Die Geschichte eines lächerlichen Mannes von Walter Wippersberg, 2000, Otto-Müller-Verlag1.) - 2.)

Die Geschichte eines lächerlichen Mannes.
Roman von Walter Wippersberg (2000, Otto-Müller-Verlag).
Besprechung von Michael Amon :

Eine sehr präzise, ungemein genaue Darstellung der inneren Vorgänge in Parteistrukturen. Man würde dem Buch aber nicht gerecht werden, wenn man es auf diese Dimension reduzieren würde. Wippersberg zeigt die Häutungen und Wendungen, die ein Mensch auf sich nimmt, um ein Ziel zu erreichen. Er zeigt die notwendigerweise auftretenden Brüche in einer Biographie - und er beschreibt damit einen Menschen, den es in allen Parteien gibt, den wir aber auch auf allen Sprossen der Karriereleitern von privatwirtschaftlichen Unternehmen finden. Natürlich ist das auch ein Buch über die SPÖ - Betonung aber auf "auch". Spannend und erfreulich "lesbar".

Weinempfehlung:
Ein blaßroter Säuerling von wo auch immer oder ein ausgezehrter Altwein, der Farbe und Geschmack verloren hat ...

Plattenempfehlung:
Ronnie Lane: April Fool. CD New Millenium Communications, Pilot 20

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Die Geschichte eines lächerlichen Mannes von Walter Wippersberg, 2000, Otto-Müller-Verlag2.)

Die Geschichte eines lächerlichen Mannes.
Roman von Walter Wippersberg (2000, Otto-Müller-Verlag).
Besprechung von Jakob Herdt aus Rezensionen-online *LuK*:

Ein Zeitalter wird besichtigt
Walter Wippersbers "Lächerlicher Mann"

Ein Mann, der es fast geschafft hat, erhält nächtlichen Besuch. Der ihn heimsucht und mit vagen Andeutungen irritiert, steht sozial weit unter dem Erfolgreichen, der doch bald ahnt, daß jetzt das Unheil in sein sorgsam geplantes Leben, in seine zielsicher verfolgte Karriere, in seine noble Villa eingedrungen ist. Ein heruntergekommener Trunkenbold – wie könnte der die Existenz eines Mannes gefährden, der sich gerade anschickt, für das Amt des Bürgermeisters einer österreichischen Landeshauptstadt zu kandidieren? Die Konstellation von Walter Wippersbergs »Geschichte eines lächerlichen Mannes« ist von abgefeimter Ironie. Sie klingt von ferne an die große Tragödie an, aber diese verwirklicht sich im gefälschten Leben bekanntlich zumeist nur als Farce.

Man hat sich angewöhnt, Walter Wippersberg als den handwerklich perfektesten Vertreter eines Genres zu rühmen, für das es in Österreich wenig Tradition gibt, des Polit-Thrillers. Und an dieser Einschätzung ist auch was dran. Denn mit den in den letzten drei Jahren erschienenen Romanen »Die Irren und die Mörder« und »Ein nützlicher Idiot« hat er in diesem Genre tatsächlich Maßstäbe gesetzt. Das sind intelligent gebaute, zügig erzählte, souverän mit filmischer Schnittechnik arbeitende politische Kriminalromane, an denen nur eines stört: daß sie für ein großes Publikum geschrieben sind, das sie aufgrund der Entwicklungen auf dem deutschsprachigen, zumal dem österreichischen Literaturmarkt doch nicht erreichen. Der alltägliche Rechtsextremismus, die politische Verwahrlosung der wohlanständigen Leute, der aufhaltsame Aufstieg einer rechten Bewegung, wie Wippersberg das in den ersten beiden Bänden seiner Österreich-Trilogie dargestellt hat, das hat ihm zurecht viel Lob bei der literarischen Kritik eingetragen; zur Verfilmung, die sich bei beiden Romanen nachgerade aufzudrängen scheint, und zur auflagenstarken Taschenbuch-Ausgabe ist es trotzdem noch nicht gekommen.

Mit der »Geschichte eines lächerlichen Mannes« setzt Wippersberg seine beiden politischen Romane, die das rechte Milieu ausleuchten, mit einem politischen Roman fort, dessen gebrochener Held ein sozialdemokratischer Spitzenfunktionär ist. Doch erweist sich, und auch das ist ein Zeichen für Wippersbergs boshafte Ironie, daß gerade jener Roman, der sich die österreichische Sozialdemokratie vornimmt, ein echtes bürgerliches Lehrstück ist. Denn was Wippersberg, der Thriller-Autor, jetzt vorlegt, das ist die psychologische Studie eines Politikers, der gar nicht so hehre sozialistische Phrasen im Mund führen kann, daß er nicht doch als Ausbund bürgerlicher Ängste und Zwangsvorstellungen kenntlich würde. Just indem er aller Ehren teilhaftig wird, gesellschaftlichen Rang, Wohlstand, Einfluß gewinnt, wird seine Lächerlichkeit offenkundig. Wippersbergs neuer Roman steht in einem anderen literarischen Koordinatensystem als die beiden anderen Bände der Trilogie; man denkt an einen Autor wie Italo Svevo, wenn man die Unerbittlichkeit sieht, mit der sich hier die seelischen Abgründe eines lächerlichen, aber nicht rundweg unsympathischen Helden auftun.

Martin Roller hat sich hochgedient in hunderten vertraulichen Parteisitzungen und hunderten Auftritten im Bierzelt, jetzt ist er Vorstand von vierzehn Vereinen, nach allen Seiten hin abgesichert und soll Bürgermeister werden – und steht doch schon fast am Ende. Denn der verwahrloste Mann, der ihn besucht, weiß offenbar etwas aus Rollers Vergangenheit. Aber was? »Wovon mochte er gesprochen, worauf mochte er angespielt haben? Gab es vielleicht, Roller hielt es in diesem Augenblick für möglich, tatsächlich irgendetwas, woran er sich nicht mehr erinnerte? Die Angst war plötzlich wieder da.« Diese Angst, von der eine Stütze der Gesellschaft zerfressen wird, ist für uns komisch und erschütternd zugleich. Denn was die nebulosen Anschuldigungen in Roller bewirken, das ist der Zerfall seiner Persönlichkeit.

Eine aberwitzige Konstellation: ein honoriger Mann weiß nicht, womit er eigentlich erpreßt wird, und sucht folglich zunehmend panisch in seiner Vergangenheit nach jenen Fehltritten, die ihm womöglich zum Verhängnis werden könnten. Im Laufe einer ordentlichen Opportunistenkarriere kommt da schon einiges zusammen, und Wippersberg nutzt die Selbstbefragung Rollers denn auch zu einem beißend satirischen Porträt der Sozialdemokratie; einer Partei, die in dem Aufsteiger Roller personifiziert erscheint, der nicht gerade ein grundschlechter, aber im jahrzehntelangen Umgang mit der Macht moralisch vollständig korrumpierter Mensch ist.

Ein politischer Roman? Ja, auch das. Aber die Seelengeschichte des lächerlichen Mannes bietet mehr. Stimmt schon, in Roller wird die ganze Fragwürdigkeit der Sozialdemokratie kenntlich, und in der Fragwürdigkeit der Sozialdemokratie die Fragwürdigkeit Österreichs. Doch wird dieser Roller, so konkret und satirisch er gezeichnet wird, nach und nach als geradezu universelle Figur gezeigt, und was Wippersberg mit ihr im Zentrum vorgelegt hat, ist nichts Geringeres als ein beklemmendes Bild von der Brüchigkeit männlicher Identität.

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