Die Geschichte der Liebe von Nicole Krauss, 2005, Rowohlt

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Die Geschichte der Liebe.
Roman von Nicole Krauss (2005, Rowohlt - Übertragung Grete Osterwald).
Besprechung von Eva Manesse in DIE ZEIT, 13.10.2005:

Alma sucht das Glück
Nicole Krauss verliert sich im epischen Dickicht von Liebe, Literatur und Auschwitz

Jedes Buch hat einen Ursprung, einen Ausgangsort, ein erstes, starkes Movens. Im Fall von Nicole Krauss’ Roman Die Geschichte der Liebe ist es der drängende Wunsch, die eigene vertraute Welt mit jener anderen, fremden zu versöhnen, die für jedes Kind oder Enkelkind verfolgter Juden wie für jeden Nachkommen anderer, gewaltsam aus der ursprünglichen Heimat Vertriebener ein lebenslanges Faszinosum bleibt: die Vorher-Welt, dieses seltsame schwarze Loch, »aus dem wir kommen«, zu dem die Vorfahren eine so sentimentale wie schmerzerfüllte Beziehung haben, welche die Enkel weder teilen noch nachempfinden können, sosehr sie das auch wünschen. Die Katastrophe überbrücken, die eigene Herkunft begreifen, die abgeschnittenen Wurzeln paradox in sich selbst hinein verlängern – das steckt dahinter, wenn sich junge Menschen plötzlich aufmachen und nach Polen, Russland und in die Ukraine fahren oder, je nach Familiengeschichte, nach Ostpreußen, Schlesien oder ins ehemalige Sudetenland.

Dass jener Jonathan Safran Foer, der mit Alles ist erleuchtet den Erfolgsroman zum Thema osteuropäische Selbstvergewisserungsreisen vorlegte, inzwischen mit Nicole Krauss verheiratet ist, ist ein privater Zufall – eine generationeller ist es nicht. Denn auch andere Altersgenossen reisen neuerdings literarisch zu den Wurzeln. Ein Beispiel war Gary Shteyngart mit seinem Handbuch für den russischen Debütanten, der dabei, viel stärker noch als Foer, die Fallen von Kitsch und Drama durch ein schier unglaubliches Maß an Komik und Sarkasmus weiträumig zu vermeiden wusste. Weitere solcher Reise-in-die-Vergangenheit-Romane werden gewiss folgen.

In den USA wurde The History of Love ziemlich begeistert aufgenommen, mal im Vergleich zum Roman ihres Mannes, oft genug als wichtiges, eigenständiges Werk – und bei der Lektüre wird auch rasch klar, dass sie viel massiver auf das aus ist, wovon sich Foer, der einen jungen Schriftsteller gleichen Namens in die Ukraine schickte, durch ebendiese Konstruktion – junger Heutiger reist mit mäßigem Erkenntnisgewinn an die Orte des Gestern – zu distanzieren versuchte: die beiden Teile seiner Lebensgeschichte für ihren Protagonisten wieder zusammenzufügen, heil zu machen, über den Zivilisationsbruch Auschwitz hinweg.

Die eine von Krauss’ beiden Hauptfiguren ist Leo Gursky, ein schrulliger alter Jude aus dem weißrussischen Slonim, der in den vierziger Jahren als einziger seiner Familie der Schoah entging und seither in New York lebt. Er trauert bis ins hohe Alter seiner Jugendliebe Alma hinterher, die gegen die statistische Wahrscheinlichkeit nicht den Nazis zum Opfer fiel, sondern noch vor Leo nach Amerika fliehen konnte. In umgedrehter Romeo-und-Julia-Manier schließt sie, die auf der Schiffsreise über den Atlantik entdeckt, dass sie von Leo schwanger ist, die Möglichkeit seines Überlebens aus und heiratet, um ihrem Kind die Unehelichkeit zu ersparen, den Ersten, der ihr einen Antrag macht. Für und an Alma nun hat Leo noch in Slonim ein Buch geschrieben, eben Die Geschichte der Liebe. Das jiddische Manuskript vertraute Leo seinem Freund, einem gewissen Zvi Litvinoff, an. Auch Litvinoff, der mit dem Manuskript nach Spanien flüchtet, ist später, wie Alma, von Leos Tod überzeugt, übersetzt daraufhin das Buch ins Spanische und veröffentlicht es unter seinem eigenen Namen.

Und als wäre diese Geschichte noch nicht verschlungen genug, ist sie erst die eine Hälfte dieses Romans. Die andere Hälfte handelt vom Mädchen Alma, das seinen Namen nach der Hauptfigur des verschollenen Buches erhalten hat. Ihr Vater gehörte zu den wenigen, denen die Geschichte der Liebe irgendwann, kurz nach dem Krieg, in die Hände fiel, und weil Alma Halbwaise ist, weil ihre Mutter aus der Trauer um den Vater nicht mehr herausfindet und ihr kleiner Bruder Bird daran seelisch beinahe zugrunde geht, macht sie sich auf die Suche nach dem Vorbild dieser Alma in dem alten Buch, sozusagen als dem Gründungsmythos des verlorenen Familienglücks.

»Ein Werk der Erzählkunst ist es umso mehr, je weniger man durch eine Inhaltsangabe davon eine Vorstellung geben kann«, erklärte Heimito von Doderer, und das gilt durchaus für seine Romane, diese kunstvollen Teppiche aus geglückten und weniger geglückten »Storys«, die aber auf einzigartige Weise eine Zeit und eine Atmosphäre konservieren. Für Nicole Krauss gilt es nicht. Ihr Buch ist wie eine irrtümlich zum Druck beförderte erste Fassung, ein Wirrwarr aus Chronologie und Dramaturgie, das es dem Leser oft genug verdammt schwer macht, den Überblick zu behalten. Zugegeben, sie sprudelt schier über vor witzigen und anrührenden Ideen, sie zeichnet einige hinreißende Charaktere, vor allem Almas vernachlässigten Bruder, den armen, kleinen Bird, der sich für einen »lamed wownik«, einen der 36 Gerechten hält, nur um derentwillen, so glauben die Juden, Gott die Welt nicht schon längst hat untergehen lassen.

Doch das Unfrisierte, das Unbalancierte überwiegt. So überfrachtet sie, etwa den tragischen alten Gursky, mit unzähligen grotesken Eigenschaften und Erlebnissen, die seine Trauer und sein aus unerfüllter Liebe versäumtes Leben bald beinahe lächerlich wirken lassen. Die ganze Zvi-Litvinoff-Geschichte ist eine langatmige Volte zu viel, und ihre Auflösung (er hat das Buch für seines ausgegeben, um die Liebe seiner späteren Frau zu erringen) schon peinlich banal.

Schreiben, schreiben, schreiben, bis ans Ende aller Geschichten

Für einen guten Roman reicht es einfach nicht, einen solchen Stoff zu haben – auch die Anordnung des Stoffes, seine Struktur muss überzeugen. Doch davon weiß Nicole Krauss in ihrem kreativen Chaos nichts. Dass sie eher planlos vor sich hin schreibe und immer hoffe, der Plot gehe am Ende auf, hat sie in einem Interview sinngemäß gestanden – das ist eine entlarvende Bemerkung angesichts dieses Ergebnisses. Noch befremdlicher als die chaotische Struktur, die man als Jugendsünde entschuldigen könnte, ist das allzu offensichtliche Buhlen um ein Massenpublikum. Dafür wäre der Titel schon Beweis genug. Doch auch mit der Anzahl der aufgeworfenen Rätsel übertreibt Krauss um ein Vielfaches, in dem übereifrigen Verlangen, immer noch mehr Spannung aufzubauen. Dabei könnte ihr jeder Drehbuchschreiber sagen, dass die Spannung umso höher ist, je klarer ist, worum es eigentlich geht. In Die Geschichte der Liebe geht es um so vieles, dass bald vor allem spannend ist, wie die Autorin aus ihrem selbst gemachten Schlamassel wieder herauskommt.

Wird Leo Gursky je erfahren, dass Zvi Litvinoff ihn verraten hat?

Es geht um die verschlungenen Wege des Manuskripts, es geht um den verlorenen Sohn des Leo Gursky und die Frage, ob sich Vater und Sohn doch noch begegnen beziehungsweise ob der Sohn etwas von seinem richtigen Vater ahnt, es geht darum, ob Alma den wahren Schöpfer des Buches und damit ihre familiäre Erlösung findet, und darum, ob Leo Gursky sich mit der ersten Alma, seiner Liebe aus Slonim, postum noch versöhnen kann, indem er ihre Inkarnation, das Teenager-Mädchen Alma, kennen lernt. Und ob Leo Gursky je erfährt, dass sein verloren geglaubtes Buch unter fremdem Namen auf Spanisch veröffentlicht wurde. Dass ihn Litvinoff also verraten und verkauft hat.

Es ist alles viel zu viel, das Ende ist noch viel haarsträubender als der pittoresk ausgemalte Zvi-Litvinoff-Exkurs, und wer sich von der Flut der Figuren und Geheimnisse, von den ständig übereinander purzelnden, unverhofften Wendungen erst einmal erholt hat und auf die Substanz der Geschichten zurückblickt, wird ernüchtert feststellen: eine ganze Menge jüdischer Kitsch.

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Die Geschichte der Liebe von Nicole Krauss, 2005, Rowohlt2.)

Die Geschichte der Liebe.
Roman von Nicole Krauss (2005, Rowohlt - Übertragung Grete Osterwald).
Besprechung von Eva-Maria Vogel aus dem titel-magazin vom 2005:

Mehr als eine Liebesgeschichte
Bevor der Roman Die Geschichte der Liebe von Nicole Krauss in Deutschland überhaupt erschienen war, wurde in Hollywood bereits am Drehbuch zu „The History of Love“ gearbeitet: 2006 kommt die Geschichte um ein mysteriöses Manuskript in die Kinos.

Ein Manuskript als Zeichen der Liebe

Im zweiten Roman von Nicole Krauss spielt „Die Geschichte der Liebe“ im Leben verschiedener Personen aus ganz unterschiedlichen Gründen eine wichtige Rolle. Leopold Gursky hat das Buch vor dem Zweiten Weltkrieg in Polen in jiddischer Sprache als Zeichen seiner Liebe zu Alma Mereminski geschrieben. Die Liebe zwischen Leopold und Alma endete bereits in jungen Jahren unglücklich, da Alma im Zweiten Weltkrieg von ihrem Vater nach Amerika geschickt wurde und dort mit einem anderen Mann eine Familie gründete. Allerdings ging aus der Liebe zu Leopold kurz nach der Trennung ein Sohn namens Isaac hervor. Veröffentlicht wurde „Die Geschichte der Liebe“ seltsamerweise in spanischer Sprache unter dem Namen des Schriftstellers Zvi Litvinoff.

Sechzig Jahre später macht sich die vierzehnjährige Alma Singer nach dem Tod ihres Vaters auf die Suche nach dem Autor des Buches, dem sie ihren Vornamen zu verdanken hat. Ihre Eltern haben sie nach der Figur in Zvi Litvinoffs Roman benannt, da das Buch für die beiden ein Zeichen ihrer innigen Verbundenheit und Zuneigung war.

Leopold und Alma

Die Geschichten der verschiedenen Personen verlaufen parallel, aber sind durch Die Geschichte der Liebe enger miteinander verbunden, als man anfangs ahnen kann. Im häufigen Wechsel wird aus den verschiedenen Perspektiven erzählt, wobei die Geschichten des über achtzigjährigen Leopold Gursky, der jeden Tag damit rechnet, das es sein letzter ist, und der neugierigen, kämpferischen Alma Singer im Mittelpunkt stehen. Leopold und Alma bilden das zentrale Gegensatzpaar des Romans: Während der alte Mann in der Vergangenheit lebt, phantasiert und bereits am Ende seines Lebens steht, blüht die junge Alma gerade erst auf und blickt mit Klarheit in die Zukunft. Atmosphärisch gewinnt der Roman durch diesen Gegensatz einen besonderen Reiz. Die beiden brauchen sich gegenseitig, um Antworten auf ihre Fragen zu finden.

Literatur, Kunst und Judentum

Thematisch ist der Roman sehr vielseitig: Die wahre Liebe wird als unbedingt und unersetzlich dargestellt, steht aber in enger Verbindung mit Suche und Verlust. Literatur und Kunst sind ebenso wie das Judentum immer wieder auftretende Themen. Diese Themen sind auch prägend im Leben der Autorin Nicole Krauss: Durch die Auseinandersetzung mit dem Judentum beschäftigt sich Krauss mit ihren jüdischen Wurzeln. Ihre Großeltern waren Juden und einige ihrer jüdischen Familienangehörigen kamen im Holocaust um. Viele jiddische Wörter sind in den Text eingeflochten und Wissenswertes über jüdische Traditionen fließt wie beiläufig über Alma Singers kleinen Bruder Bird, der überzeugt ist, ein lamed wownik, eine Art Messias, zu sein. Über den Kunstmaler Rembrandt, der eine wichtige Rolle im Leben von Alma Singers Onkel Julian spielt, hat Krauss ihre Abschlussarbeit in Kunstgeschichte geschrieben. Bücher, Geschichten und Schriftstellerei sind Themen, die sich durch den ganzen Roman ziehen und große Bedeutung im Leben der Autorin selbst haben, die Literatur studiert hat und Gedichte und Romane schreibt.

Insgesamt ist Krauss ein spannender, abwechslungsreicher Roman mit sowohl ernsten Themen als auch witzigen Szenen gelungen. Es macht Spaß, ihr beim Springen zwischen den Perspektiven immer dicht auf den Fersen zu bleiben und mit ihr die verschlungenen Wege der Geschichte der Liebe zu verfolgen.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter TitelMagazin]

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