Die geheimen Stunden von Hanns-Josef Ortheil, 2005, Luchterhand1.) - 2.)

Die geheimen Stunden der Nacht.
Roman von Hanns-Josef Ortheil (2005, Luchterhand).
Besprechung von Rainer Moritz in Neue Zürcher Zeitung vom 20.9.2005:

Intime Passionen
Hanns-Josef Ortheils Roman einer Verlegerfamilie

Richtige Verleger erkennt man daran, dass sie die Kunst des Jammerns meisterhaft beherrschen. Ungeachtet dessen, wie es wirklich um ihre Bilanzen bestellt ist, neigen sie dazu, über Gott und die Welt zu klagen: über fehlende Leser, ausbleibende Anzeigen, stumpfsinnige Buchhändler, nervende Schriftsteller, unfähige Kritiker, steigende Papierpreise oder geldgierige Literaturagentinnen. Ein Grund findet sich immer, den Niedergang des Buches zu prognostizieren, und dennoch lassen sich kraftvolle Verlegerpersönlichkeiten nicht davon abhalten, hinter der Fassade des leidenden Geschäftsmannes energisch den nächsten Büchercoup vorzubereiten.

Vater-Sohn-Konflikt

Hanns-Josef Ortheil kennt dieses Gewerbe gut: Seit 1979 veröffentlicht er Prosa; er unterrichtet Nachwuchsautoren an der Universität Hildesheim, und seine Frau leitet einen alteingesessenen Verlag in Stuttgart. Vor diesem Hintergrund wundert es nicht, dass er die Verlagsbranche, die in Fernsehfilmen meistens in hanebüchener Ignoranz dargestellt wird, für sein neues Buch, einen breit angelegten Generationen- und Familienroman, aufgreift. «Die geheimen Stunden der Nacht» ist nicht der erste Roman über dieses Metier. Alle Jahre wieder, pünktlich zur Frankfurter Buchmesse, lässt sich die Branche allzu gerne von «Schlüsselromanen» (wie «Abstieg vom Zauberberg» 1997) aufwühlen, von oft flachen, ressentimentgesättigten Werken, für die sich ausserhalb der Branche kaum jemand interessiert.

Ortheils Roman gehört nicht in dieses Genre. Natürlich lädt sein Figurenarsenal zu Spekulationen ein, und natürlich lassen sich Parallelen ziehen zu dem, was in den vergangenen Jahren Verlage wie Dumont, Holtzbrinck oder Suhrkamp bewegte. So amüsant solche Interna sein mögen und so freudig sich einige Branchenhechte bereits jetzt in diesem Buch wiedererkennen, obschon sie schwerlich gemeint sind: «Die geheimen Stunden der Nacht» ist vor allem ein psychologisch dichter, traditionell erzählter, unterhaltsamer Roman, der einen Vater-Sohn-Konflikt ins Zentrum rückt und Lebensentwürfe der jüngeren deutschen Vergangenheit miteinander vergleicht.

Georg von Heuken, mit Anfang fünfzig fast so alt wie sein Autor, leitet den auf Belletristik, Reiseführer und Kunstbände spezialisierten Kölner Verlag Caspar & Cuypers, Teil der mächtigen Heuken-Gruppe. An deren Spitze thront Altverleger Reinhard von Heuken, der, da er das Heft partout nicht aus der Hand geben will, eine Nachfolgeregelung hinausschiebt – und eines Tages im Kölner Dom-Hotel zusammenbricht und dem Tod nur knapp entrinnt. Als Sohn Georg mit dieser Nachricht konfrontiert wird, wittert er seine Chance und ist sicher, dass er – und nicht seine Geschwister – bald die Geschicke des Imperiums leiten wird.

Hanns-Josef Ortheil ist ein erfahrener Romancier, der weiss, wie man Handlungsstränge zusammenführt und Spannung aufbaut. Während Vater Reinhard auf der Intensivstation liegt, versucht Sohn Georg die Kontrolle im Verlag zu übernehmen. Doch wie es sich für einen gut gestrickten Familienroman gehört, bleiben Konflikte nicht aus: Sowohl sein alerter Bruder als auch seine soignierte Schwester melden Ansprüche an, und Letzterer obliegt es schliesslich, das Zünglein an der Waage zu spielen. Gleichzeitig geht es Georg darum, dem Geheimnis seines Vaters auf die Spur zu kommen. Was trieb ihn dazu, eine Hotelsuite anzumieten? Was führte ihn nächtens in «Sir Peter Ustinov's Bar» (die korrekt natürlich «Sir Peter's Bar» heissen müsste)?

Ein Abgesang

Manches in Ortheils Saga nähert sich der Kolportage, insbesondere wenn es um die schönen Wesen geht, die zu mächtigen Verlegergestalten emporblicken. Dass Vater und Sohn sich um dieselbe Frau bemühen, soll – nicht nur in der Buchbranche – vorkommen, doch diesen Hahnenkampf zur Schlusspointe gemacht zu haben, ist nicht der stärkste Part des Romans. Reizvoller ist es, wenn Ortheil die Charaktere seiner Protagonisten aus ihren unterschiedlichen Lebenserfahrungen erklärt. Während Reinhard seine Energie daraus schöpft, den Krieg überstanden zu haben, leidet sein Sohn darunter, dass er sich nie beweisen durfte: «Eine so starke Rolle wie Vater kann er nicht spielen, er ist ein ganz anderer Typ, vor allem aber ist er ein Mann, dem man noch keine Gelegenheit gegeben hat, zu seiner Höchstform aufzulaufen.»

Unterschwellig spricht Ortheil an dieser Stelle von sich und jenen Autoren, die man gewöhnlich als die der «mittleren Generation» bezeichnet. Während allein Haudegen wie Grass oder Enzensberger ausserhalb des Feuilletons auf Resonanz hoffen dürfen, bleibt der «78er Generation» (Matthias Politycki) der heute etwa 50-Jährigen der Aufstieg zum (Meinungs-)Gipfel verwehrt. Gegenpol dieser machtbewussten Männer, die sich wie Georg von Heuken zu kurz gekommen fühlen, ist im Roman die einzige Figur, für die es evident einen «Schlüssel» gibt: der Schriftsteller Wilhelm Hanggartner. Dieser ist bis in Einzelheiten hinein dem Vorbild Martin Walsers nachgebildet. Der alternde Schriftsteller, der seine Umgebung emotional ausbeutet, sich als «deutscher Proust» fühlt und jeden seiner Gedanken für Literatur hält, kommt nicht umhin, die Herausgabe seiner Tagebücher – die «Intimen Passionen» – vorzubereiten, und gibt dabei ein recht erbärmliches Bild ab.

Wer Martin Walser nicht schätzt, wird an diesem nicht weichgezeichneten Porträt eines Egomanen seine Freude haben. Doch die Hanggartner-Szenen wirken gerade wegen ihrer übergrossen Kenntlichkeit als Fremdkörper, die den Roman dorthin schieben, wo er nicht hinwollte. Ortheils Darstellung des Verlagsalltags lebt ohnehin davon, dass er einen patriarchalisch geführten Konzern zum Schauplatz wählt. Das verleiht den Szenen, die Verlagskonferenzen beschreiben, Originalität und erlaubt manchen Seitenhieb auf junge Literaten, für die das «erste Nutella-Brot» ein Erweckungserlebnis darstelle.

Im Gegenzug haftet diesen Runden auch Altväterliches an – als walte im Heuken-Konzern noch ein Geist, der die Veränderungen der Branche ignoriert und trotzdem fettschwarze Zahlen schreibt. So gesehen, ist «Die geheimen Stunden der Nacht» ein Abgesang auf die gute alte Zeit, als es nicht zuerst um «Zielkundenwerbung» ging und als in den Büros nach Gutsherrenart getrunken und regiert wurde. Ob «Jungverleger» Georg von Heuken einer sein wird, der die Fussstapfen des übermächtigen Vaters ausfüllen wird, bleibt offen. Seine Idee, den altgedienten Hanggartner-Lektor Bayermann zum Verlagsleiter zu machen, spricht nicht dafür.

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Die geheimen Stunden von Hanns-Josef Ortheil, 2005, Luchterhand2.)

Die geheimen Stunden der Nacht.
Roman von Hanns-Josef Ortheil (2005, Luchterhand).
Besprechung von Markus Thiel aus dem Münchner Merkur, 3.11.2005:

Erbfolgekrieg
Ortheils Roman über die Literaturbranche

Von den großen Umwälzungen, von den international gefräßigen Imperien ist dieser Familienverlag verschont geblieben. Obgleich sich im blitzenden Neubau des Unternehmens schon die neue Zeit ankündigt, während Chef Reinhard von Heuken noch nach guter alter Schule und unter Köpfung mancher Weinflasche mit seinen Edelfedern verkehrt. Doch jetzt liegt der Kölner Patriarch mit zweitem Infarkt samt schlechter Prognose in der Klinik, sodass sich die Familie zum Erbfolgekrieg rüstet.

Eines hat Hanns-Josef Ortheil mit seinem aktuellen Roman "Die geheimen Stunden der Nacht" erreicht: Für Kenner des Literaturbetriebs veranstaltet er ein lustiges Rätselraten. Wem gleicht also der trinkfeste Konzernleiter? Dem alten Ernst  Rowohlt?

Beschwingtes Familienepos

Und wem der selbstverliebte, Wort- und Gedankenhülsen absondernde Autor Hanggartner, den keiner mag, der aber das meiste Geld bringt? Gar Martin Walser?
Für den gemeinen Leser bietet sich immerhin ein Familienroman, der von Generationen- und Lebensentwürfen erzählt, von einem Vater-Sohn-Konflikt, von später Selbstverwirklichung und dabei romantisch-moralisch (v)erklärt: Vorsicht, neben der Arbeit muss es ja noch was anderes geben.

Drei Kinder geraten im Nachfolgezwist aneinander, vor allem die beiden Söhne Georg und Christoph, nachdem Schwester Ursula abgewunken hat. Ortheil schildert alles aus Georgs Sicht und schickt den Sohnemann auf eine Entdeckungsreise in des Vaters geheimes, letztlich gar nicht so aufregendes Zweitleben. Georg, der Älteste und Empfindsame, erlebt die bedrohliche Krankheit des Vaters als Katalysator für das eigene Schicksal. Eine andere Frau tritt da auf einmal in den Alltag des Familienvaters, neue, kulturelle Interessen werden geweckt. Und am Horizont zeichnet sich ab, dass da ein guter, allem und jedem aufgeschlossener Verleger heranwächst - obwohl die Sache im Roman dann doch anders als erwartet und merkwürdig luftleer ausgeht.

"Die geheimen Stunden der Nacht" ist ein beschwingt geschriebenes Familienepos, dessen Seitenhiebe auf das Verlagsgeschäft indes kaum Wirkung entfalten, die also lediglich suggerieren, hier werde die Branche mal so richtig kritisch hinterfragt. Typisch Ortheil: Er grundiert alles mit feinem Humor, der im Falle des eigenwilligen Schriftstellers Hanggartner die schönsten Passagen beschert. Und dass Ortheils Lektor manche Formulierungen wie "rüttelt das Licht an den Domkonturen" durchgerutscht sind, kann eigentlich nur so erklärt werden: Es ist wohl als Hanggartner-Parodie gemeint.

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