lernt, schlägt sie aus; einem andern, der vor Jahren half, das Unglück über die Familie zu bringen, wird sie in seinem verfinsterten Dasein beistehen.... Fortsetzung

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