Die geheimnisvolle Flamme der Königin Loana von Umberto Eco, 2004, HanserDie geheimnisvolle Flamme der Königin Loana.
Roman von Umberto Eco (2004, Hanser - Übertragung Burkhart Krober
).
Besprechung von Ulrich Steinmetzger aus der NRZ vom 13.12.2004:

Es ist Wort, nicht Fleisch
"Die geheimnisvolle Flamme der Königin Loana": Über den neuen Roman von Umberto Eco, Leselust und Gedächtnisverlust.

Von den leidenschaftlich hermetischen Gelehrten unterscheidet sich Umberto Eco aus Prinzip. Mit wissendem Draufblick äußert er sich noch zum Nebensächlichsten, man muss ihn mögen dafür. Nicht umsonst zählt der Semiotik-Professor aus Bologna seit einem Vierteljahrhundert zu den populärsten Autoren der Welt. "Der Name der Rose" stand am Beginn solcher Popularität. Professoren- und Unterhaltungsroman hatten sich getroffen, im neuen Maßstab.

Menschengeschick schinkendick

Fortan hat der italienische Großschriftsteller seine sehr eigene Roman-Economie entwickelt, die allzu gern den Leser vergaß, indem sie ausführlich gegen das erste Gebot guten Erzählens verstieß: Du sollst nicht langweilen. Die Historienpanoramen der schinkendicken Bücher wurden immer opulenter, die Figuren hatten herzusagen, was ihr Autor wusste, und stolperten blutarm durch ferne Szenerien. Die Leser stolperten hinterher.

Sein fünfter Roman beginnt mit einem klassischen Motiv: Gedächtnisverlust. Bald sind zwei Frauen zur Stelle, eine interessanter als die andere. Zwischen ihnen wird sich Giambattista Bodoni, den alle Yambo nennen, entscheiden müssen. Wir sind gespannt, denn dieses dicke Buch liest sich gut, am Anfang. Yambo erwacht aus dem Koma. Kafka kann er aus dem Stand zitieren, wie er heißt, weiß er nicht mehr. Auch nicht dass er eine Frau hat, Kinder und Enkel. Und eine schöne Gehilfin in seinem Antiquariat, von der er sich erzählen lässt, dass er es betreibt.

Es ist der 25. April 1991, die Erinnerungsarbeit muss beginnen und die Entwirrung der Gefühle auch. Wohin wird er sich wenden? Der Arzt hatte gewarnt, man könne seine Vergangenheit auch erfinden. Fest steht: 1931 ist er geboren, in Literaturwissenschaften hat er promoviert, gefühlig war er bei kleinen und zynisch bei großen Sachen, seine Erfolge hatte er und seine Affären. Mailand heißt die Stadt, Sibilla das Mädchen für alles im Bücherladen. Und Paola heißt die Ehefrau, die ihm den Sex zurückbringt und auf Seite 85 eine Idee hat.

Mit dieser Idee ist das Buch zu Ende, und ein anderes beginnt, das auf der Stelle tritt, lang und staubig. Sie ist der Dachboden des Landhauses im piemontesischen Solara, wo er geboren ist und wohin Paola ihn geschickt hat, damit er sich wiederfindet. Hier oben hat sein Großvater die Dokumente des Enkel-Heranwachsen vor dem Mäusezahn der Zeit versteckt. Yambo findet sie und sich sofort zurecht, damit Eco wieder Eco sein kann. Gemeinsam kauern sie vor den Papieren ihrer Generation und suchen nach der verlorenen Zeit.

Hier ist ein Paradies der Bibliophilen. Bilderbücher und Comics, Briefmarken und Propagandaplakate, Shellack und Schauerromane, Schulaufsätze und Zeitungen, Pinocchio und Zarah Leander, Buffalo Bill und Superman. Ritter, Folter, Herz und Schmerz. Bilder wie Spiegel im Spiegel im Spiegel.

Faschismus aus dem Nebel

Eine große Rückrufaktion beginnt. Sie gilt nicht mehr Yambo, sondern seinem ganzen Jahrgang. Weil das ein illustrierter Roman ist, sind die Dokumente schön anzuschauen. Mit dem Lesen ist das eine andere Sache. Es zieht sich, weil es keine Handlung mehr gibt vor lauter gedruckten Zeugen, die eine Kindheit im Faschismus aus dem Nebel ziehen. Die titelgebende Flamme ist die der Erinnerung. Das Fazit steht im Buch: "Es ist Wort, nicht Fleisch". Schade. (NRZ)

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

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