Die Geliebte des Gelaterie von Daniel Zahno, 2009, WeissbooksDie Geliebte des Gelaterie.
Roman von Daniel Zahno (2009, Weissbooks).
Besprechung von Frank Schorneck aus dem titel-magazin, 10.8.2009:

Geleckt und nicht gebissen
Der erste Roman des Autors Daniel Zahno, der bereits durch seine Kurzgeschichten („Doktor Turban“) oder Stilspielereien („Im Hundumdrehen“) von sich reden machte, ist eine sehr ruhige, unaufgeregte Liebesgeschichte traditioneller Prägung.

Die Geliebte des Gelatiere spielt in Venedig, wo der Ich-Erzähler Alvise als Sohn eines Vaporetto-Bootsführers aufwächst. Das schüchterne Einzelkind wird in der Schule neben ein amerikanisches Mädchen gesetzt, das, als zaghafte Annäherungen beginnen, unvermittelt mit den Eltern wieder zurück in die USA zieht. Noemi wird fortan Alvises Traum- und Idealbild eines Mädchens, einer Frau sein, das gemeinsame Eisschlecken als Schlüsselerlebnis seine sinnliche Entwicklung prägen. Sein Geld verdient er sich schon als Schüler nebenbei in einer Eisdiele. Als sich Alvise später die Gelegenheit bietet, aus einer sicheren Anstellung als Archivar heraus eine Gelateria zu übernehmen, zögert er nur kurz. Sein Gespür für Eiskreationen ist legendär, sein Eis gewinnt Auszeichnungen, die Gelateria ist eine wahre Goldgrube. Doch auch, wenn er mit seinen Gaumenschmeichlern die Kundinnen und Kunden glücklich macht, in Bezug auf Liebesdinge fehlt Alvise die glückliche Hand. Eine schwere Viruserkrankung, die ihn nah an die Schwelle zum Tod führt, lässt ihn noch einmal ein großes Wagnis angehen und Noemi in Amerika suchen.

Zart schmelzende Urlaubslektüre

Für Daniel Zahno erscheint dieser Roman auf den ersten Blick sehr konventionell, die Story wagt eine große Annäherung an den Kitsch. Ein wenig ist er wie Alvises Lieblings-Eissorte: Fern von Exotik und Innovation, ein Klassiker – und dennoch in einer guten Eisdiele bei Verwendung bester Zutaten ein Genuss. Und wer die Prosa genüsslich auf der Zunge zergehen lässt, schmeckt nach und nach einige weitere Nuancen heraus.

Zahno vergleicht das Schreiben mit dem Eismachen. Es kommt auf die richtigen Ingredienzien an, aber auch auf die richtige Menge Luft, die dem Produkt beigemischt wird. Kremig und luftig wird so jede Seite zu einem Genuss. Vor diesem Hintergrund liest sich auch die Passage über die „Coppa d’Oro“, jene Auszeichnung, die Alvise mit einem Honig-Safran-Eis mit in Rotwein gedünsteten Pfirsichschnitzen erlangt, wie eine Parabel auf den Literaturbetrieb. Eine Weile nach der Preisvergabe erscheint ein erster Verriss der Eiskomposition, der im Laufe der Zeit von immer weiteren Redaktionen abgeschrieben und dabei stets weiter verfälscht wird…

Daniel Zahnos Buch ist ein zart schmelzender Sommerroman, eine Urlaubslektüre nicht nur Italien- und Venedig-Fans, sondern vor allem für jene, die es genießen, ein Eis mit der Zunge zu erkunden und sich ganz dem Geschmack hinzugeben – denn „Beißer sind Barbaren“, wie Alvise schon als Kind zu urteilen weiß.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter TitelMagazin]

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