Die gefundene Frau von Rita Kuczynski, 2001, ClaassenDie gefundene Frau.
Roman von Rita Kuczynski (2001, Claassen).
Besprechung von Werner Jung in der Frankfurter Rundschau, 6.8.2002:

Die Frau und der Rechner
Nicht ironisch: Rita Kuczynski findet eine Heimat im Netz

Wie könnte ein postmodernes Märchen oder, sagen wir, ein Märchen in postmodernen Zeiten wohl ausschauen? Etwa so: Frau mittleren Alters kommt im Berlin der Jetztzeit irgendwie ihre Identität abhanden samt Besitztum und somit bürgerlichem Ambiente sowie polizeidienstlicher Erkennbarkeit; fortan lebt sie als "baglady" auf der Straße und im Asyl, hält sich freilich in dieser "bag" (nein, nicht wie die "winos" billigen Fusel, sondern) einen veritablen Laptop und lernt dazu den Straßenmusiker Moses Grossman kennen, der sie - guter Engel, der er ist - beschützt und in den sie sich postwendend verliebt, bis am Ende dann - Ende gut und die Welt wieder in Ordnung - ein neuer, lukrativer Job in Amerika, Du hast es besser!, nämlich als Webdesignerin winkt. So die Geschichte. Fabula docet: In der größten Gefahr (Identitätsverlust!) wächst das Rettende auch (die Liebe!).

Ach ja, und sonst noch? Märchen sind bekanntlich die Fortschreibungen noch älterer archaischer Mythen. Daher versucht denn Rita Kuczynski auch in ihrem neuen Roman in Märchenform ein gehöriges Maß an Metaphysik und Zeitphilosophie hineinzupacken - was freilich nicht unbedingt als gelungen zu bezeichnen ist. Denn die Remedur ihrer Heldin, die die längste Zeit in diesem Text auf den von ihr selbst so genannten "Zeit-Raum" (des Asyls oder eines dann untergemieteten Zimmers) beschränkt ist, durch ihren Geliebten Moses mag zwar noch einigermaßen angehen; wenn sie dann allerdings die Segnungen des Internets und die Einrichtung einer Mail-Adresse oder einer Homepage als (postmodernes) Homecoming, als Inszenierung einer neuen Identität feiert, wird der Text ein wenig schal und verkommt die Medienästhetik endlich zum philosophischen Kleingeld einer (bereits) älteren Generation, die sich - vermutlich mit Begeisterung - in den entsprechenden Senioren-Chaträumen tummelt. Die eigene Homepage als Ort der Rückkehr, als wiedergefundene virtuelle Heimat in der Heimatlosigkeit, die Apologie also des "Nicht-Orts": "Ich gestand mir, ein Gefühl von Orientierungslosigkeit wollte ich nicht aufkommen lassen. Auch deshalb schien mir, im Netz angeschlossen zu sein, dringend geboten. Es gab mir die Gewissheit, nicht allein zu sein. Die Homepage als Zuflucht vor aller Obdachlosigkeit? Vielleicht."

Nein, schlimmer noch, die neuen Medien sollen alle Wunden heilen, die die mit realer Heimatlosigkeit geschlagenen Individuen fortan noch heimsuchen werden: nämlich durch Ubiquität und Echtzeit. Rechner, Handy, Webcam - dies die heilige, postmoderne Dreifaltig- und Einigkeit. Das ist keineswegs ironisch gemeint: "Dann schickte ich ihm vom Handy aus eine erste Nachricht an seine neue E-Mail-Adresse: ‚Wir werden hier sein und dort, denn wir haben nur eine Zeit. Agnes.' Zufrieden verließ ich den Laden."

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